Das Wetter wurde sommerlich, die Sonne schien, der Biergarten war gut besetzt. Aber mich kratzte das nicht. Ich belagerte den Tresen und wartete auf ein Stout. Der Geruch deutete daraufhin, dass der Heinz seine Ecke bewohnte. Als hätte es nie ein Rauchverbot gegeben.
"... und dann muss man diese neuen Handys davor halten, und die sagen einem dann, was es kostet oder was da drin ist. Ohne so ein Dingen erfährst Du doch gar nichts mehr. Was glauben die eigentlich, wer sich sowas leisten kann?"
Der Mann an der Bar war mir eindeutig unbekannt, aber genauso eindeutig empört.
"Naja," tönte es aus des Heinzens Ecke, "die selbst ernannten 'Kreativen' wollen mit der Wahl des Mediums die Zielgruppe bestimmen."
"Was?"
"Die Werbegeier wollen zahlungskräftige Kunden einer bestimmten Schicht und glauben, sie mittels ihrer Smartphones identifizieren zu können."
"Und was hat das mit mir zu tun?"
"Na Dich wollen sie nicht als Kunden."
"Weil ich kein so modernes Handy habe?"
"Weil Du zu alt bist, weil Du kein Geld für ein Smartphone hast, weil Du Dich nicht damit auseinandersetzen willst oder einfach nur, weil sie glauben, dass Du nicht mehr in die Zeit und in ihren Kundenkreis passt."
"Frechheit!"
"Und? Willst Du jetzt noch bei denen kaufen?"
"Nicht, wenn ich es vermeiden kann!"
Was dann passierte, hielt ich für ein Lachen. Oder sowas Ähnliches. Es war tief und es verstaubte die Innenluft: "Siehst Du, ein klassischer Fall von selbsterfüllender Prophezeiung. Du hast Dich genauso entschieden, wie sie es wollten. Wenn Du bei ihnen kaufst, sinkt das Image ihrer Ware. Wenn Du ihre Produkte benutzt, überlegen sich die jungen, hippen, finanzstarken Käufer, ob sie diese Produkte überhaupt wollen.
Okay, Waren kannst Du verweigern, aber was machst Du mit Deiner Regierung?"
"Wieso?"
"Weil die Regierung inzwischen selbst diese Codes benutzt. Gesundheitsminister Gröhe nutzt die Dinger zum Kennzeichnen fair getradeter Waren. Die kannst Du nur noch mit Smartphone und einer App erkennen."
"Die interessieren mich doch gar nicht!"
"War klar. Aber es nimmt zu. Bald wirst Du nicht mehr wählen können, weil die Slogans auf den Wahlplakaten nur noch mit der App zu erkennen sind."
"Ich wähle doch nicht wegen der Sprüche auf den Wahlplakaten!"
"Na, da hat die Demokratie ja noch mal Glück gehabt." Eine neute Wolke verbreitete sich aus der Ecke über den Raum. "Aber auf den Wahlplakaten steht sowieso nichts über Gen-Mais, Griechenlandrettung für die Banken oder das geheime Freihandelsabkommen mit den USA. Sollten sie jetzt noch die vollständig uneitlen und ungeschönten Porträts unserer Regierenden in QR-Codes umsetzen, würden die Plakate deutlich kleiner."
"Und?"
"Zumindest würden die Pappköppe den Verkehr nicht mehr so behindern." Nächste Wolke. "Im Gedenken an unsere Kryptographen sollten wir einen Club-Mate-Tee trinken und etwas Zwölfton-Musik hören."
"Krypto-Was? Und Tee fasse ich nicht an!"
Ich grinste und bestellte noch ein Stout.
Begegnungen mit dem Heinz in einer kleinen Berliner Raucherbar. Aktuelle Themen und Wasserstandsmeldungen.
20.05.14
04.02.14
La Statue
Endlich hatte ich wieder
Gelegenheit, tiefenentspannt über ein Stout nachdenken zu können. Aber da war ja nicht bloß der Geruch nach Zigarren, sondern ...
"Warum können sie sie nicht
einfach zufrieden lassen?"
Und ich hatte mich auch schon
gefragt, was die kühlschrankblonde Fünfzigjährige ausgerechnet in der
kleinen Kneipe wollte; die Eisschorle vor ihr hatte dabei wohl nur untergeordnete Bedeutung - ich kannte die Weinkarte. Außerdem, bei der
Menge Eis hätte ihr Wein auch mit Flusssäure verlängert sein können. So war sie
nur jemand, den das Schicksal vorbei geschickt hatte, um dem Heinz die
Möglichkeit zu geben, seine Anmerkungen zum Weltgeschehen anbringen zu können:
"Moralisch? Du liebe Güte,
jemand der sich jahrzehntelang ein ums andere Mal zum moralischen Maßstab
macht, warum sollte man dem nicht auch ein paar ebenso jahrelange persönliche
Bereicherungen nachsehen?"
"Das ist doch der reinste
Rufmord!"
