Armer Charlie, jetzt haben sie Dich wirklich erwischt.
Zuerst die fanatischen Killer und jetzt Deine Freunde.
Was hast Du mittlerweile auch für Freunde, Charlie, mal ehrlich, wer solche Freunde hat, muss den Tod auch nicht mehr fürchten - pun unintended, aber Satire kannst Du ja vertragen.
All diese Politiker mit ihren grundehrlichen Gesichtern und all die selbst ernannten Heiligen, alle die, denen Du regelmäßig den dreckigsten aller Spiegel vorgehalten hast, sie sind jetzt Deine neuen Freunde. Und bevor ihre kostspieligen Rechtsanwälte die Unterlassungsklagen gegen Dich zurückziehen konnten, haben sich Deine neuen Freunde in dieser Nebenstraße in Deiner Stadt getroffen, der Stadt, die bislang immer offen genug war, um Dich und Deine Provokationen auszuhalten. Deine neuen Freunde haben sich - sie behaupten: nur für Dich - Zeit genommen. Sie haben sich aufgestellt, streng nach Wichtigkeit, Charlie, sie haben sogar Statisten mitgebracht, damit es echt aussieht, und ein paar hübsche Fotos machen lassen.
Darauf sehen sie sehr engagiert aus, wie immer, wenn ihre Pressesprecher etwas planen. Aber Du weißt ja Charlie, Weltgeschichte wird nun mal nicht von Pressesprechern gemacht. So kamen erst diese gottgefälligen Killer, weil sie auf ihre Heiligen gehört haben, und dann kamen Deine neuen Freunde.
Natürlich war jeder von ihnen plötzlich Charlie, jeder war mehr Charlie als der andere, aber nur kurz. Denn bevor der Protestmarsch losging, waren sie wieder verschwunden. Sie haben aber auch viel zu tun: Den Euro retten, Flüchtlinge ausweisen, Kinder küssen, toujours faire la bonne figure, Charlie, das verstehst Du, oder? Keine Zeit für Deinen Marsch, keine Zeit für die Menschen, keine Zeit, um die Namen Deiner Toten zu lernen. Außerdem, viele Menschen sind nun einmal gefährlich und wäre einem Deiner neuen Freunde etwas passiert, das hätte die Welt nicht ausgehalten.
Bei Dir ist es anders, auf Dich kann man schiessen Charlie, Du bist ein Aussätziger. Du hast verspottet, was heilig war, Du hast alle provoziert. Hätten nicht die einen geschossen, wären bald die anderen gekommen. 'Selbst Schuld' denken sie, wenn keine Kamera dabei ist. Warte, bis es Dir die Anhänger Deiner neuen Freunde auch wieder ins Gesicht brüllen, wenn sie Dich wieder fragen, auf wessen Seite Du eigentlich stehst. Wie viele Freunde Deiner neuen Freunde wollten Dich nicht auch schon mundtot machen?
Noch trauen sie sich nicht, noch wirkt das Bild: Alle Deine neuen Freunde nebeneinander in dieser Gasse, vor den bezahlten Statisten, alle ernsthaft und betroffen, alle sind sie Du und alle wegen der Freiheit. Der Meinungsfreiheit, sagen sie.
Die Pressesprecher sind begeistert, solche Bilder geben bei Wahlen Punkte.
Die Rechtsanwälte sind es nicht, weil die Prozesse gegen Deine Meinungsfreiheit nun auf Eis liegen. Aber sie warten schon auf die nächste Gelegenheit.
Ich weiß nicht, ob es die noch geben wird, Charlie, ob Du das überlebst. Erst der Anschlag und jetzt Deine neuen Freunde. Ich bin nicht Charlie, Charlie, ich kann und ich will es nicht sein. Aber sollte es doch noch mal dazu kommen, werde ich Dir auch nicht vorwerfen, meine Gefühle verletzt zu haben, religiöse oder andere. Denn nichts und niemand ist so heilig, dass Menschen dafür sterben müssen. Aber das weißt Du ja, Charlie.
Begegnungen mit dem Heinz in einer kleinen Berliner Raucherbar. Aktuelle Themen und Wasserstandsmeldungen.
