Wir hatten den Papst gewechselt, des Tomfkap' - the old man formerly known as pope - Rücktritt blieb die einzig bemerkenswerte Tat in acht Jahren Amtszeit, Europa hatte in Zypern Milliarden russischen Schwarzgelds gerettet, was die Zyprioten als Einmarsch der Wehrmacht und Zar Putin als Diebstahl bezeichneten, die Regierung hatte bei den Beschränkungen von Banken und NPD der Mut verlassen, während Bayern und Hessen ihren gefunden hatten: Nachdem sie nicht mehr davon profitierten, klagten sie jetzt gegen den Länderfinanzausgleich.
Geblieben war die Arroganz von Kurie, Bänkern und Politikern. Und der Winter. Ostern stand vor der Tür und der Winter hatte Europa im, naja, Schwitzkasten. Das Wetter war wieder Tagesgespräch. Fernsehwetteronkel erhielten Morddrohungen und wurden wegen Depressionen behandelt. Sogar Kachelmanns Dauergrinsen hatte geringfügig abgebaut, das aber, weil die Abrechnung mit der deutschen Justiz, die er mit seiner aktuellen Hauptfrau in die Regale des deutschen Buchhandels gedrückt hatte, unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand. All das waberte durch die Rauchschwaden meiner Lieblingstränke, während ich an meinem zweiten Stout schnüffelte.
"Natürlich hat sich die Bettina vom Wulff scheiden lassen, sobald der Amt und Würden los war.
Nein", dröhnte der Heinz durch den Rauch seiner Zigarre, "das war ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: Der Wulff bekam das Quelle-Versand-Model zum Vorführen und - wenn er denn soviel Glück hatte - zum Anfassen und das Model kriegte die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, die es, dünn, blond und moralisch abwaschbar wie es ist, glaubt, verdient zu haben. Aber: Kameras weg, Model weg."
Betrübt schüttelte der Heinz den Kopf: "Und müsste Fipsi Rösler jeden Abend nach der Arbeit allein bei den Nazis in Oberschweineöde aus der S-Bahn steigen, würde das alte Schlitzauge auch mehr um seine körperliche Integrität fürchten als um sein Image in der politischen Parallelwelt. Dann wäre er bestimmt für jeden Aussteiger dankbar, der sich nicht an den täglichen Pogromen gegen ihn beteiligt."
Der Heinz hob sein Glas und goss sich den Kurzen hinter die Binde.
"Offensichtlich vergisst man, dass man zu Minderheiten gehört, wenn es einem nicht jeden Tag mit Schlagring oder Springerstiefeln reingetrieben wird."
"Ja, Du hast zu allem eine Meinung, Heinz", maulte Mellie, "aber selbst Du musst zugeben, dass der Dauerwinter nervt."
"Wie Alkohol wird auch Wetter sehr individuell wahrgenommen."
"Wie bitte?"
"Ist Dir nie aufgefallen, dass Du Dich bis zu einer bestimmten Menge an Alkohol situationsabhängig unterschiedlich betrunken fühlst? Genauso nimmst Du das Wetter wahr."
Mellie war entrüstet: "Ich träume das Wetter doch nicht! Es ist eiskalt!"
"Schon", sagte der Heinz, "die Frage ist nur, inwieweit Du das als störend wahrnimmst. Du willst Designerwetter? Nach gemittelten, nicht repräsentativen Befragungen hätten wir dann jeden Montag bis Freitag acht bis achtzehn Uhr zwanzig Grad, von Freitags abends bis Sonntags Nacht Sonne und dreissig Grad und Regen ausschliesslich nachts."
"Was wäre daran schlimm?"
"Sei mit Deinen Wünschen vorsichtig, sie könnten in Erfüllung gehen, Dein Leben lang."
"Und was ist mit den Kosten? Die Heizkostennachzahlungen werden uns umbringen, die Baustellen stehen still und Osterartikel und Frühjahrsblumen verkaufen sich gar nicht."
"Fritz Reuter sagte: 'Wat den einen sin Uhl is den andern sin Nachtigal.' Denn dafür laufen die Geschäfte mit Fernreisen und Glühwein, Winterklamotten verkaufen sich so prächtig wie Heizöl, und die Weihnachtsbaumstände könnten jetzt ein Supergeschäft machen. Binde die bunten Eier wie Kugeln an die Tanne statt sie ins Gras zu legen, dann findet man sie auch im dichtesten Schneetreiben wieder."
Er blinzelte ihr zu: "Und jetzt hätte ich gern einen 'Hurricane' und leg doch mal 'weather with you' von Crowded House auf, wenn Du hast."