"Rechtlich? Rufmord wäre es,
wenn es sich um Verleumdungen oder Gerüchte handeln würde. Dem ist nicht
so."
"Die Medien hätten das Thema
gar nicht aufgreifen dürfen!"
"Medial? Aufgabe der Medien
ist es, relevante Dinge darzustellen. Steuerhinterziehung und öffentliche
Personen gehören dazu. Alle Fakten sind klar und eindeutig."
"Sie hat sich selbst
angezeigt, hat ihre Schulden bezahlt und damit sollte doch Ruhe sein."
"Sozial? Sie hat einen Ausweg
benutzt, der Reichen die Möglichkeit bietet, sich aus einem bereits erfolgten
Vergehen nachträglich herauszukaufen und das für weniger, als es sie gekostet hätte, wenn sie für die ganze Zeit Steuern gezahlt hätte und nicht nur für die
geforderten zehn Jahre."
"Aber so muss man doch
wirklich nicht mit ihr umgehen."
"Menschlich? Es sind die
Folgen ihres Fehlverhaltens, natürlich sind die unangenehm."
"Frau Schwarzer hat eine eine Lebensleistung erbracht. Das macht man doch vollkommen kaputt, so geht
man mit dem Hoeneß doch auch nicht um."
"Sportlich? Mit dem vorbestraften Rummenigge und dem Tränentier Hoeneß, der seinen Prozess erwartet, ist der FC Bayern inzwischen doch sowieso eine kriminelle Vereinigung, Mafia light. Da würde unsere
Preisträgerin des 'stupid white man' ehrenhalber gut hineinpassen. Haben die beiden nicht auch ein Bundesverdienstkreuz? Vielleicht
machen sie ihr ja noch ein Angebot, dass sie nicht ablehnen kann: Im Vorstand wären diese Leistungsträger unter sich."
Der Heinz zog an seiner Zigarre: "Tut mir leid, wenn das Denkmal für die unbekannte Feministin gefallen
ist. Immerhin hat sie diesmal tatsächlich was für die Gleichberechtigung getan:
Sie gezeigt, dass Frauen doch nicht die besseren Menschen sind."
Die Kühlschrankblondine wandte sich
frustriert ihrer Eisschorle zu.
"Mellie, zur Feier des Tages
hätte ich gern einen Doppelkorn und hast Du was von Jacques Brel da? 'La statue' vielleicht?"
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07.11.13
James Bond, cablecaster
Draußen hing kalter Regen in der Luft, drinnen saß ich im Warmen vor einem Stout und wartete auf das Gewitter. Lange konnte es nicht mehr dauern, bis der Heinz die Romeo & Julietta aus dem Mund nehmen und dem lautstarken Stammtisch-Geschwafel Einhalt gebieten würde.
"... was ist denn daran auszusetzen? Wir teilen doch sowieso schon allen alles mit. Und ich habe nichts zu verbergen ..."
Der Typ, der Mellie aufklären wollte, war untergroß, ging gebeugt und trug das Haar unter der Nase statt auf dem Kopf. Er versuchte davon mit Baskenmütze und lässigem Schal abzulenken und zerteilte die Stille mit zwanghafter Aufdringlichkeit. Ich beobachtete, wie die Wolken in der Ecke größer und dichter wurden. Kein gutes Zeichen für eine friedliche Zukunft.
"Der niedersächsische Verfassungsschutz musste Daten löschen, weil sie Journalisten, die von antifa-Demonstrationen berichten, als Extremisten beobachtet haben."
"Ach, davon spreche ich doch gar nicht."
"Sie haben noch nie an Demonstrationen teilgenommen? Nicht mal gegen den Kindergarten oder das Asylantenheim am Ende der Straße?"
"Na hören Sie mal!"
"Das zentrale Argument der amerikanischen und englischen Geheimdienste ist es, eine Gesellschaftsform zu schützen."
Der Schnauzbart sah den Heinz herausfordernd an: "Und haben Sie was dagegen?"
"Das war die zentrale Begründung für die Existenz der Stasi."
"Das können Sie doch nicht vergleichen!"
"Warum nicht? Ich treffe täglich Menschen, die im Osten auch nie Schwierigkeiten hatten. Sie hatten drüben eben auch nichts zu verbergen."
"Aber das können sie doch überhaupt nicht vergleichen!"
Der Heinz zuckte die Achseln: "Was ist mit Russland? Auch Putin verteidigt seine Gesellschaft mit den Urteilen gegen die 'Pussy Riot-Frauen' und Chodorkowski .
Und dieser Faschingsgeneral von der NSA redete über die Gefährdung seiner Arbeit als Geheimdienstler durch 'Verräter' wie Snowden. An seiner Stelle hätte ich mir auch gut Herrn Mielke vor dem Ausschuss vorstellen können.
Was halten Sie von der PKW-Maut?"
"Wenn wir in Italien Maut zahlen müssen, dann sollen die doch auch bei uns ..."
