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07.11.13

James Bond, cablecaster

Draußen hing kalter Regen in der Luft, drinnen saß ich im Warmen vor einem Stout und wartete auf das Gewitter. Lange konnte es nicht mehr dauern, bis der Heinz die Romeo & Julietta aus dem Mund nehmen und dem lautstarken Stammtisch-Geschwafel Einhalt gebieten würde.
"... was ist denn daran auszusetzen? Wir teilen doch sowieso schon allen alles mit. Und ich habe nichts zu verbergen ..."
Der Typ, der Mellie aufklären wollte, war untergroß, ging gebeugt und trug das Haar unter der Nase statt auf dem Kopf. Er versuchte davon mit Baskenmütze und lässigem Schal abzulenken und zerteilte die Stille mit zwanghafter Aufdringlichkeit. Ich beobachtete, wie die Wolken in der Ecke größer und dichter wurden. Kein gutes Zeichen für eine friedliche Zukunft.
"Der niedersächsische Verfassungsschutz musste Daten löschen, weil sie Journalisten, die von antifa-Demonstrationen berichten, als Extremisten beobachtet haben."
"Ach, davon spreche ich doch gar nicht."
"Sie haben noch nie an Demonstrationen teilgenommen? Nicht mal gegen den Kindergarten oder das Asylantenheim am Ende der Straße?"
"Na hören Sie mal!"
"Das zentrale Argument der amerikanischen und englischen Geheimdienste ist es, eine Gesellschaftsform zu schützen."
Der Schnauzbart sah den Heinz herausfordernd an: "Und haben Sie was dagegen?"
"Das war die zentrale Begründung für die Existenz der Stasi."
"Das können Sie doch nicht vergleichen!"
"Warum nicht? Ich treffe täglich Menschen, die im Osten auch nie Schwierigkeiten hatten. Sie hatten drüben eben auch nichts zu verbergen."
"Aber das können sie doch überhaupt nicht vergleichen!"
Der Heinz zuckte die Achseln: "Was ist mit Russland? Auch Putin verteidigt seine Gesellschaft mit den Urteilen gegen die 'Pussy Riot-Frauen' und Chodorkowski .
Und dieser Faschingsgeneral von der NSA redete über die Gefährdung seiner Arbeit als Geheimdienstler durch 'Verräter' wie Snowden. An seiner Stelle hätte ich mir auch gut Herrn Mielke vor dem Ausschuss vorstellen können.
Was halten Sie von der PKW-Maut?"
"Wenn wir in Italien Maut zahlen müssen, dann sollen die doch auch bei uns ..."
"Sie wissen, dass Herr Friedrich die so erhobenen Bewegungsdaten sofort erkennungsdienstlich verwenden will? Zusammen mit seinem Vorstoß, alle Daten an den Netzwerk-Knotenpunkten abzugreifen, gibt das ein komplettes Bewegungsbild. Aber Sie haben ja nichts zu verbergen. Keine Treffen mit Verwandten und Freunden mehr, die ausreisen wollen."
"Aus der BRD dürfen wir ausreisen!"
Der Heinz blies Rauch aus: "Bis jetzt, aber warten Sie mal, bis die Mauer gebaut wird. Immerhin haben Sie wenigstens kulturell Recht."
"Wieso das denn?"
"Nun wissen wir, wie Geheimdienste wirklich arbeiten."
"Und?"
"Jetzt wird Daniel Craig wohl im nächsten James Bond einen Arbeitsoverall tragen, Kabel legen und Antennenspannungen prüfen. Keine Autos, keine Frauen, keine Waffen, nur anderthalb Stunden Kabel und Antennen. Das wird ein Thriller."
Er wandte sich an die kichernde Mellie: "Wie wäre es mit einem Vodka-Martini und 'nobody does it better' von Carly Simon?"

25.11.11

Money for nothing

Nebel war über Berlin gekommen, ungewöhnlich dichter Nebel, wie aus einem Edgar-Wallace-Film gekrochen. Ein Nebel, in dem selbst der Hund von Baskerville Gefahr lief, überfahren zu werden.
Eng an ein Stout gekuschelt saß ich an der Theke und beobachtete, wie der Heinz in seiner Ecke in Papieren kramte.
„Steuererklärung?“
„Zettelwirtschaft; muss meine Deckel bei Mellie glattmachen.“
„Und reicht’s?“
„Klar. Ab morgen kann ich ja wieder anschreiben lassen. Trotzdem sollte ich mir ein neues Geschäftsmodell suchen.“
Münze für Münze zählte er Geld auf den Tisch. „Kollege, was hieltest Du denn zum Beispiel von der Gründung einer radikalen Interessengemeinschaft?“
„Links- oder rechtsradikal?“
„Oh, zur Zeit ist mir sehr nach Recht und Ordnung.“
„Rechtsradikaler Straßenmob, Aktivisten für Gerechtigkeit, Todesstrafe und gegen Ausländer oder bloß Vordenker für die deutsche Leitkultur?“
„Ich nehme den Aktivisten, Straßenkampf ist mir zu anstrengend.
Und während ich die Todesstrafe für Kleinstvergehen und Parkplätze nur für Deutsche fordere, könntest Du mich unterstützen, indem Du ein paar Drohbriefe herumschickst und ein, zwei Hetzaufrufe im Internet startest.“
„Ja und ich könnte auch versuchen..., wie heißt unsere Familienministerin?“
„Eva Braun?“
Ich sah auf die Uhr: „Um die Zeit wohl eher deren Enkelin. Jedenfalls setzt sie sich sehr dafür ein, dass rechts bleibt, was rechts ist. Ich könnte ihr die Schirmherrschaft andienen. Als Rechte müssten wir ihr ja nicht mal versichern, das Grundgesetz zu respektieren.“
„Gute Idee. Kurz darauf werde ich dann beim Verfassungsschutz vorstellig und biete mich als V-Mann für unsere Bewegung an. Gegen ordentliche Bezahlung versteht sich.“
„Meinst Du, die zahlen genug für uns beide?“
„Sicher. Bei den Tarifen, die die für nicht überprüfbare Informationen bieten.“ Der Heinz warf einen letzten, traurigen Blick in sein Portemonnaie und steckte es weg.
„Mellie, es reicht noch für einen Korn Hausmarke. Und ich würde gern ‚Money for nothing’ hören.“
Dire Straits?“ kam es vom Tresen zurück.
Ich nickte sacht und beschloss bei dem Gedanken an die Leere, die den Heinz grad angestarrt hatte, meinen Job vorsichtshalber doch noch nicht zu kündigen.