Begegnungen mit dem Heinz in einer kleinen Berliner Raucherbar. Aktuelle Themen und Wasserstandsmeldungen.
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26.03.13
weather with you
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05.11.11
Days after tomorrow
"Und Du Kollege?" fragte der Heinz letztlich und ziemlich unvermittelt.
Ich sah über die feste Schaumkrone meines Stouts und wusste nicht so recht, was er von mir wollte.
"Schon alle griechischen Euros abgestoßen?"
"An Devisen hab' ich nie geglaubt", ich nahm einen ordentlichen Schluck und ließ das kühle, samtig-bittere Schwarzbier langsam die Kehle runterlaufen, "bloß an Pfandflaschen."
"Solide Währung", stimmte der Heinz zu. "Besser ein bisschen Leergut als gar keine Wertgegenstände im Haus. Was ist mit Goldzähnen?"
"Nö, bin west-deutsch sozialisiert."
"Ja, Erziehung kann ein Problem sein. Wenn man nicht schon in der Kindheit mit der mittelalterlichen Tauschwirtschaft vertraut gemacht wurde, investiert man später leicht in die falschen Werte. Keramikkronen und Kunststoffinlays werden auf dem Schwarzmarkt keine zwei Zigaretten wert sein."
Na danke, dachte ich, und das, wo sich mein Zahnarzt so ins Zeug gelegt hatte. Laut fragte ich: "Und selbst?"
Nachdenklich paffte er ein paar kurze Wölkchen in den halbdunklen Raum.
"Im Nachhinein habe ich mich wohl zu sehr von persönlichen Interessen verleiten lassen. Auch die besten italienischen Schreibgeräte werden mir nach dem Euro nicht mehr viel bringen. Mit solchem Plunder werden sie uns überschwemmen."
"Jaja, all die Prada-Taschen und Espressomaschinen: In der Inflation keinen Teller Risotto mehr wert."
"Gut dass wenigstens die Griechen niemals Realwerte produziert haben, auf die man reinfallen konnte. Ich meine, wer sammelt schon antike Streitwagen oder Ikonen?"
"Ganz im Gegenteil zu italienischen Produkten."
"Schon, aber wer schon mal versucht hat, im lichtgrauen Cerrutti-Anzug seinen Stall auszumisten oder Kartoffeln zu ernten... "
" ...oder mit dem Ferrari den Rübenacker zu pflügen? Dabei mag ich Rüben nicht mal besonders, aber am Markttag kann man sie prima tauschen."
"Komisch, dass ich nicht schon früher bemerkt habe, wie unpraktisch diese Dinger eigentlich sind. Selbst in der brüchigen märkischen Scholle würgt man so eine Rennkupplung dauernd ab."
Der Heinz war noch bei Sportwagen, also tat ich ihm den Gefallen: "Aber schön waren sie schon."
"Ja", seufzte er verträumt und entließ noch zwei Wölkchen in den Raum, "schön waren sie."
Dann riß er sich zusammen: "Mellie?"
Die Barfrau sah gelangweilt von der 'Gala' hoch.
"Ich brauche jetzt ganz dringend ein paar Klassiker: Hast Du den 'letzten Sirtaki' von Rex Gildo im Computer? Und wenn Du irgendwo eine Flasche Brunello di Montalcino auftreiben könntest? Noch haben wir zwar keine Inflation, aber was soll's? Wenn er erstmal nichts mehr wert ist, schmeckt er bestimmt auch nicht mehr so richtig."
Oha, dachte ich und kippte schnell den Rest meines Stouts.
16.09.11
Krethi & Pleiti & die FDP
Einmal mehr betrachtete ich den Schaum am Boden eines Glases Murphy’s viel zu früh am Tag und überdachte die Möglichkeit eines weiteren, als sich der alte Mann auf dem letzten Barhocker aufrichtete und die Zeitung senkte: „Warum sollen wir die Griechen eigentlich raushauen?“
Ich sah ihn kurz an und bestellte mein Stout.
„Weil Du nicht auf Dein Gyros mit Tzatziki verzichten willst,“ meinte die Frau hinter der Bar.
„Ja ja, aber der Rösler hat recht: Wir sollten sie pleite gehen lassen.“ Dann sah er wieder zu mir rüber: „Was meinen Sie dazu?“
Ein Streichholz nahm mir die Antwort ab. Entnervend langsam wurde es über die Reibfläche gezogen, bis es schließlich zündete. Hinter mir knisterte Tabak auf, Paffgeräusche folgten. Rauchschwaden zogen durch die Kneipe. Beim Reinkommen hatte ich tatsächlich den Heinz übersehen.
