Im Juni waren die Hundstage gekommen, genau wie Barrack Obama. Wozu, wusste keiner so genau. Passend dazu wurde am Tresen lautstark der letzte Vorschlag von Innenminister Friedrich, die Strafverfolgung in Deutschland wesentlich effizienter zu gestalten, diskutiert.
"Natürlich hätten die Bullen mit amerikanischen Sirenen mehr Erfolg," meinte der lange, dünne Typ im schreiend bunten Tank-Top an der Bar, während er intensiv versuchte, Mellies ohnehin schon großzügigen Ausschnitt noch etwas tiefer auszuloten.
"Die kennen wir doch alle seit unserer Kindheit aus Film, Funk und Fernsehen: 'Einsatz in Manhattan', 'Straßen von San Francisco', 'Starsky und Hutch', 'Miami Vice' oder 'CSI'."
"...'T.J. Hooker', 'Chips'," brummelte der Heinz unüberhörbar aus seiner Ecke.
"Wie bitte?"
"Zwei der langweiligsten Krimiserien der Achtziger," meinte der Heinz, "aber eben mit ganz viel Jammer-Sirene."
"Und?" der Typ an der Bar konnte sich immer noch nicht entscheiden, ob er seine Aufmerksamkeit lieber in des Heinzens oder Mellies Argumente investieren sollte.
"Wer glaubt denn wirklich, dass deutsche Straftäter im bloßen Gedenken an Dave Starsky oder Sonny Crockett sofort rechts ran fahren, wenn sie eine amerikanische Sirene hören?"
Außerdem übersieht unser Innenminister in seiner Innovations-Wut, dass die Ausstattung der Polizeikräfte Ländersache ist. Und die Bundesländer können sich ja nicht mal auf eine Uniform- oder Wagenfarbe einigen."
Jetzt konnte sich der Typ endlich von Mellie losreißen und sah den Heinz direkt an: "Die verdammten Bundesländer blockieren immer alles, ganz besonders seit die Sozis dort die Mehrheit haben."
"Naja, Gesetz ist halt Gesetz."
"Aber man könnte das wirklich leicht umsetzen. Die Autos haben doch schon lange keine Sirenen mehr, die haben Tongeneratoren, die im Prinzip jeden beliebigen Klang simulieren können."
Der Heinz nickte: "Das ist ja toll. Jeden Klang? Und alle Geräusche? Also auch Blähungen oder quietschende Türen?"
"Bleiben Sie doch bitte ernst!"
"Bei dem Thema? Weil die Sirene von Polizeifahrzeugen der wichtigste Aspekt moderner Strafverfolgung ist? Nicht wirklich, oder?"
Die beiden schwiegen einen Moment, aber mir war klar, dass der Heinz sein letztes Wort noch nicht gesprochen hatte.
"Das wäre aber auch eine super Möglichkeit, die leeren Kassen aufzufüllen."
"Wie das?"
Manche Menschen rennen eben sehenden Auges in ihren Untergang.
"Na, sie könnten Straftäter auf der Flucht ansimsen und ihnen - für eine kleine Gebühr natürlich - ihren Lieblingssong als Wohnblock erbebenden Sirenenjingle anbieten. Die Titelmelodie vom 'Paten' zum Beispiel.
Und Intensivstraftäter könnten dann von ihrem frisch Geklauten ein Monatsabo per Flatrate buchen. Um aus einem Fundus von sagen wir fünf Songs einen Monat lang ihren Lieblingssong als Sirenensound ganz individuell für jede Verfolgungsjagd wählen.
Jeden Tag veränderbar, Kündigungsfrist alle drei Monate; für den Fall, dass mal mehr zu tun ist. Der richtige Jingle auf der Flucht bringt die verbrüderten Knastis doch vor Neid zum Platzen."
Der Typ an der Bar sah erst irritiert, dann zunehmend verärgert von dem Heinz zu Mellie und zurück. Als beide tatsächlich ernst blieben, warf er einen Geldschein auf den Tresen und verlies gemessenen Schrittes und ohne ein weiteres Wort das Lokal.
"Na also," meinte der Heinz, "das hat ja gedauert. Und jetzt bitte 'Polizisten' von Extrabreit und einen extraweichen 'Mariacron' für alle, denn das Leben ist schon hart genug."
"Danke, nicht für mich," sagte ich leise, aber verständlich.
Begegnungen mit dem Heinz in einer kleinen Berliner Raucherbar. Aktuelle Themen und Wasserstandsmeldungen.
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21.06.13
Jingle auf der Flucht oder Einsatz in Lichterfelde
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30.10.12
Beautiful Sunday
"Was Schönes eingekauft?" wollte Mellie wissen, als ich die bunte Plastiktüte klirrend auf dem Tresen abstellte.
Ich zog einen Flunsch und bestellte mein Stout.
"Dass ausgerechnet Du am Sonntag einkaufen gehst..."
Ich sah sie über den Rand des Glases an: "Wieso?"
"Üblicherweise verteidigst Du die Werktätigen Genosse," brummte der Heinz und Rauch wehte aus seiner Ecke in den Barraum, "da war davon auszugehen, dass Du alter Gewerkschafter den verkaufsoffenen Sonntag scheust wie der Teufel das Weihwasser."
"Sehr lustig."
"Ich muss auch jeden Sonntag arbeiten," meinte Mellie.
"Du und jeder andere Pfarrer," lachte der Heinz, "alles Männer Gottes."