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13.01.15
Good-bye, Charlie
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09.02.13
she blinded me with science
Anfang Februar fiel erneut schneeweißer Winter über die große, graue Stadt her, gemeinsam mit dem allgegenwärtigen Karneval und den Pleiten, Pech und Pannen ambitionierter Politiker in einem Wahljahr. Über schlecht geräumte Wege schlidderte ich an meinen Thekenplatz und geriet noch vor dem ersten Stout in die laufende Diskussion.
"Wieso muss eine Ministerin einen Hochschulabschluss haben?" fragte Mellie.
"Hmm", brummte der Heinz, "darum geht es doch gar nicht. Frau Schavan hat sich immer für Ehrlichkeit und Werte stark gemacht. Damit hat sie ihre Fallhöhe selbst bestimmt. Schon ihre Äußerungen über den Fall zu Guttenberg zeigen doch, wie verlogen sie ist."
"Aber sie hat doch die ganzen Jahre gute Arbeit geleistet."
Der Heinz atmete hörbar ein und sichtbar wieder aus. Sein Atem füllte den Raum in staubigem Grau: "Sie hat in Baden-Württemberg das zwölfjährige Abitur und Studiengebühren durchgesetzt - beides anerkannt fragwürdige pädagogische Massnahmen - und ansonsten ihrer Kanzlerin Nibelungentreue geschworen.
Größere Ambitionen wie Ministerpräsident von Baden-Württemberg oder Bundespräsidentin zu werden, hat sie jedes Mal aufgegeben, sobald es männliche Bewerber gab. Wie die Quotenhessin Schröder ist sie doch bloß eine Parteisoldatin mit einem fatalen Hang zu einer überkommenen Ordnung, die sie für gottgegeben hält. Was die Opposition abhält, ihre Leistungen in Frage zu stellen, ist bloß die Konvention, nicht schlecht über Tote zu reden."
Draußen fiel der Schnee in großen Flocken: "Du erträgst bloß keine Frauen in leitenden Positionen."
"Ich ertrage doch Dich."
"Wenn Du hier weiter trinken willst, musst Du das auch."
"Weißt Du Mellie," brummte der Heinz, "eigentlich haben wir gar keinen Akademikermangel, die Firmen wollen nur keine ordentlichen Löhne bezahlen und rechnen den Bedarf hoch, um billige Kräfte aus dem Ausland zu bekommen. Angesichts diesen künstlichen Bedarfs ist Frau Schavan trotz ihrer Vorliebe für Eliten-Bildung - wahrscheinlich hat sie bis vor Kurzem noch geglaubt, selbst zur Leistungselite zu zählen - auf die Erwachsenenbildung gekommen.
Sie hat nie wirklich was dafür getan, aber jetzt könnte sie doch mal zeigen, dass es ihr Ernst damit war: Um eine neue Doktorarbeit zu schreiben, müsste sie bloß die Aufnahmeprüfung schaffen, alle Formalien bezüglich Noten, Zeit, Ort, Gebühren und Praktikum usw. erfüllen und die reichlich Creditpoints erarbeiten, um danach die Aufnahme zum Masterstudium zu schaffen. Als Bachelor wird man nix und eine Garantie für die Zulassung zum Master gibt es nicht. Das zweite Studium bedeutet keine Erstausbildungsförderung mehr und die nächste Uni - was sind schon ein, zwei Umzüge bei den heutigen Wohnverhältnissen. Die Promotion dürfte, würde sie denn angenommen, noch mal mindestens drei Jahre dauern.
Das wäre zwar nicht so lässig und schnell wie die Promotion, die ihr vor dreißig Jahren hinterher geworfen wurde, aber danach wäre sie die erste Politikerin, die unter den von ihr geschaffenen Bedingungen tatsächlich einen akademischen Grad erreicht hätte."
Mellies Mund stand offen.
"Politiker erfüllen ihre eigenen Anforderungen so gut wie nie", strahlte der Heinz, "und Frau Schavan hat immer wieder die Vorteile ihrer fragwürdigen Entscheidungen für 'ernsthafte' Schüler und Studenten hervorgehoben; soll sie es halt beweisen.