"Sie wissen, dass Herr Friedrich die so erhobenen Bewegungsdaten sofort erkennungsdienstlich verwenden will? Zusammen mit seinem Vorstoß, alle Daten an den Netzwerk-Knotenpunkten abzugreifen, gibt das ein komplettes Bewegungsbild. Aber Sie haben ja nichts zu verbergen. Keine Treffen mit Verwandten und Freunden mehr, die ausreisen wollen."
"Aus der BRD dürfen wir ausreisen!"
Der Heinz blies Rauch aus: "Bis jetzt, aber warten Sie mal, bis die Mauer gebaut wird. Immerhin haben Sie wenigstens kulturell Recht."
"Wieso das denn?"
"Nun wissen wir, wie Geheimdienste wirklich arbeiten."
"Und?"
"Jetzt wird Daniel Craig wohl im nächsten James Bond einen Arbeitsoverall tragen, Kabel legen und Antennenspannungen prüfen. Keine Autos, keine Frauen, keine Waffen, nur anderthalb Stunden Kabel und Antennen. Das wird ein Thriller."
Er wandte sich an die kichernde Mellie: "Wie wäre es mit einem Vodka-Martini und 'nobody does it better' von Carly Simon?"
"... was ist denn daran auszusetzen? Wir teilen doch sowieso schon allen alles mit. Und ich habe nichts zu verbergen ..."
Der Typ, der Mellie aufklären wollte, war untergroß, ging gebeugt und trug das Haar unter der Nase statt auf dem Kopf. Er versuchte davon mit Baskenmütze und lässigem Schal abzulenken und zerteilte die Stille mit zwanghafter Aufdringlichkeit. Ich beobachtete, wie die Wolken in der Ecke größer und dichter wurden. Kein gutes Zeichen für eine friedliche Zukunft.
"Der niedersächsische Verfassungsschutz musste Daten löschen, weil sie Journalisten, die von antifa-Demonstrationen berichten, als Extremisten beobachtet haben."
"Ach, davon spreche ich doch gar nicht."
"Sie haben noch nie an Demonstrationen teilgenommen? Nicht mal gegen den Kindergarten oder das Asylantenheim am Ende der Straße?"
"Na hören Sie mal!"
"Das zentrale Argument der amerikanischen und englischen Geheimdienste ist es, eine Gesellschaftsform zu schützen."
Der Schnauzbart sah den Heinz herausfordernd an: "Und haben Sie was dagegen?"
"Das war die zentrale Begründung für die Existenz der Stasi."
"Das können Sie doch nicht vergleichen!"
"Warum nicht? Ich treffe täglich Menschen, die im Osten auch nie Schwierigkeiten hatten. Sie hatten drüben eben auch nichts zu verbergen."
"Aber das können sie doch überhaupt nicht vergleichen!"
Der Heinz zuckte die Achseln: "Was ist mit Russland? Auch Putin verteidigt seine Gesellschaft mit den Urteilen gegen die 'Pussy Riot-Frauen' und Chodorkowski .
Und dieser Faschingsgeneral von der NSA redete über die Gefährdung seiner Arbeit als Geheimdienstler durch 'Verräter' wie Snowden. An seiner Stelle hätte ich mir auch gut Herrn Mielke vor dem Ausschuss vorstellen können.
Was halten Sie von der PKW-Maut?"
"Wenn wir in Italien Maut zahlen müssen, dann sollen die doch auch bei uns ..."
"Sie wissen, dass Herr Friedrich die so erhobenen Bewegungsdaten sofort erkennungsdienstlich verwenden will? Zusammen mit seinem Vorstoß, alle Daten an den Netzwerk-Knotenpunkten abzugreifen, gibt das ein komplettes Bewegungsbild. Aber Sie haben ja nichts zu verbergen. Keine Treffen mit Verwandten und Freunden mehr, die ausreisen wollen."
"Aus der BRD dürfen wir ausreisen!"
Der Heinz blies Rauch aus: "Bis jetzt, aber warten Sie mal, bis die Mauer gebaut wird. Immerhin haben Sie wenigstens kulturell Recht."
"Wieso das denn?"
"Nun wissen wir, wie Geheimdienste wirklich arbeiten."
"Und?"
"Jetzt wird Daniel Craig wohl im nächsten James Bond einen Arbeitsoverall tragen, Kabel legen und Antennenspannungen prüfen. Keine Autos, keine Frauen, keine Waffen, nur anderthalb Stunden Kabel und Antennen. Das wird ein Thriller."
Er wandte sich an die kichernde Mellie: "Wie wäre es mit einem Vodka-Martini und 'nobody does it better' von Carly Simon?"
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18.09.13
Die Qual der Wahl
Schon als ich in die Kneipe kam, wusste ich, dass heute alles anders war. Ich hatte mein Stout noch nicht erhalten, da dröhnte der Heinz auch schon aus seiner Ecke: "Was bitte ist denn daran undemokratisch?
Ich kann doch gar nicht wählen, wen ich will. Alles was sie mich lassen, ist, Listen legitimieren, die die Parteien aufgestellt haben. Was interessiert es mich, ob jemand aus Nieder- oder aus Oberbayern kommt? Ich will, dass die ihren Job machen. Aber es müssen ja die Interessen der verschiedenen Parteiteile ausgeglichen werden. Egal ob jemand nur zum Minister wurde, weil er aus dem Wahlkreis Hessen Süd kommt und von der Materie keine Ahnung hat.
