Das Wetter kippelte zwischen kalt und sommerlich, aber regnerisch, was immer noch besser war, als die kleine Eiszeit bis April. Der FC Bayern München und seine Sponsoren, alles Firmen, die kleinste Verstöße ihrer weniger prominenten Mitarbeiter gegen die Firmenpolitik mit fristlosen Kündigungen ahndeten, hatten in der noch strafrechtlich zu verfolgenden Steueraffäre Hoeneß eine Konsequenz wahrhaft berlusconischer Ausmaße gezeigt; gewissermaßen die spätrömische Dekadenz, vor der die FDP noch vor Kurzem gewarnt hatte, das allerdings am anderen Ende der Nahrungskette.
Zeitgleich wetterte die neoliberale Spitze auf ihrem Sonderparteitag gegen den 'Räuber Hotzenplotz' und seine Grünen, die ihre Themen besetzt hatten.
Diese Grünen wiederum hatten in NRW das absolut absoluteste Rauchverbot installiert, das ohne die gleichzeitige Wiedereinführung der Todesstrafe vorstellbar war.
Die Themen bewegten sich in konzentrischen Kreisen.
Aktuell hielt ich mich mal wieder an einem kühlen Schwarzen fest, während der Heinz mittels mehrerer Rauchwolken ankündigte, dass es einer neuen Zigarre an den Kragen ging.
"Na," sagte Mellie mit tiefem Blick in die Feinstaubwolke, "da kannst Du ja froh sein, dass wir nicht in Nordrhein-Westfalen sind."
Die Anlage spielte die letzten entspannten Klänge von 'Waterloo Sunset' und der Heinz reagierte nicht.
An der Theke legte Thomas nach: "Rauchen ist ungesund. Du solltest stärker auf Deine Gesundheit achten."
Der Heinz stieß die obligatorischen Wölkchen aus und ignorierte auch ihn.
Ich bestellte das nächste Stout. Die Musik wechselte auf 'Sky High', Mellie auf direkten Angriff: " In Dänemark wurden die Raucherpausen verboten."
Entnervt sah der Heinz von seinen Notizen hoch: "Und?"
Mellie und Thomas sahen ihn erstaunt an: "Was würdest Du bloß ohne Zigarren tun?"
Der Heinz sah sie nacheinander an: "Umziehen." Und er widmete sich wieder seinem Schrifttum.
Thomas konnte es nicht lassen: "Nein ehrlich: Was, wenn Du gar nicht mehr rauchen darfst?"
Der Heinz sah wieder hoch: "Nach Kuba, politisches Asyl beantragen."
"Du würdest eher nach Kuba ziehen, als das Rauchen aufgeben?"
"Was spricht dagegen? Besseres Wetter, billigere Zigarren, fantastischer Rum und schönere Frauen."
"Hallo?" beschwerte sich Mellie.
Der Heinz schenkte ihr ein Achselzucken der Marke: Hättest halt nicht anfangen sollen. "Überhaupt: Eine Regelung, die einen angeblich davor bewahrt, die eigene Gesundheit zu schädigen, ist doch so dünnsinnig wie der Gurtzwang im Auto."
"Häh?"
"Auch die Anschnallpflicht müsste eigentlich gegen den Grundsatz der freien Entfaltung der Persönlichkeit im Grundgesetz verstossen."
"Aber sie gilt."
"Da Du, falls Du bei einem Unfall verletzt wirst, weil Du nicht angeschnallt warst, anderen Unfallopfern nicht mehr helfen könntest. Vom Rücken durch die Brust ins Auge.
Und dass ausgerechnet die Gesundheitsökologen, die das Rauchen verbieten wollen, häufig die Freigabe von Marihuana befürworten, stört Dich dabei nicht?"
"Wieso?"
"Das Gras ist frei, aber rauchen darfst Du es nicht? Bald kommt man in Kindergärten leichter an Haschkekse, als an Zigaretten in Kneipen für Erwachsene."
Genüsslich sog der Heinz an der Zigarre und entließ eine Monsterwolke in den Raum.
Mellie sah ihn fragend an: "Erst das Essen, jetzt das Rauchen - was ist das nächste Ziel der Gesundheitstaliban, wenn das absolute Rauchverbot durchgesetzt ist?"
"Alkohol. Du wirst dann nur noch Apfelsaft und Kräutertee verkaufen, während gleichzeitig ein schwunghafter Schwarzhandel mit gestrecktem Tabak und Schwarzgebranntem entstehen wird. So hat schon die Mafia in den Zwanzigern ihre Anschubfinanzierung erhalten: Durch die Prohibition."
"Was?"
"Genau. Und jetzt will ich einen doppelten Absinth und 'Sex 'n' drugs 'n' rock 'n' roll' und keine Widerrede."
Begegnungen mit dem Heinz in einer kleinen Berliner Raucherbar. Aktuelle Themen und Wasserstandsmeldungen.
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07.05.13
sex and drugs and rock 'n' roll
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16.09.11
Krethi & Pleiti & die FDP
Einmal mehr betrachtete ich den Schaum am Boden eines Glases Murphy’s viel zu früh am Tag und überdachte die Möglichkeit eines weiteren, als sich der alte Mann auf dem letzten Barhocker aufrichtete und die Zeitung senkte: „Warum sollen wir die Griechen eigentlich raushauen?“
Ich sah ihn kurz an und bestellte mein Stout.