"Das wage ich noch zu bezweifeln," maulte ich zu leise in mein leeres Glas, um gehört zu werden, und bestellte das nächste. "Die Schlossstraße hinauf und hinunter habe ich ganzen Hunnenhorden mit drei Buchstaben auf dem Kennzeichen die Stirn geboten und musste dann trotzdem zum Apotheken-Nachttarif bei Karstadt einkaufen. Mehr als die Hälfte aller Läden war nämlich nicht geöffnet."
"Freies Unternehmertum," gab der Heinz zurück, "niemand wird gezwungen, Geld zu verdienen."
"Sei zufrieden, dass Du in Berlin lebst. Hier gibt's wenigstens keine Sperrstunde," sagte Mellie, ganz stolze Hauptstädterin.
"Oh," der Heinz gab den Oberlehrer, "die bundesweite Sperrstunden-Regelung gibt es schon lang nicht mehr. Inzwischen legt jedes Bundesland selbst fest, wann wer aufhaben darf. Deshalb haben wir auch diese entzückend kleinteiligen Regelungen mit den zwei verkaufsoffenen Advent-Sonntagen und den seltsamen Öffnungszeiten für die Läden im Hauptbahnhof und demnächst im Flughafen."
Mellie nickte: "Die habe ich nie verstanden!"
"Das eine hängt an der Zahl der verkaufsoffenen Sonntage pro Jahr. Die Kirchen verlangen Kompromisse, damit mehr ihrer Schäfchen Sonntags Zeit für sie haben. Und die Entscheidung, welche Läden an normalen Sonntagen öffnen dürfen, hängt davon ab, ob es sich bei ihrer Ware um Reisebedarf handelt."
"Reisebedarf?"
Der Heinz sah sie nachsichtig an: "Aber noch besser sind die Bayern. Bei deren Tankstellen kriegst Du nach acht und an Wochenenden nur Ware, wenn mit dem Auto vorfährst."
"Super," sagte ich, "Deiner Party geht nach Stunden das Bier aus, und Du musst mit dem Auto einkaufen fahren, egal wie viel Du schon intus hast. Erhöht die Verkehrssicherheit bestimmt ungemein."
"Nun sag schon," fragte Mellie, "was hast Du denn nun so dringend gebraucht?"
"Bier." Ich sah zur Decke. "Und eine bestimmte Flasche Whisky."
"Schätzchen, Du hättest doch nur zu mir kommen müssen," säuselte Mellie, "ich hab doch jeden Sonntag auf. Und zum Schluss endest Du doch sowieso jedes Mal wieder hier."
Ich nickte gottergeben, sie blickte in meine Plastiktüte.
"Na dann einen Jim Beam Rye für alle und ein Bier!" rief sie. "Und soll ich mal 'Sunday bloody sunday' für Dich auflegen?"
Ich zog einen Flunsch und bestellte mein Stout.
"Dass ausgerechnet Du am Sonntag einkaufen gehst..."
Ich sah sie über den Rand des Glases an: "Wieso?"
"Üblicherweise verteidigst Du die Werktätigen Genosse," brummte der Heinz und Rauch wehte aus seiner Ecke in den Barraum, "da war davon auszugehen, dass Du alter Gewerkschafter den verkaufsoffenen Sonntag scheust wie der Teufel das Weihwasser."
"Sehr lustig."
"Ich muss auch jeden Sonntag arbeiten," meinte Mellie.
"Du und jeder andere Pfarrer," lachte der Heinz, "alles Männer Gottes."
"Das wage ich noch zu bezweifeln," maulte ich zu leise in mein leeres Glas, um gehört zu werden, und bestellte das nächste. "Die Schlossstraße hinauf und hinunter habe ich ganzen Hunnenhorden mit drei Buchstaben auf dem Kennzeichen die Stirn geboten und musste dann trotzdem zum Apotheken-Nachttarif bei Karstadt einkaufen. Mehr als die Hälfte aller Läden war nämlich nicht geöffnet."
"Freies Unternehmertum," gab der Heinz zurück, "niemand wird gezwungen, Geld zu verdienen."
"Sei zufrieden, dass Du in Berlin lebst. Hier gibt's wenigstens keine Sperrstunde," sagte Mellie, ganz stolze Hauptstädterin.
"Oh," der Heinz gab den Oberlehrer, "die bundesweite Sperrstunden-Regelung gibt es schon lang nicht mehr. Inzwischen legt jedes Bundesland selbst fest, wann wer aufhaben darf. Deshalb haben wir auch diese entzückend kleinteiligen Regelungen mit den zwei verkaufsoffenen Advent-Sonntagen und den seltsamen Öffnungszeiten für die Läden im Hauptbahnhof und demnächst im Flughafen."
Mellie nickte: "Die habe ich nie verstanden!"
"Das eine hängt an der Zahl der verkaufsoffenen Sonntage pro Jahr. Die Kirchen verlangen Kompromisse, damit mehr ihrer Schäfchen Sonntags Zeit für sie haben. Und die Entscheidung, welche Läden an normalen Sonntagen öffnen dürfen, hängt davon ab, ob es sich bei ihrer Ware um Reisebedarf handelt."
"Reisebedarf?"
Der Heinz sah sie nachsichtig an: "Aber noch besser sind die Bayern. Bei deren Tankstellen kriegst Du nach acht und an Wochenenden nur Ware, wenn mit dem Auto vorfährst."
"Super," sagte ich, "Deiner Party geht nach Stunden das Bier aus, und Du musst mit dem Auto einkaufen fahren, egal wie viel Du schon intus hast. Erhöht die Verkehrssicherheit bestimmt ungemein."
"Nun sag schon," fragte Mellie, "was hast Du denn nun so dringend gebraucht?"
"Bier." Ich sah zur Decke. "Und eine bestimmte Flasche Whisky."