Es ist doch egal, ob Merkel oder Steinbrück gewinnen, doch was ist mit den Leuten neben ihnen? Die komplette équipe de cornichons ist wichtig, und darauf hast Du als Wähler überhaupt keinen Einfluss.
Wann hast Du das letzte Mal ein Übertragung aus dem Bundestag gesehen? Wie viele Abgeordnete waren anwesend? Hattest Du den Eindruck, die verschiedenen Parteien hätten sich da zugehört? Hast Du jemals beobachtet, dass ein Politiker nach so einer Schau sagt, boah, das Argument der Gegner war wirklich gut, ab sofort bin ich auch dafür?
Stattdessen ignorieren sich die Politiker gegenseitig, zeigen sich gegenseitig ihre Missachtung, wenn sie überhaupt erscheinen. Und wenn mal jemand mit seiner Meinung von der seiner Partei abweicht, wird er gezwungen, im Namen der Partei abzustimmmen. Fraktionszwang.
Wer nimmt die Demokratie nicht ernst?"
Der Heinz machte ein kurze Pause, die ich dazu nutzte, mein Bier zu trinken.
"Wieviel Prozent haben denn die Regierungen gewählt? Du erfährst nicht, wie viele Prozent der Wahlberechtigten für die Regierung gestimmt haben, immer nur, wie viel Prozent der abgegebenen Stimmen. Wer will denn schon hören, dass Frau Merkel nur von 30 % gewählt wurde? 40 % klingen doch viel besser.
Nur weil ich dieses Mal nicht bereit bin, das kleinere Übel zu wählen, nur weil ich dieses Mal nicht als Legitimation für deren Handlungen herhalten will, soll ich undemokratisch sein?"
Ich stellte das leere Glas auf den Tresen und legte Mellie Geld hin. Sie kam gar nicht dazu, etwas zu sagen, der Heinz machte einfach weiter.
"Weshalb machen die denn diese Welle? Doch nur weil sie langsam selber merken, dass Ihre Handlungen nicht mehr demokratisch abgedeckt sind. Und weil sie keine Lust haben, unangenehme Entscheidungen zu treffen, beschimpfen sie uns.
Was ist mit dem Umbau des Gesundheitssystems? Was ist mit der Bestechlichkeit von Abgeordneten? Was ist mit der Energiewende? Was ist mit Volksentscheidungen aus Bundesebene? Was ist generell mit dem Lobbyismus in Berlin? Alles Themen, die selbst in Albanien besser geregelt sind. Aber solange Politiker sich selbst beschränken müssen, passiert da nichts. Es ist doch schön gemütlich, wenn die Lobbyisten die Arbeit machen, man freundlich umsorgt wird; das Volk zahlt schon auf die eine oder andere Art und Weise dafür.
Da mache ich nicht mehr mit und solange ich keine Chance habe, für meine Überzeugungen einzustehen, werde ich denen auch keine Möglichkeit mehr geben, sich berechtigt zu fühlen, in meinem Namen zu handeln."
Ich nickte Mellie zu und ging, während der Heinz für eine weitere Tirade Luft holte.
Ich kann doch gar nicht wählen, wen ich will. Alles was sie mich lassen, ist, Listen legitimieren, die die Parteien aufgestellt haben. Was interessiert es mich, ob jemand aus Nieder- oder aus Oberbayern kommt? Ich will, dass die ihren Job machen. Aber es müssen ja die Interessen der verschiedenen Parteiteile ausgeglichen werden. Egal ob jemand nur zum Minister wurde, weil er aus dem Wahlkreis Hessen Süd kommt und von der Materie keine Ahnung hat.
Es ist doch egal, ob Merkel oder Steinbrück gewinnen, doch was ist mit den Leuten neben ihnen? Die komplette équipe de cornichons ist wichtig, und darauf hast Du als Wähler überhaupt keinen Einfluss.
Wann hast Du das letzte Mal ein Übertragung aus dem Bundestag gesehen? Wie viele Abgeordnete waren anwesend? Hattest Du den Eindruck, die verschiedenen Parteien hätten sich da zugehört? Hast Du jemals beobachtet, dass ein Politiker nach so einer Schau sagt, boah, das Argument der Gegner war wirklich gut, ab sofort bin ich auch dafür?
Stattdessen ignorieren sich die Politiker gegenseitig, zeigen sich gegenseitig ihre Missachtung, wenn sie überhaupt erscheinen. Und wenn mal jemand mit seiner Meinung von der seiner Partei abweicht, wird er gezwungen, im Namen der Partei abzustimmmen. Fraktionszwang.
Wer nimmt die Demokratie nicht ernst?"
Der Heinz machte ein kurze Pause, die ich dazu nutzte, mein Bier zu trinken.