„Weil Du nicht auf Dein Gyros mit Tzatziki verzichten willst,“ meinte die Frau hinter der Bar.
„Ja ja, aber der Rösler hat recht: Wir sollten sie pleite gehen lassen.“ Dann sah er wieder zu mir rüber: „Was meinen Sie dazu?“
Ein Streichholz nahm mir die Antwort ab. Entnervend langsam wurde es über die Reibfläche gezogen, bis es schließlich zündete. Hinter mir knisterte Tabak auf, Paffgeräusche folgten. Rauchschwaden zogen durch die Kneipe. Beim Reinkommen hatte ich tatsächlich den Heinz übersehen.
„Was haben Dir die Griechen denn getan Willi?“ brummte es aus der üblichen Ecke.
„Erst belügen und betrügen sie uns jahrelang, dann wollen sie unser Geld. Und jetzt sind sie auch noch sauer, weil wir an ihrer Pleite schuld sein sollen!“
„Und das reicht, um FDP zu wählen?“
„Die verschleudern unser Geld wenigstens nicht.“
„Phh,“ atmete der Heinz aus und trug damit weiter zur Feinstaubdebatte bei, „bist Du nicht Frührentner? Ex-VEB oder sowas?“
„Ja, bis ’92 beim Stahlkombinat, dann sind wir von unserem Geschäftsführer übernommen worden. Aber der Absatzmarkt im Osten war schon zusammengebrochen.“ Der alte Mann zuckte die Achseln. „Also Langzeitarbeitslosigkeit und mittlerweile Frührentner mit Verlust. Wieso?“
„Wer war schuld an der Pleite?“
„Na die Treuhand. Die haben uns erst verkauft und dann hängen lassen.“
„Gab’s denn vorher keine Probleme?“
„Für die modernen Legierungen hätten unsere Profile erneuert werden müssen. Wir brauchten neue, dünnere Formen und dafür waren die Maschinen zu alt. Aber wir hatten gut zu tun.“
„Also war die Treuhand schuld?“
„Vor der Ausgliederung hatten wir noch Aufträge. Wir haben nicht so viel verdient, aber das Leben war auch noch nicht so teuer wie heute.“
„Ja,“ meinte der Heinz nachdenklich, „so werden es die Griechen jetzt wohl auch sehen, wenn sie ihr Leben vor der Euro-Zone überdenken.“
Einen kurzen Moment war es so still, dass ich die Barfrau mit dem Handtuch auf dem Glas reiben hörte.
„Du kannst doch unsere Volkswirtschaft nicht mit Griechenland vergleichen!“
„Geringe Produktivität, veraltete Produkte, die Märkte brechen weg und neue Devisen gibt es nur noch zu illusorischen Zinsen. Genau deshalb will Herr Rösler ja Griechenland ebenso abwickeln wie Euch damals.“
„Na und? Auf uns hat schließlich auch keiner Rücksicht genommen!“
„Na und? Auf uns hat schließlich auch keiner Rücksicht genommen!“
„Vielleicht lief es nicht so, wie Du Dir das 1989 vorgestellt hast, aber Du sitzt in einer Bar und nicht unter der Brücke.
Herrn Rösler schert es nicht, wen er arbeitslos macht, solange er es nicht selber ist. Der sollte sich besser über die Abwicklung der FDP Gedanken machen, da gehen an die hundert Abgeordnete in die Arbeitslosigkeit. Er selbst kann ja jederzeit ins blühende Meck-Pom ziehen, da werden Landärzte gesucht.
Und Du, Du kannst schon mal anfangen, Dein Geld zu sortieren.“
„Wieso?“
„Na, willst Du wirklich auf griechischen Euros sitzen bleiben, wenn Griechenland Pleite geht? Und wenn Du schon dabei bist, sortiere die von Portugal gleich mit aus.“
„Und die irischen.“
„Nein, Irland scheint sich wieder zu erholen.“
Tatsächlich holte der alte Mann eine handvoll Kleingeld aus der Hosentasche und begann, auf dem Tresen Münzen zu sortieren.
„Nimmst Du die noch?“ wollte er dann kleinlaut von der Barfrau wissen.
„Natürlich Willi, mach Dir mal keine Sorgen,“ beschwichtigte die ihn, „und Du Heinz hörst auf, Dich über Willi lustig zu machen!“
Das klang mir sehr nach Kindergarten, doch ich wartete noch auf den Schlussakkord.
„Wenn Du mir einen 25jährigen Metaxa anwärmst, der müsste ja eigentlich schon billiger geworden sein. Und hast Du 'Rain and Tears' von Aphrodite's Child auf dem PC?“
Ich wandte mich ab und kümmerte mich wieder ausschließlich um das, was wirklich mein Bier war.
Das klang mir sehr nach Kindergarten, doch ich wartete noch auf den Schlussakkord.
„Wenn Du mir einen 25jährigen Metaxa anwärmst, der müsste ja eigentlich schon billiger geworden sein. Und hast Du 'Rain and Tears' von Aphrodite's Child auf dem PC?“
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