"Schätzchen, Du hättest doch nur zu mir kommen müssen," säuselte Mellie, "ich hab doch jeden Sonntag auf. Und zum Schluss endest Du doch sowieso jedes Mal wieder hier."
Ich nickte gottergeben, sie blickte in meine Plastiktüte.
"Na dann einen Jim Beam Rye für alle und ein Bier!" rief sie. "Und soll ich mal 'Sunday bloody sunday' für Dich auflegen?"
02.10.12
Zug um Zug
Ich bog um die Ecke und der Tag war ein besonderer. Vor der Bar fletzte der Heinz in einem der Plastikstühle. Ich sah von seinem missmutigen Gesicht zur verschlossenen Tür, schnappte mir auch einen Stuhl vom Stapel und fragte: "Soll ich kurz zu 'Getränke Hoffmann' rüber, ein Sixpack holen?"
"Willst Du mich zu allem Überfluss auch noch auf den Arm nehmen?"
Wollen hätte ich schon gemocht, nur dürfen habe ich mich nicht getraut. Denn unbedingt zu vermeiden wäre dabei, dass der Heinz seine Unzufriedenheit über die Gesamtsituation anschliessend an mir ausließ. Heikel. Und ambitioniert. Noch in der Planungsphase meiner Antwort überholte mich die Realität in Form von Mellies Ankunft.
"Natürlich müsst ausgerechnet Ihr es sein!" schnauzte sie, bevor sie schaumgebremst und mit hochrotem Kopf erst das Sicherheitsgitter, dann die Tür aufschloss.
Bis Licht und Musik andeuteten, dass die Explosionsgefahr drinnen nicht mehr unmittelbar sei, warteten wir. Schwerfällig ließ sich der Heinz in seiner Ecke nieder, ich nahm mir einen Barhocker.
"Diese verdammte S-Bahn!" Donner rollte heran.
Da ich nicht wusste, ob sie mit mir, dem Heinz oder wie einst Don Camillo mit dem höheren Wesen, das sie verehrte, redete, beschränkte ich mich auf ein Nicken.
"Erst sind Züge ausgefallen, dann haben Heizungen und Türen nicht funktioniert, waren Weichen vereist, haben Kabel gebrannt und was weiß ich nicht noch alles."
"Rücktritt Mehdorn, Auftritt Grube", kommentierte der Heinz aus dem Off, offensichtlich vollständig angstfrei.
"Dann haben sie diese bescheuerte Brücke vor Wannsee abgerissen und den Fahrplan umgestellt, um in Nikolassee Anschluss zu schaffen."
Mellie sah mich wütend an. Um den Heinz wütend anzusehen, hätte sie sich ziemlich vorbeugen müssen. Das wiederum hätte ich gern gesehen.
"Die Verbindung zur BVG hat von Anfang an nicht geklappt, genau wie zum Ersatzverkehr, wenn Du auf der Treppe nicht zu den ersten zwanzig gehörst."
Ich wartete.
"Und jetzt bauen sie zwischen Schöneberg und Friedenau und ich brauche fürs Warten und Umsteigen länger als für die Fahrtzeit."
Bislang hatte sie weder nach Getränken gefragt, noch mit unseren Standardbestellungen begonnen.
"Als Sahnehäubchen fährt eine Freundin täglich im Regionalverkehr nach Griebnitzsee. Aber der wurde wegen des Brückenbaus ebenfalls komplett und gleichzeitig zur S-Bahn eingestellt. Und die Kirsche oben drauf ist die Avus, die seit dem Sommer halb gesperrt ist. Völlig egal wie oder wann, Du landest im Stau."
Vorsichtig deutete ich auf das Regal hinter ihr, in dem unglaubliche Mengen von Alkohol auf Gäste - also mich - warteten, aber Mellie sah nichts, Mellie hörte nichts.
"Wenn ich könnte würde ich die Bahn auf Rückgabe meiner zwischen ihren Baustellen verlorenen Lebenszeit verklagen."
"Die Bahn AG will nur Geld verdienen." Der Heinz schnitt ein Zigarrenende ab.
"Ob sie mit dem Monopol für den innerdeutschen öffentlichen Nahverkehr - eine Folge des ersten Weltkriegs - die Preise hochtreibt, KZ-Häftlinge transportiert oder uns das von uns selbst bezahlte Schienensystem vorenthält und uns immer wieder aufs Neue dafür bezahlen lässt, dass wir es benutzen." Er gab sich Feuer.
"Renditevorstellungen in Höhen, von denen mittlerweile selbst die Deutsche Bank abgerückt ist, bluten die S-Bahn aus, und Du glaubst, die würden sich auch nur die Bohne um Deine Transportbedürfnisse scheren? Lieber kauft die Busse in Indien oder Container-Schiffe in Afrika."
"Ich will aber nicht von Hongkong nach Macao, sondern von Mitte nach Steglitz und zwar pronto, damit ich nicht nochmal zu spät komme und ihr beiden Besserwisser schon auf mich wartet. Habt Ihr eigentlich die verdammten Stühle draußen zurück auf den Stapel gestellt? Heute soll's noch regnen!"
Ich ging Stühle stapeln. Und bevor ich mich endgültig ohne Bier vom Acker machte, hatte ich tatsächlich noch keine Replik von dem Heinz gehört, keine passende Bestellung, keinen Musikauftrag.
"Willst Du mich zu allem Überfluss auch noch auf den Arm nehmen?"
Wollen hätte ich schon gemocht, nur dürfen habe ich mich nicht getraut. Denn unbedingt zu vermeiden wäre dabei, dass der Heinz seine Unzufriedenheit über die Gesamtsituation anschliessend an mir ausließ. Heikel. Und ambitioniert. Noch in der Planungsphase meiner Antwort überholte mich die Realität in Form von Mellies Ankunft.