"Wieviel Prozent haben denn die Regierungen gewählt? Du erfährst nicht, wie viele Prozent der Wahlberechtigten für die Regierung gestimmt haben, immer nur, wie viel Prozent der abgegebenen Stimmen. Wer will denn schon hören, dass Frau Merkel nur von 30 % gewählt wurde? 40 % klingen doch viel besser.
Nur weil ich dieses Mal nicht bereit bin, das kleinere Übel zu wählen, nur weil ich dieses Mal nicht als Legitimation für deren Handlungen herhalten will, soll ich undemokratisch sein?"
Ich stellte das leere Glas auf den Tresen und legte Mellie Geld hin. Sie kam gar nicht dazu, etwas zu sagen, der Heinz machte einfach weiter.
"Weshalb machen die denn diese Welle? Doch nur weil sie langsam selber merken, dass Ihre Handlungen nicht mehr demokratisch abgedeckt sind. Und weil sie keine Lust haben, unangenehme Entscheidungen zu treffen, beschimpfen sie uns.
Was ist mit dem Umbau des Gesundheitssystems? Was ist mit der Bestechlichkeit von Abgeordneten? Was ist mit der Energiewende? Was ist mit Volksentscheidungen aus Bundesebene? Was ist generell mit dem Lobbyismus in Berlin? Alles Themen, die selbst in Albanien besser geregelt sind. Aber solange Politiker sich selbst beschränken müssen, passiert da nichts. Es ist doch schön gemütlich, wenn die Lobbyisten die Arbeit machen, man freundlich umsorgt wird; das Volk zahlt schon auf die eine oder andere Art und Weise dafür.
Da mache ich nicht mehr mit und solange ich keine Chance habe, für meine Überzeugungen einzustehen, werde ich denen auch keine Möglichkeit mehr geben, sich berechtigt zu fühlen, in meinem Namen zu handeln."
Ich nickte Mellie zu und ging, während der Heinz für eine weitere Tirade Luft holte.
31.07.13
Zeit
Vom Anbeginn der Zeit
läuft die Zeit, fliegt sie
gießt sie Honig in Wellblech
ununterbrochen
Und die Zeit verläuft sich, gleitet durch unsere Hände
doch wenn unsere Zeit durch fremde Finger rinnt
zieht sich die Zeit
oft, bis sie um ist
Vergeudete Zeit
denn wenn die Zeit gekommen ist
ist sie auch schon abgelaufen
und die Zeit kommt nicht zurück.
läuft die Zeit, fliegt sie
gießt sie Honig in Wellblech
ununterbrochen
Und die Zeit verläuft sich, gleitet durch unsere Hände
doch wenn unsere Zeit durch fremde Finger rinnt
zieht sich die Zeit
oft, bis sie um ist
Vergeudete Zeit
denn wenn die Zeit gekommen ist
ist sie auch schon abgelaufen
und die Zeit kommt nicht zurück.
21.06.13
Jingle auf der Flucht oder Einsatz in Lichterfelde
Im Juni waren die Hundstage gekommen, genau wie Barrack Obama. Wozu, wusste keiner so genau. Passend dazu wurde am Tresen lautstark der letzte Vorschlag von Innenminister Friedrich, die Strafverfolgung in Deutschland wesentlich effizienter zu gestalten, diskutiert.
"Natürlich hätten die Bullen mit amerikanischen Sirenen mehr Erfolg," meinte der lange, dünne Typ im schreiend bunten Tank-Top an der Bar, während er intensiv versuchte, Mellies ohnehin schon großzügigen Ausschnitt noch etwas tiefer auszuloten.
"Die kennen wir doch alle seit unserer Kindheit aus Film, Funk und Fernsehen: 'Einsatz in Manhattan', 'Straßen von San Francisco', 'Starsky und Hutch', 'Miami Vice' oder 'CSI'."
"...'T.J. Hooker', 'Chips'," brummelte der Heinz unüberhörbar aus seiner Ecke.
"Wie bitte?"
"Zwei der langweiligsten Krimiserien der Achtziger," meinte der Heinz, "aber eben mit ganz viel Jammer-Sirene."
"Und?" der Typ an der Bar konnte sich immer noch nicht entscheiden, ob er seine Aufmerksamkeit lieber in des Heinzens oder Mellies Argumente investieren sollte.
"Wer glaubt denn wirklich, dass deutsche Straftäter im bloßen Gedenken an Dave Starsky oder Sonny Crockett sofort rechts ran fahren, wenn sie eine amerikanische Sirene hören?"
Außerdem übersieht unser Innenminister in seiner Innovations-Wut, dass die Ausstattung der Polizeikräfte Ländersache ist. Und die Bundesländer können sich ja nicht mal auf eine Uniform- oder Wagenfarbe einigen."
Jetzt konnte sich der Typ endlich von Mellie losreißen und sah den Heinz direkt an: "Die verdammten Bundesländer blockieren immer alles, ganz besonders seit die Sozis dort die Mehrheit haben."
"Naja, Gesetz ist halt Gesetz."