Im Übrigen würde ich jetzt gern 'she blinded me with science' von Thomas Dolby hören. Und wenn Du eine Limo von Dr. Pepper hast, würde ich gern eine trinken."
"Wieso muss eine Ministerin einen Hochschulabschluss haben?" fragte Mellie.
"Hmm", brummte der Heinz, "darum geht es doch gar nicht. Frau Schavan hat sich immer für Ehrlichkeit und Werte stark gemacht. Damit hat sie ihre Fallhöhe selbst bestimmt. Schon ihre Äußerungen über den Fall zu Guttenberg zeigen doch, wie verlogen sie ist."
"Aber sie hat doch die ganzen Jahre gute Arbeit geleistet."
Der Heinz atmete hörbar ein und sichtbar wieder aus. Sein Atem füllte den Raum in staubigem Grau: "Sie hat in Baden-Württemberg das zwölfjährige Abitur und Studiengebühren durchgesetzt - beides anerkannt fragwürdige pädagogische Massnahmen - und ansonsten ihrer Kanzlerin Nibelungentreue geschworen.
Größere Ambitionen wie Ministerpräsident von Baden-Württemberg oder Bundespräsidentin zu werden, hat sie jedes Mal aufgegeben, sobald es männliche Bewerber gab. Wie die Quotenhessin Schröder ist sie doch bloß eine Parteisoldatin mit einem fatalen Hang zu einer überkommenen Ordnung, die sie für gottgegeben hält. Was die Opposition abhält, ihre Leistungen in Frage zu stellen, ist bloß die Konvention, nicht schlecht über Tote zu reden."
Draußen fiel der Schnee in großen Flocken: "Du erträgst bloß keine Frauen in leitenden Positionen."
"Ich ertrage doch Dich."
"Wenn Du hier weiter trinken willst, musst Du das auch."
"Weißt Du Mellie," brummte der Heinz, "eigentlich haben wir gar keinen Akademikermangel, die Firmen wollen nur keine ordentlichen Löhne bezahlen und rechnen den Bedarf hoch, um billige Kräfte aus dem Ausland zu bekommen. Angesichts diesen künstlichen Bedarfs ist Frau Schavan trotz ihrer Vorliebe für Eliten-Bildung - wahrscheinlich hat sie bis vor Kurzem noch geglaubt, selbst zur Leistungselite zu zählen - auf die Erwachsenenbildung gekommen.
Sie hat nie wirklich was dafür getan, aber jetzt könnte sie doch mal zeigen, dass es ihr Ernst damit war: Um eine neue Doktorarbeit zu schreiben, müsste sie bloß die Aufnahmeprüfung schaffen, alle Formalien bezüglich Noten, Zeit, Ort, Gebühren und Praktikum usw. erfüllen und die reichlich Creditpoints erarbeiten, um danach die Aufnahme zum Masterstudium zu schaffen. Als Bachelor wird man nix und eine Garantie für die Zulassung zum Master gibt es nicht. Das zweite Studium bedeutet keine Erstausbildungsförderung mehr und die nächste Uni - was sind schon ein, zwei Umzüge bei den heutigen Wohnverhältnissen. Die Promotion dürfte, würde sie denn angenommen, noch mal mindestens drei Jahre dauern.
Das wäre zwar nicht so lässig und schnell wie die Promotion, die ihr vor dreißig Jahren hinterher geworfen wurde, aber danach wäre sie die erste Politikerin, die unter den von ihr geschaffenen Bedingungen tatsächlich einen akademischen Grad erreicht hätte."
Mellies Mund stand offen.
"Politiker erfüllen ihre eigenen Anforderungen so gut wie nie", strahlte der Heinz, "und Frau Schavan hat immer wieder die Vorteile ihrer fragwürdigen Entscheidungen für 'ernsthafte' Schüler und Studenten hervorgehoben; soll sie es halt beweisen.
Im Übrigen würde ich jetzt gern 'she blinded me with science' von Thomas Dolby hören. Und wenn Du eine Limo von Dr. Pepper hast, würde ich gern eine trinken."
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