"Natürlich müsst ausgerechnet Ihr es sein!" schnauzte sie, bevor sie schaumgebremst und mit hochrotem Kopf erst das Sicherheitsgitter, dann die Tür aufschloss.
Bis Licht und Musik andeuteten, dass die Explosionsgefahr drinnen nicht mehr unmittelbar sei, warteten wir. Schwerfällig ließ sich der Heinz in seiner Ecke nieder, ich nahm mir einen Barhocker.
"Diese verdammte S-Bahn!" Donner rollte heran.
Da ich nicht wusste, ob sie mit mir, dem Heinz oder wie einst Don Camillo mit dem höheren Wesen, das sie verehrte, redete, beschränkte ich mich auf ein Nicken.
"Erst sind Züge ausgefallen, dann haben Heizungen und Türen nicht funktioniert, waren Weichen vereist, haben Kabel gebrannt und was weiß ich nicht noch alles."
"Rücktritt Mehdorn, Auftritt Grube", kommentierte der Heinz aus dem Off, offensichtlich vollständig angstfrei.
"Dann haben sie diese bescheuerte Brücke vor Wannsee abgerissen und den Fahrplan umgestellt, um in Nikolassee Anschluss zu schaffen."
Mellie sah mich wütend an. Um den Heinz wütend anzusehen, hätte sie sich ziemlich vorbeugen müssen. Das wiederum hätte ich gern gesehen.
"Die Verbindung zur BVG hat von Anfang an nicht geklappt, genau wie zum Ersatzverkehr, wenn Du auf der Treppe nicht zu den ersten zwanzig gehörst."
Ich wartete.
"Und jetzt bauen sie zwischen Schöneberg und Friedenau und ich brauche fürs Warten und Umsteigen länger als für die Fahrtzeit."
Bislang hatte sie weder nach Getränken gefragt, noch mit unseren Standardbestellungen begonnen.
"Als Sahnehäubchen fährt eine Freundin täglich im Regionalverkehr nach Griebnitzsee. Aber der wurde wegen des Brückenbaus ebenfalls komplett und gleichzeitig zur S-Bahn eingestellt. Und die Kirsche oben drauf ist die Avus, die seit dem Sommer halb gesperrt ist. Völlig egal wie oder wann, Du landest im Stau."
Vorsichtig deutete ich auf das Regal hinter ihr, in dem unglaubliche Mengen von Alkohol auf Gäste - also mich - warteten, aber Mellie sah nichts, Mellie hörte nichts.
"Wenn ich könnte würde ich die Bahn auf Rückgabe meiner zwischen ihren Baustellen verlorenen Lebenszeit verklagen."
"Die Bahn AG will nur Geld verdienen." Der Heinz schnitt ein Zigarrenende ab.
"Ob sie mit dem Monopol für den innerdeutschen öffentlichen Nahverkehr - eine Folge des ersten Weltkriegs - die Preise hochtreibt, KZ-Häftlinge transportiert oder uns das von uns selbst bezahlte Schienensystem vorenthält und uns immer wieder aufs Neue dafür bezahlen lässt, dass wir es benutzen." Er gab sich Feuer.
"Renditevorstellungen in Höhen, von denen mittlerweile selbst die Deutsche Bank abgerückt ist, bluten die S-Bahn aus, und Du glaubst, die würden sich auch nur die Bohne um Deine Transportbedürfnisse scheren? Lieber kauft die Busse in Indien oder Container-Schiffe in Afrika."
"Ich will aber nicht von Hongkong nach Macao, sondern von Mitte nach Steglitz und zwar pronto, damit ich nicht nochmal zu spät komme und ihr beiden Besserwisser schon auf mich wartet. Habt Ihr eigentlich die verdammten Stühle draußen zurück auf den Stapel gestellt? Heute soll's noch regnen!"
Ich ging Stühle stapeln. Und bevor ich mich endgültig ohne Bier vom Acker machte, hatte ich tatsächlich noch keine Replik von dem Heinz gehört, keine passende Bestellung, keinen Musikauftrag.
30.12.11
Wanted dead or alive
Ich hatte mein Stout zur Hälfte geschafft, als ich bemerkte, dass der Heinz in seiner Ecke hektischer schrieb und qualmte als sonst. Die zweite Hälfte des Glases sah ich ihm zu.
"Schöner Stift", bemerkte ich dann und bestellte ein zweites Glas.
Der Heinz legte die Zigarre beiseite und blickte stolz auf seinen ebenso dicken Füllhalter: "Montblanc 149. In den USA heisst er wegen der damit unterschriebenen Verträge Power-Pen. Das Schreibgerät für alles hoch Offizielle!"
Ich kümmerte mich erstmal um mein zweites Stout.
"Ich höre immer offiziell?"
"Endlich ist mal eine Stelle vakant, für die ich nicht überqualifiziert bin."
Das konnte ja nun viel heißen: "Gibt es immer noch keinen Nachfolger für Gottschalk?"
"Sehr witzig. Die CDU sucht händeringend nach einem Justizsenator."
"Solang Du Dich nicht auf die Al-Qaida-Stellenanzeige für den Job von Bin Laden bewirbst." So gesehen schien sich der Arbeitsmarkt zumindest für Führungskräfte tatsächlich entspannt zu haben. Laut fragte ich: "Hat Dich Henkel gefragt oder wird das eine Initiativ-Bewerbung?"
"Ich höre immer offiziell?"
"Endlich ist mal eine Stelle vakant, für die ich nicht überqualifiziert bin."