"Aber man könnte das wirklich leicht umsetzen. Die Autos haben doch schon lange keine Sirenen mehr, die haben Tongeneratoren, die im Prinzip jeden beliebigen Klang simulieren können."
Der Heinz nickte: "Das ist ja toll. Jeden Klang? Und alle Geräusche? Also auch Blähungen oder quietschende Türen?"
"Bleiben Sie doch bitte ernst!"
"Bei dem Thema? Weil die Sirene von Polizeifahrzeugen der wichtigste Aspekt moderner Strafverfolgung ist? Nicht wirklich, oder?"
Die beiden schwiegen einen Moment, aber mir war klar, dass der Heinz sein letztes Wort noch nicht gesprochen hatte.
"Das wäre aber auch eine super Möglichkeit, die leeren Kassen aufzufüllen."
"Wie das?"
Manche Menschen rennen eben sehenden Auges in ihren Untergang.
"Na, sie könnten Straftäter auf der Flucht ansimsen und ihnen - für eine kleine Gebühr natürlich - ihren Lieblingssong als Wohnblock erbebenden Sirenenjingle anbieten. Die Titelmelodie vom 'Paten' zum Beispiel.
Und Intensivstraftäter könnten dann von ihrem frisch Geklauten ein Monatsabo per Flatrate buchen. Um aus einem Fundus von sagen wir fünf Songs einen Monat lang ihren Lieblingssong als Sirenensound ganz individuell für jede Verfolgungsjagd wählen.
Jeden Tag veränderbar, Kündigungsfrist alle drei Monate; für den Fall, dass mal mehr zu tun ist. Der richtige Jingle auf der Flucht bringt die verbrüderten Knastis doch vor Neid zum Platzen."
Der Typ an der Bar sah erst irritiert, dann zunehmend verärgert von dem Heinz zu Mellie und zurück. Als beide tatsächlich ernst blieben, warf er einen Geldschein auf den Tresen und verlies gemessenen Schrittes und ohne ein weiteres Wort das Lokal.
"Na also," meinte der Heinz, "das hat ja gedauert. Und jetzt bitte 'Polizisten' von Extrabreit und einen extraweichen 'Mariacron' für alle, denn das Leben ist schon hart genug."
"Danke, nicht für mich," sagte ich leise, aber verständlich.
"Natürlich hätten die Bullen mit amerikanischen Sirenen mehr Erfolg," meinte der lange, dünne Typ im schreiend bunten Tank-Top an der Bar, während er intensiv versuchte, Mellies ohnehin schon großzügigen Ausschnitt noch etwas tiefer auszuloten.
"Die kennen wir doch alle seit unserer Kindheit aus Film, Funk und Fernsehen: 'Einsatz in Manhattan', 'Straßen von San Francisco', 'Starsky und Hutch', 'Miami Vice' oder 'CSI'."
"...'T.J. Hooker', 'Chips'," brummelte der Heinz unüberhörbar aus seiner Ecke.
"Wie bitte?"
"Zwei der langweiligsten Krimiserien der Achtziger," meinte der Heinz, "aber eben mit ganz viel Jammer-Sirene."
"Und?" der Typ an der Bar konnte sich immer noch nicht entscheiden, ob er seine Aufmerksamkeit lieber in des Heinzens oder Mellies Argumente investieren sollte.
"Wer glaubt denn wirklich, dass deutsche Straftäter im bloßen Gedenken an Dave Starsky oder Sonny Crockett sofort rechts ran fahren, wenn sie eine amerikanische Sirene hören?"
Außerdem übersieht unser Innenminister in seiner Innovations-Wut, dass die Ausstattung der Polizeikräfte Ländersache ist. Und die Bundesländer können sich ja nicht mal auf eine Uniform- oder Wagenfarbe einigen."
Jetzt konnte sich der Typ endlich von Mellie losreißen und sah den Heinz direkt an: "Die verdammten Bundesländer blockieren immer alles, ganz besonders seit die Sozis dort die Mehrheit haben."
"Naja, Gesetz ist halt Gesetz."
"Aber man könnte das wirklich leicht umsetzen. Die Autos haben doch schon lange keine Sirenen mehr, die haben Tongeneratoren, die im Prinzip jeden beliebigen Klang simulieren können."
Der Heinz nickte: "Das ist ja toll. Jeden Klang? Und alle Geräusche? Also auch Blähungen oder quietschende Türen?"
"Bleiben Sie doch bitte ernst!"
"Bei dem Thema? Weil die Sirene von Polizeifahrzeugen der wichtigste Aspekt moderner Strafverfolgung ist? Nicht wirklich, oder?"
Die beiden schwiegen einen Moment, aber mir war klar, dass der Heinz sein letztes Wort noch nicht gesprochen hatte.
"Das wäre aber auch eine super Möglichkeit, die leeren Kassen aufzufüllen."
"Wie das?"
Manche Menschen rennen eben sehenden Auges in ihren Untergang.
"Na, sie könnten Straftäter auf der Flucht ansimsen und ihnen - für eine kleine Gebühr natürlich - ihren Lieblingssong als Wohnblock erbebenden Sirenenjingle anbieten. Die Titelmelodie vom 'Paten' zum Beispiel.