„Was haben Dir die Griechen denn getan Willi?“ brummte es aus der üblichen Ecke.
„Erst belügen und betrügen sie uns jahrelang, dann wollen sie unser Geld. Und jetzt sind sie auch noch sauer, weil wir an ihrer Pleite schuld sein sollen!“
„Und das reicht, um FDP zu wählen?“
„Die verschleudern unser Geld wenigstens nicht.“
„Phh,“ atmete der Heinz aus und trug damit weiter zur Feinstaubdebatte bei, „bist Du nicht Frührentner? Ex-VEB oder sowas?“
„Ja, bis ’92 beim Stahlkombinat, dann sind wir von unserem Geschäftsführer übernommen worden. Aber der Absatzmarkt im Osten war schon zusammengebrochen.“ Der alte Mann zuckte die Achseln. „Also Langzeitarbeitslosigkeit und mittlerweile Frührentner mit Verlust. Wieso?“
„Wer war schuld an der Pleite?“
„Na die Treuhand. Die haben uns erst verkauft und dann hängen lassen.“
„Gab’s denn vorher keine Probleme?“
„Für die modernen Legierungen hätten unsere Profile erneuert werden müssen. Wir brauchten neue, dünnere Formen und dafür waren die Maschinen zu alt. Aber wir hatten gut zu tun.“
„Also war die Treuhand schuld?“
„Vor der Ausgliederung hatten wir noch Aufträge. Wir haben nicht so viel verdient, aber das Leben war auch noch nicht so teuer wie heute.“
„Ja,“ meinte der Heinz nachdenklich, „so werden es die Griechen jetzt wohl auch sehen, wenn sie ihr Leben vor der Euro-Zone überdenken.“
Einen kurzen Moment war es so still, dass ich die Barfrau mit dem Handtuch auf dem Glas reiben hörte.
„Du kannst doch unsere Volkswirtschaft nicht mit Griechenland vergleichen!“
„Geringe Produktivität, veraltete Produkte, die Märkte brechen weg und neue Devisen gibt es nur noch zu illusorischen Zinsen. Genau deshalb will Herr Rösler ja Griechenland ebenso abwickeln wie Euch damals.“
„Na und? Auf uns hat schließlich auch keiner Rücksicht genommen!“
„Na und? Auf uns hat schließlich auch keiner Rücksicht genommen!“
„Vielleicht lief es nicht so, wie Du Dir das 1989 vorgestellt hast, aber Du sitzt in einer Bar und nicht unter der Brücke.
Herrn Rösler schert es nicht, wen er arbeitslos macht, solange er es nicht selber ist. Der sollte sich besser über die Abwicklung der FDP Gedanken machen, da gehen an die hundert Abgeordnete in die Arbeitslosigkeit. Er selbst kann ja jederzeit ins blühende Meck-Pom ziehen, da werden Landärzte gesucht.
Und Du, Du kannst schon mal anfangen, Dein Geld zu sortieren.“
„Wieso?“
„Na, willst Du wirklich auf griechischen Euros sitzen bleiben, wenn Griechenland Pleite geht? Und wenn Du schon dabei bist, sortiere die von Portugal gleich mit aus.“
„Und die irischen.“
„Nein, Irland scheint sich wieder zu erholen.“
Tatsächlich holte der alte Mann eine handvoll Kleingeld aus der Hosentasche und begann, auf dem Tresen Münzen zu sortieren.
„Nimmst Du die noch?“ wollte er dann kleinlaut von der Barfrau wissen.
„Natürlich Willi, mach Dir mal keine Sorgen,“ beschwichtigte die ihn, „und Du Heinz hörst auf, Dich über Willi lustig zu machen!“
Das klang mir sehr nach Kindergarten, doch ich wartete noch auf den Schlussakkord.
„Wenn Du mir einen 25jährigen Metaxa anwärmst, der müsste ja eigentlich schon billiger geworden sein. Und hast Du 'Rain and Tears' von Aphrodite's Child auf dem PC?“
Ich wandte mich ab und kümmerte mich wieder ausschließlich um das, was wirklich mein Bier war.
Das klang mir sehr nach Kindergarten, doch ich wartete noch auf den Schlussakkord.
„Wenn Du mir einen 25jährigen Metaxa anwärmst, der müsste ja eigentlich schon billiger geworden sein. Und hast Du 'Rain and Tears' von Aphrodite's Child auf dem PC?“
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