Das konnte ja nun viel heißen: "Gibt es immer noch keinen Nachfolger für Gottschalk?"
"Sehr witzig. Die CDU sucht händeringend nach einem Justizsenator."
"Solang Du Dich nicht auf die Al-Qaida-Stellenanzeige für den Job von Bin Laden bewirbst." So gesehen schien sich der Arbeitsmarkt zumindest für Führungskräfte tatsächlich entspannt zu haben. Laut fragte ich: "Hat Dich Henkel gefragt oder wird das eine Initiativ-Bewerbung?"
"Die Frist läuft ab und ich will Montag früh nicht der Erste an der Pinnwand des Jobcenters Neukölln sein müssen."
"Sie könnten auch eine Casting-Show veranstalten."
"Wäre nicht weiter wild, Bushido reicht die Bezahlung nicht, der ist doch voll integriert."
"Und Du willst Dich ernsthaft dabei filmen lassen, wie Du vor Heidi oder Dieter das Strafrecht absingst?" gab ich zu bedenken, "außerdem: Was ist mit zu Guttenberg? Der würde es machen, bloß um an den Copyrights schrauben zu dürfen."
"Kannst Du Dir einen Justizsenator vorstellen, der schon am Kopierer ein gefährlicher Mann ist?"
"Na ja, das Wirtschaftsressort hat die CDU auch einer Frau übergeben, deren Qualifikation laut 'Abendschau' darin besteht, Marathon-Läuferin zu sein."
"Iron Man und Iron Lady kann man ja auch schon mal verwechseln. Der Henkel wollte eben Maggie Thatcher. Es hätte schlimmer kommen können."
"Wie das?"
"Mehdorn. Der hätte doch als erstes den neuen Flughafen unter die Erde verlegt."
"Zumindest der Flugroutendebatte hätte das völlig neue Impulse verliehen."
Mein zweites Stout näherte sich dem Ende: "Scheint so, als hätten sie tatsächlich ein Schild vor die CDU-Zentrale stellen können: 'Junger Mann zum Mitreisen gesucht'. Aber was ist denn nun Deine spezielle Qualifikation?"
"Ich habe schon Wowereits und Henkels Verhandlungsdress - schwarzer Anzug und weißes Hemd mit hellblauer Krawatte - im Schrank und mal ernsthaft: Allein mit dem Stift bin ich doch quasi alternativlos.
Hey Mellie!" rief er begeistert, "schmeiß doch mal 'the one and only' auf den Plattenteller und bring mir ein Glas Champagner!"
"Tut es auch Sekt Hausmarke?" echote es von hinter dem Tresen, "was anderes hab ich nämlich nicht."
Wo wir grade von alternativlos reden, dachte ich und: Ich steh' auf Berlin.
16.09.11
Krethi & Pleiti & die FDP
Einmal mehr betrachtete ich den Schaum am Boden eines Glases Murphy’s viel zu früh am Tag und überdachte die Möglichkeit eines weiteren, als sich der alte Mann auf dem letzten Barhocker aufrichtete und die Zeitung senkte: „Warum sollen wir die Griechen eigentlich raushauen?“
Ich sah ihn kurz an und bestellte mein Stout.
„Weil Du nicht auf Dein Gyros mit Tzatziki verzichten willst,“ meinte die Frau hinter der Bar.
„Ja ja, aber der Rösler hat recht: Wir sollten sie pleite gehen lassen.“ Dann sah er wieder zu mir rüber: „Was meinen Sie dazu?“
Ein Streichholz nahm mir die Antwort ab. Entnervend langsam wurde es über die Reibfläche gezogen, bis es schließlich zündete. Hinter mir knisterte Tabak auf, Paffgeräusche folgten. Rauchschwaden zogen durch die Kneipe. Beim Reinkommen hatte ich tatsächlich den Heinz übersehen.
„Was haben Dir die Griechen denn getan Willi?“ brummte es aus der üblichen Ecke.
„Erst belügen und betrügen sie uns jahrelang, dann wollen sie unser Geld. Und jetzt sind sie auch noch sauer, weil wir an ihrer Pleite schuld sein sollen!“
„Und das reicht, um FDP zu wählen?“
„Die verschleudern unser Geld wenigstens nicht.“
„Phh,“ atmete der Heinz aus und trug damit weiter zur Feinstaubdebatte bei, „bist Du nicht Frührentner? Ex-VEB oder sowas?“
„Ja, bis ’92 beim Stahlkombinat, dann sind wir von unserem Geschäftsführer übernommen worden. Aber der Absatzmarkt im Osten war schon zusammengebrochen.“ Der alte Mann zuckte die Achseln. „Also Langzeitarbeitslosigkeit und mittlerweile Frührentner mit Verlust. Wieso?“
„Wer war schuld an der Pleite?“
„Na die Treuhand. Die haben uns erst verkauft und dann hängen lassen.“
„Gab’s denn vorher keine Probleme?“
„Für die modernen Legierungen hätten unsere Profile erneuert werden müssen. Wir brauchten neue, dünnere Formen und dafür waren die Maschinen zu alt. Aber wir hatten gut zu tun.“
„Also war die Treuhand schuld?“
„Vor der Ausgliederung hatten wir noch Aufträge. Wir haben nicht so viel verdient, aber das Leben war auch noch nicht so teuer wie heute.“
„Ja,“ meinte der Heinz nachdenklich, „so werden es die Griechen jetzt wohl auch sehen, wenn sie ihr Leben vor der Euro-Zone überdenken.“
Einen kurzen Moment war es so still, dass ich die Barfrau mit dem Handtuch auf dem Glas reiben hörte.