Und Intensivstraftäter könnten dann von ihrem frisch Geklauten ein Monatsabo per Flatrate buchen. Um aus einem Fundus von sagen wir fünf Songs einen Monat lang ihren Lieblingssong als Sirenensound ganz individuell für jede Verfolgungsjagd wählen.
Jeden Tag veränderbar, Kündigungsfrist alle drei Monate; für den Fall, dass mal mehr zu tun ist. Der richtige Jingle auf der Flucht bringt die verbrüderten Knastis doch vor Neid zum Platzen."
Der Typ an der Bar sah erst irritiert, dann zunehmend verärgert von dem Heinz zu Mellie und zurück. Als beide tatsächlich ernst blieben, warf er einen Geldschein auf den Tresen und verlies gemessenen Schrittes und ohne ein weiteres Wort das Lokal.
"Na also," meinte der Heinz, "das hat ja gedauert. Und jetzt bitte 'Polizisten' von Extrabreit und einen extraweichen 'Mariacron' für alle, denn das Leben ist schon hart genug."
"Danke, nicht für mich," sagte ich leise, aber verständlich.
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07.05.13
sex and drugs and rock 'n' roll
Das Wetter kippelte zwischen kalt und sommerlich, aber regnerisch, was immer noch besser war, als die kleine Eiszeit bis April. Der FC Bayern München und seine Sponsoren, alles Firmen, die kleinste Verstöße ihrer weniger prominenten Mitarbeiter gegen die Firmenpolitik mit fristlosen Kündigungen ahndeten, hatten in der noch strafrechtlich zu verfolgenden Steueraffäre Hoeneß eine Konsequenz wahrhaft berlusconischer Ausmaße gezeigt; gewissermaßen die spätrömische Dekadenz, vor der die FDP noch vor Kurzem gewarnt hatte, das allerdings am anderen Ende der Nahrungskette.
Zeitgleich wetterte die neoliberale Spitze auf ihrem Sonderparteitag gegen den 'Räuber Hotzenplotz' und seine Grünen, die ihre Themen besetzt hatten.
Diese Grünen wiederum hatten in NRW das absolut absoluteste Rauchverbot installiert, das ohne die gleichzeitige Wiedereinführung der Todesstrafe vorstellbar war.
Die Themen bewegten sich in konzentrischen Kreisen.
Aktuell hielt ich mich mal wieder an einem kühlen Schwarzen fest, während der Heinz mittels mehrerer Rauchwolken ankündigte, dass es einer neuen Zigarre an den Kragen ging.
"Na," sagte Mellie mit tiefem Blick in die Feinstaubwolke, "da kannst Du ja froh sein, dass wir nicht in Nordrhein-Westfalen sind."
Die Anlage spielte die letzten entspannten Klänge von 'Waterloo Sunset' und der Heinz reagierte nicht.
An der Theke legte Thomas nach: "Rauchen ist ungesund. Du solltest stärker auf Deine Gesundheit achten."
Der Heinz stieß die obligatorischen Wölkchen aus und ignorierte auch ihn.
Ich bestellte das nächste Stout. Die Musik wechselte auf 'Sky High', Mellie auf direkten Angriff: " In Dänemark wurden die Raucherpausen verboten."
Entnervt sah der Heinz von seinen Notizen hoch: "Und?"
Mellie und Thomas sahen ihn erstaunt an: "Was würdest Du bloß ohne Zigarren tun?"
Der Heinz sah sie nacheinander an: "Umziehen." Und er widmete sich wieder seinem Schrifttum.
Thomas konnte es nicht lassen: "Nein ehrlich: Was, wenn Du gar nicht mehr rauchen darfst?"
Der Heinz sah wieder hoch: "Nach Kuba, politisches Asyl beantragen."
"Du würdest eher nach Kuba ziehen, als das Rauchen aufgeben?"
"Was spricht dagegen? Besseres Wetter, billigere Zigarren, fantastischer Rum und schönere Frauen."
"Hallo?" beschwerte sich Mellie.
Der Heinz schenkte ihr ein Achselzucken der Marke: Hättest halt nicht anfangen sollen. "Überhaupt: Eine Regelung, die einen angeblich davor bewahrt, die eigene Gesundheit zu schädigen, ist doch so dünnsinnig wie der Gurtzwang im Auto."
"Häh?"
"Auch die Anschnallpflicht müsste eigentlich gegen den Grundsatz der freien Entfaltung der Persönlichkeit im Grundgesetz verstossen."
"Aber sie gilt."
"Da Du, falls Du bei einem Unfall verletzt wirst, weil Du nicht angeschnallt warst, anderen Unfallopfern nicht mehr helfen könntest. Vom Rücken durch die Brust ins Auge.
Und dass ausgerechnet die Gesundheitsökologen, die das Rauchen verbieten wollen, häufig die Freigabe von Marihuana befürworten, stört Dich dabei nicht?"
"Wieso?"
"Das Gras ist frei, aber rauchen darfst Du es nicht? Bald kommt man in Kindergärten leichter an Haschkekse, als an Zigaretten in Kneipen für Erwachsene."
Genüsslich sog der Heinz an der Zigarre und entließ eine Monsterwolke in den Raum.
Mellie sah ihn fragend an: "Erst das Essen, jetzt das Rauchen - was ist das nächste Ziel der Gesundheitstaliban, wenn das absolute Rauchverbot durchgesetzt ist?"
"Alkohol. Du wirst dann nur noch Apfelsaft und Kräutertee verkaufen, während gleichzeitig ein schwunghafter Schwarzhandel mit gestrecktem Tabak und Schwarzgebranntem entstehen wird. So hat schon die Mafia in den Zwanzigern ihre Anschubfinanzierung erhalten: Durch die Prohibition."
"Was?"
"Genau. Und jetzt will ich einen doppelten Absinth und 'Sex 'n' drugs 'n' rock 'n' roll' und keine Widerrede."
Zeitgleich wetterte die neoliberale Spitze auf ihrem Sonderparteitag gegen den 'Räuber Hotzenplotz' und seine Grünen, die ihre Themen besetzt hatten.
Diese Grünen wiederum hatten in NRW das absolut absoluteste Rauchverbot installiert, das ohne die gleichzeitige Wiedereinführung der Todesstrafe vorstellbar war.
Die Themen bewegten sich in konzentrischen Kreisen.
Aktuell hielt ich mich mal wieder an einem kühlen Schwarzen fest, während der Heinz mittels mehrerer Rauchwolken ankündigte, dass es einer neuen Zigarre an den Kragen ging.
"Na," sagte Mellie mit tiefem Blick in die Feinstaubwolke, "da kannst Du ja froh sein, dass wir nicht in Nordrhein-Westfalen sind."
Die Anlage spielte die letzten entspannten Klänge von 'Waterloo Sunset' und der Heinz reagierte nicht.
An der Theke legte Thomas nach: "Rauchen ist ungesund. Du solltest stärker auf Deine Gesundheit achten."
Der Heinz stieß die obligatorischen Wölkchen aus und ignorierte auch ihn.
Ich bestellte das nächste Stout. Die Musik wechselte auf 'Sky High', Mellie auf direkten Angriff: " In Dänemark wurden die Raucherpausen verboten."
Entnervt sah der Heinz von seinen Notizen hoch: "Und?"
Mellie und Thomas sahen ihn erstaunt an: "Was würdest Du bloß ohne Zigarren tun?"
Der Heinz sah sie nacheinander an: "Umziehen." Und er widmete sich wieder seinem Schrifttum.
Thomas konnte es nicht lassen: "Nein ehrlich: Was, wenn Du gar nicht mehr rauchen darfst?"
Der Heinz sah wieder hoch: "Nach Kuba, politisches Asyl beantragen."
"Du würdest eher nach Kuba ziehen, als das Rauchen aufgeben?"
"Was spricht dagegen? Besseres Wetter, billigere Zigarren, fantastischer Rum und schönere Frauen."
"Hallo?" beschwerte sich Mellie.
Der Heinz schenkte ihr ein Achselzucken der Marke: Hättest halt nicht anfangen sollen. "Überhaupt: Eine Regelung, die einen angeblich davor bewahrt, die eigene Gesundheit zu schädigen, ist doch so dünnsinnig wie der Gurtzwang im Auto."
"Häh?"
"Auch die Anschnallpflicht müsste eigentlich gegen den Grundsatz der freien Entfaltung der Persönlichkeit im Grundgesetz verstossen."
"Aber sie gilt."
"Da Du, falls Du bei einem Unfall verletzt wirst, weil Du nicht angeschnallt warst, anderen Unfallopfern nicht mehr helfen könntest. Vom Rücken durch die Brust ins Auge.
Und dass ausgerechnet die Gesundheitsökologen, die das Rauchen verbieten wollen, häufig die Freigabe von Marihuana befürworten, stört Dich dabei nicht?"
"Wieso?"
"Das Gras ist frei, aber rauchen darfst Du es nicht? Bald kommt man in Kindergärten leichter an Haschkekse, als an Zigaretten in Kneipen für Erwachsene."
Genüsslich sog der Heinz an der Zigarre und entließ eine Monsterwolke in den Raum.
Mellie sah ihn fragend an: "Erst das Essen, jetzt das Rauchen - was ist das nächste Ziel der Gesundheitstaliban, wenn das absolute Rauchverbot durchgesetzt ist?"
"Alkohol. Du wirst dann nur noch Apfelsaft und Kräutertee verkaufen, während gleichzeitig ein schwunghafter Schwarzhandel mit gestrecktem Tabak und Schwarzgebranntem entstehen wird. So hat schon die Mafia in den Zwanzigern ihre Anschubfinanzierung erhalten: Durch die Prohibition."
"Was?"
"Genau. Und jetzt will ich einen doppelten Absinth und 'Sex 'n' drugs 'n' rock 'n' roll' und keine Widerrede."
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