„Du kannst doch unsere Volkswirtschaft nicht mit Griechenland vergleichen!“
„Geringe Produktivität, veraltete Produkte, die Märkte brechen weg und neue Devisen gibt es nur noch zu illusorischen Zinsen. Genau deshalb will Herr Rösler ja Griechenland ebenso abwickeln wie Euch damals.“
„Na und? Auf uns hat schließlich auch keiner Rücksicht genommen!“
„Na und? Auf uns hat schließlich auch keiner Rücksicht genommen!“
„Vielleicht lief es nicht so, wie Du Dir das 1989 vorgestellt hast, aber Du sitzt in einer Bar und nicht unter der Brücke.
Herrn Rösler schert es nicht, wen er arbeitslos macht, solange er es nicht selber ist. Der sollte sich besser über die Abwicklung der FDP Gedanken machen, da gehen an die hundert Abgeordnete in die Arbeitslosigkeit. Er selbst kann ja jederzeit ins blühende Meck-Pom ziehen, da werden Landärzte gesucht.
Und Du, Du kannst schon mal anfangen, Dein Geld zu sortieren.“
„Wieso?“
„Na, willst Du wirklich auf griechischen Euros sitzen bleiben, wenn Griechenland Pleite geht? Und wenn Du schon dabei bist, sortiere die von Portugal gleich mit aus.“
„Und die irischen.“
„Nein, Irland scheint sich wieder zu erholen.“
Tatsächlich holte der alte Mann eine handvoll Kleingeld aus der Hosentasche und begann, auf dem Tresen Münzen zu sortieren.
„Nimmst Du die noch?“ wollte er dann kleinlaut von der Barfrau wissen.
„Natürlich Willi, mach Dir mal keine Sorgen,“ beschwichtigte die ihn, „und Du Heinz hörst auf, Dich über Willi lustig zu machen!“
Das klang mir sehr nach Kindergarten, doch ich wartete noch auf den Schlussakkord.
„Wenn Du mir einen 25jährigen Metaxa anwärmst, der müsste ja eigentlich schon billiger geworden sein. Und hast Du 'Rain and Tears' von Aphrodite's Child auf dem PC?“
Ich wandte mich ab und kümmerte mich wieder ausschließlich um das, was wirklich mein Bier war.
Das klang mir sehr nach Kindergarten, doch ich wartete noch auf den Schlussakkord.
„Wenn Du mir einen 25jährigen Metaxa anwärmst, der müsste ja eigentlich schon billiger geworden sein. Und hast Du 'Rain and Tears' von Aphrodite's Child auf dem PC?“
05.09.11
Advocatus Monopoly
Mein nächstes Stout wurde in doppelter Hinsicht verräuchert. In seiner Ecke saß der Heinz über seinem Schnaps, kritzelte einen Block voll und qualmte dabei schwer vor sich hin. Ich hatte mein Glas gerade geleert, da enterte ein kurzärmeliger Typ mit bunter Krawatte und Durchblicker-Brille den Laden und bestellte ein kleines Pils. Er holte ein iPhone aus seinem Köfferchen und begann, geschäftig darauf herum zu schieben.
„Heute Nacht wurden schon wieder Autos abgefackelt,“ verkündete er dem fast leeren Raum, „aber der Wowereit macht ja nichts dagegen.“
Die Bedienung seufzte und zapfte mein nächstes Stout.
Der Kurzarm-Schlips redete irritiert weiter: „Kein Wunder, der hat ja auch kein Auto.“
Gar keine Reaktion.
„Aber wenn die Kommunisten nach der Wahl erst mal weg sind, gelten endlich wieder Recht, Ordnung und Eigentum. Würde mich sowieso nicht wundern, wenn die dahinter steckten. Sind doch alle neidisch, weil sie sich selbst keine anständigen Fahrzeuge leisten können.“
„Ich habe ein anständiges Fahrrad,“ bemerkte die Barfrau leichthin und deutete auf ihr aufgekrempeltes Hosenbein, „und bin nicht neidisch. Ich hab nicht mal ’nen Führerschein.“
„Schön, dass Ihnen das nichts ausmacht,“ schnaubte der Kurzarm-Schlips, „aber muss ich deswegen jede Nacht Angst um meinen Wagen haben? Der ist schließlich mein Arbeitskapital, verstehen Sie?“
„Vertreter?“ knurrte es fragend aus der Ecke.
„Reisender“ antwortete der Kurzarm-Schlips überrascht.
„Dann ist Ihr...?“
„Passat-Kombi!“
„...doch bestimmt Vollkasko versichert. oder?“
Der Kurzarm-Schlips nickte.
„Wie alt?“
„Über vier Jahre, nächstes Jahr abgeschrieben.“
„Und dann?“
„Wenn ich meine Zahlen dies Jahr halten kann, steht mir eine Mercedes C-Klasse zu.“
„Hmm,“ brummte es daraufhin aus der Ecke, „haben Sie schon mal darüber nachgedacht, ein paar Nächte im gentryfizierten Teil von Kreuzberg zu parken, sagen wir neben einem X5, einem Porsche oder einer neuen S-Klasse?“
„Das wäre doch Wahnsinn!“
„Aber im Fall der Fälle zahlt eine Vollkasko den Zeitwert nach Vertrag ohne genaues Gutachten.“
„Wieso?“
„Haben Sie mal versucht, Vorschäden, Abnutzung und Pflegezustand eines ausgebrannten Autos zu begutachten?“
Der Kurzarm-Schlips trug schon Entrüstung im Gesicht.
„Den neuen Wagen bräuchten Sie dann natürlich sofort. Die Firma wird Sie doch wohl nicht ein Jahr zu Fuß gehen lassen, oder? Und da Ihre Umsätze stimmen..."
Jetzt sah ich nicht nur Erkenntnis aufblitzten: „Was sie vorschlagen ist aber ziemlich unmoralisch!“
„Und,“ ignorierte der Heinz das Kurzarm-Schlips-Dilemma, „was den Neid der so genannten Kommunisten betrifft: Wegen seines Porsche 911 musste der Vorsitzende der Linken letztes Jahr eine Neid-Debatte in der eigenen Partei durchstehen, während die Vorsitzende kein Vorstandssalär bezieht, da dem ihr Vertrag mit der Humboldt-Uni vertragsrechtlich entgegenstünde.“
„Was soll das heißen?“
„Will sagen, diese Kommunisten sind in der Mitte der kapitalistischen Gesellschaft angekommen und wissen sich da sehr gut zu behaupten.
Parken Sie Ihren Passat also ruhig neben Herrn Ernst' 911er in der kleinen Alexanderstraße. Und wenn Sie beide noch zufällig bei derselben Versicherung sind, würde es Ihrem Vertreter-Kollegen eine Menge Arbeit bei der Schadensabwicklung ersparen.“
„Das muss ich mir nicht anhören,“ schnaubte der Kurzarm-Schlips endgültig entrüstet, legte drei Euro-Stücke neben sein leeres Glas auf den Tresen und rauschte zur Tür hinaus.
„Heinz, würdest Du bitte damit aufhören, unsere Gäste zu vergraulen?“
„Ja schade. Hätte er länger durchgehalten, hätte ich ihm noch sagen können, wo Grillanzünder grad günstig sind. Wann ist übrigens das Wort Moral im Sprachgebrauch von Vertretern aufgetaucht?“
„Heinz!“
„Heinz!“
„Bring mir doch bitte einen deutschen Winzerrotwein und leg mal Janis Joplin auf.“
„Mercedes-Benz?“ fragte ich in die Ecke.
Der Heinz sah überrascht hoch: „Kennen wir uns?“
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Wahlen 2011,
Wowereit
30.08.11
Promis Hochzeit
Ein paar Tage später kippte der Sommer unter die Zwanzig-Grad-Marke, aber das tat meinem Durst keinen Abbruch und dann hatte ich auch noch eine Stunde Zeit.
Die Barfrau mit der niedlichen Zahnlücke ließ sich in ihrem Gespräch nicht durch meine Bestellung unterbrechen, sie zapfte mit zwischen Schulter und Ohr geklemmtem Hörer: „...ja Babs, ich habe es auch gesehen. Eine Traumhochzeit in Potsdam, an die von William und Kate kam sie nicht ran, aber Prinzessin Sophie sah viel glücklicher aus als Charlène...“
„Andersrum,“ brummte es tieffrequent aus der Ecke dazwischen, „Sophie, Prinzessin von-und-zu“.
Die Barfrau stellte mein Stout auf die Theke und fragte mit Blick über meine Schulter: „Was?“
„Sophie ist keine Prinzessin.“
„Aber das hat der Seelmann-Eggebrecht doch dauernd gesagt und der ist Experte!“
„Werner Erhard Rolf Seelmann-Eggebert ist studierter Ethnologe, der kennt sich mit schriftlosen, nicht-staatenbildenden Gesellschaften und kleineren ethnischen Gruppen aus.“
„Was soll das heißen?“
„Dass er weiß, Sophie ist keine Prinzessin, sie heißt nur so.“
Einen Augenblick konnte ich die Hintergrundmusik hören.
„Und was ist mit ihrem Mann? Dem Ururenkel des letzten Kaisers?“ triumphierte sie dann. Ich sah von der Frau hinter der Bar zum Heinz in der Ecke, es war ein bisschen wie bei einem Tennis-Match.
„Seit dessen Abdankung 1918 haben wir keinen Adel mehr.“
„Aber sie haben doch diese Namen und sie kommen aus uralten Familien.“
„Seitdem sind sie Bürger wie Du und ich ohne Vorrechte, also de facto kein Adel.“
Ich hörte zum ersten Mal so etwas wie ein Lachen aus der Ecke: „Und über die, na ja Taten, für die diese Familien ihre Titel ursprünglich mal bekommen haben, geschweige denn über die, für die sie die Vorrechte verloren haben, wärst Du entsetzt.“
„Aber da können die beiden doch nichts dafür, das waren ihre Vorfahren. Und Mary von Dänemark hat grade ihren Urlaub unterbrochen, um in Afrika zu helfen.“
„Was hilft sie denn da groß? Und im Unterschied zu Deutschland ist Dänemark eine parlamentarisch-demokratische Monarchie. Königin Margrethe ist so repräsentativ wie der Bundespräsident“.
„Siehst Du! Und Dänemark geht es viel besser als uns.“
„Das heißt lediglich, dass sie was sagen, aber nicht eingreifen darf.“
„Das wäre aber besser, die Politiker wirtschaften doch alle nur in die eigene Tasche.“
„Deine Adligen haben das über Jahrhunderte getan. Sie hatten ihre Länder mit Militär, Willkür und Unterdrückung fest im Griff, es gab keine Möglichkeit, ohne Gewalt etwas zu verändern.
Was glaubst Du denn, wo das ganze Geld herkommt, das diese Traumhochzeiten möglich macht? All die Paläste und die Kronen? Dafür haben Deine Vorfahren wenn nicht bluten, dann zumindest schuften müssen.
Jetzt, sozusagen aus der Opposition, ist Kritik einfach. Aber wer die Entscheidungen trifft, muss der Versuchung widerstehen, in die eigene Tasche zu wirtschaften, Freunde zu bevorteilen und sich so unangreifbar zu machen.“
„Sprichst Du jetzt von Berlusconi?“
„Gutes Beispiel,“ brummte der Heinz versöhnlich, „bunga-bunga mit der Nichte von Mubarak.“
,„Sie ist nicht die Nichte von Mubarak.“
„Wäre Berlusconi tatsächlich der König von Italien, würde niemand daran zweifeln, so wenig wie an seinen angeblich neuen, billigen Anzügen.“
„Warum nicht?“
„Er würde es einfach verbieten und alle Königstreuen würden ihm glauben, einfach seine neuen Kleider loben und ihn verteidigen, zur Not mit ihrem Leben.“
Der Heinz hob sein Glas zu einem imaginären Toast: „Der König ist tot, es lebe der König!
Ich hätte gern einen Jägermeister und spiel ruhig mal ‚König von Deutschland’.“
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20.08.11
Vorschriftsmaessig
Der Tag war schwül, ich durstig und das „Murphy’s“-Schild verlockend. Gleich hinter der Tür schmeckte ich den Rauch. Er waberte aus der hintersten Ecke durch den Schankraum; nicht der dünne, beißend chemische Rauch modischer Light-Zigaretten, es waren die tief hängenden, schweren Schwaden einer stumpf-süßen Zigarre, die allein jede Feinstaub-Diskussion überflüssig machten. In diesem Moment kamen mein Stout und Ärger in Form der Gewerbeaufsicht zeitgleich an die Theke. Grußlos zog der Ärger eine Kette mit einer laminierten Ausweiskarte aus dem T-Shirt-Ausschnitt. Er hielt ihn der Barfrau kurz vor die Nase, ließ ihr nicht mal Zeit, die Pupillen scharfzustellen.
„Dies ist ein Raucherlokal. Personen unter 18 dürfen sie nicht hereinlassen. Wo ist der Hinweis?“
Die Frau hinter der Theke deutete auf ein selbst gedrucktes Schild neben der Tür, aber jetzt legte er erst richtig los: „Wo ist die Tafel mit der Deklaration der Zusatzstoffe? Wo hängt die aktuelle Ausgabe des Jugendschutzgesetzes? Und in Raucherlokalen darf kein Essen zubereitet werden. Was ist das da?“
„Limettenscheiben für die Drinks.“
„Das sind Lebensmittel, die werden Sie wegwerfen müssen. Und die Türe nach draußen bleibt geschlossen, damit die Passanten nicht durch Ihren Rauch belästigt werden. Sie können ja einmal in der Stunde stoßlüften.“
In diesem Moment stand ich in Zigarrenrauch, einer richtigen Wolke, undurchsichtig und beinahe greifbar. Sie haute mich fast um.
„Ich würde Sie gern was fragen,“ brummte eine tiefe Stimme neben mir und stieß dabei noch mehr Rauch aus. „Vielleicht können Sie mir ja erklären, für wen das Jugendschutzgesetz in einem Lokal aushängen soll, das niemand unter 18 betreten darf?“
„Das ist Vorschrift!“
„Eine der sinnvollsten, da bin ich sicher. Wann haben Sie übrigens das letzte Mal so richtig herzhaft in eine Limette gebissen?“
„Also das geht Sie doch wohl kaum was...“
„Sollten Sie auf jeden Fall mal versuchen, die sind richtig lecker, machen regelrecht süchtig. Und in welchem Gesetz steht denn, dass ich überall zum Rauchen vor die Tür muss, aber dieselbe Tür geschlossen zu bleiben hat, wenn sie in eine Raucherkneipe führt? Die Stelle würde ich von Ihnen gern mal gezeigt bekommen.“
„Sind Sie hier überhaupt zuständig?“
„Bloß ein interessierter Bürger. Lassen Sie mich Ihren Ausweis auch mal sehen?“
Der Ärger drehte sich um, sagte der Frau hinter dem Tresen, er käme baldigst wieder und wolle dann die Aushänge sehen. Dann verschwand er.
Und während ich mich noch fragte, ob der Auftritt wohl zur Erlebnis-Gastronomie gehörte oder ich möglicherweise grad eine missglückte Schutzgelderpressung miterlebt hatte, grummelte der Mann neben mir: „Ich glaube nicht, dass es das schon war. Ich würde die Schilder bald besorgen, zumindest den Jugendschutz und die Zusatzstoffe.“
Und damit war er auf dem Weg zurück in seine Ecke.
„Werd' ich machen, danke Dir,“ sagte die Barfrau, „was kann ich Dir bringen?“
„Einen schönen Whiskey Rye und leg ‚I shot the sheriff’ auf,“ kam als Antwort aus der Ecke.
Fehlt nur noch das schmutzige Glas, dachte ich.
Gelassen erklärte die Frau in meine Richtung: „Das ist der Heinz,“ während sie eine Flasche mit dem Jim-Beam-Schriftzug auf einem knatschgelben Label aus dem Regal nahm, „normalerweise wohnt der hinten in der Ecke und kritzelt bloß auf seinem Block herum.“
Und dann brachte sie ihren Mund so nah an mein Ohr, dass ich die Stöße ihres Atems spürte und ein Schauer meinen Hals herunterlief: „Das mit der Musik und dem Getränk macht er, weil er unter Synästhesie leidet.“
Wollten die mich auf den Arm nehmen? Ich suchte die versteckte Kamera, fand keine, sah sie scharf an: Sie schien das tatsächlich ernst zu meinen.
Ich brauchte dringend das nächste Bier. Hoffentlich aus einem sauberen Glas.
Ich brauchte dringend das nächste Bier. Hoffentlich aus einem sauberen Glas.
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