07.05.13

sex and drugs and rock 'n' roll

Das Wetter kippelte zwischen kalt und sommerlich, aber regnerisch, was immer noch besser war, als die kleine Eiszeit bis April. Der FC Bayern München und seine Sponsoren, alles Firmen, die kleinste Verstöße ihrer weniger prominenten Mitarbeiter gegen die Firmenpolitik mit fristlosen Kündigungen ahndeten, hatten in der noch strafrechtlich zu verfolgenden Steueraffäre Hoeneß eine Konsequenz wahrhaft berlusconischer Ausmaße gezeigt; gewissermaßen die spätrömische Dekadenz, vor der die FDP noch vor Kurzem gewarnt hatte, das allerdings am anderen Ende der Nahrungskette.
Zeitgleich wetterte die neoliberale Spitze auf ihrem Sonderparteitag gegen den 'Räuber Hotzenplotz' und seine Grünen, die ihre Themen besetzt hatten.
Diese Grünen wiederum hatten in NRW das absolut absoluteste Rauchverbot installiert, das ohne die gleichzeitige Wiedereinführung der Todesstrafe vorstellbar war.
Die Themen bewegten sich in konzentrischen Kreisen. 
Aktuell hielt ich mich mal wieder an einem kühlen Schwarzen fest, während der Heinz mittels mehrerer Rauchwolken ankündigte, dass es einer neuen Zigarre an den Kragen ging.
"Na," sagte Mellie mit tiefem Blick in die Feinstaubwolke, "da kannst Du ja froh sein, dass wir nicht in Nordrhein-Westfalen sind."
Die Anlage spielte die letzten entspannten Klänge von 'Waterloo Sunset' und der Heinz reagierte nicht.
An der Theke legte Thomas nach: "Rauchen ist ungesund. Du solltest stärker auf Deine Gesundheit achten."
Der Heinz stieß die obligatorischen Wölkchen aus und ignorierte auch ihn.
Ich bestellte das nächste Stout. Die Musik wechselte auf 'Sky High', Mellie auf direkten Angriff: " In Dänemark wurden die Raucherpausen verboten."
Entnervt sah der Heinz von seinen Notizen hoch: "Und?"
Mellie und Thomas sahen ihn erstaunt an: "Was würdest Du bloß ohne Zigarren tun?"
Der Heinz sah sie nacheinander an: "Umziehen." Und er widmete sich wieder seinem Schrifttum.
Thomas konnte es nicht lassen: "Nein ehrlich: Was, wenn Du gar nicht mehr rauchen darfst?"
Der Heinz sah wieder hoch: "Nach Kuba, politisches Asyl beantragen."
"Du würdest eher nach Kuba ziehen, als das Rauchen aufgeben?"
"Was spricht dagegen? Besseres Wetter, billigere Zigarren, fantastischer Rum und schönere Frauen."
"Hallo?" beschwerte sich Mellie.
Der Heinz schenkte ihr ein Achselzucken der Marke: Hättest halt nicht anfangen sollen. "Überhaupt: Eine Regelung, die einen angeblich davor bewahrt, die eigene Gesundheit zu schädigen, ist doch so dünnsinnig wie der Gurtzwang im Auto."
"Häh?"
"Auch die Anschnallpflicht müsste eigentlich gegen den Grundsatz der freien Entfaltung der Persönlichkeit im Grundgesetz verstossen."
"Aber sie gilt."
"Da Du, falls Du bei einem Unfall verletzt wirst, weil Du nicht angeschnallt warst, anderen Unfallopfern nicht mehr helfen könntest. Vom Rücken durch die Brust ins Auge.
Und dass ausgerechnet die Gesundheitsökologen, die das Rauchen verbieten wollen, häufig die Freigabe von Marihuana befürworten, stört Dich dabei nicht?"
"Wieso?"
"Das Gras ist frei, aber rauchen darfst Du es nicht? Bald kommt man in Kindergärten leichter an Haschkekse, als an Zigaretten in Kneipen für Erwachsene."
Genüsslich sog der Heinz an der Zigarre und entließ eine Monsterwolke in den Raum.
Mellie sah ihn fragend an: "Erst das Essen, jetzt das Rauchen - was ist das nächste Ziel der Gesundheitstaliban, wenn das absolute Rauchverbot durchgesetzt ist?"
"Alkohol. Du wirst dann nur noch Apfelsaft und Kräutertee verkaufen, während gleichzeitig ein schwunghafter Schwarzhandel mit gestrecktem Tabak und Schwarzgebranntem entstehen wird. So hat schon die Mafia in den Zwanzigern ihre Anschubfinanzierung erhalten: Durch die Prohibition."
"Was?"
"Genau. Und jetzt will ich einen doppelten Absinth und 'Sex 'n' drugs 'n' rock 'n' roll' und keine Widerrede."

26.03.13

weather with you

Wir hatten den Papst gewechselt, des Tomfkap' - the old man formerly known as pope - Rücktritt blieb die einzig bemerkenswerte Tat in acht Jahren Amtszeit, Europa hatte in Zypern Milliarden russischen Schwarzgelds gerettet, was die Zyprioten als Einmarsch der Wehrmacht und Zar Putin als Diebstahl bezeichneten, die Regierung hatte bei den Beschränkungen von Banken und NPD der Mut verlassen, während Bayern und Hessen ihren gefunden hatten: Nachdem sie nicht mehr davon profitierten, klagten sie jetzt gegen den Länderfinanzausgleich.
Geblieben war die Arroganz von Kurie, Bänkern und Politikern. Und der Winter. Ostern stand vor der Tür und der Winter hatte Europa im, naja, Schwitzkasten. Das Wetter war wieder Tagesgespräch. Fernsehwetteronkel erhielten Morddrohungen und wurden wegen Depressionen behandelt. Sogar Kachelmanns Dauergrinsen hatte geringfügig abgebaut, das aber, weil die Abrechnung mit der deutschen Justiz, die er mit seiner aktuellen Hauptfrau in die Regale des deutschen Buchhandels gedrückt hatte, unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand. All das waberte durch die Rauchschwaden meiner Lieblingstränke, während ich an meinem zweiten Stout schnüffelte.
"Natürlich hat sich die Bettina vom Wulff scheiden lassen, sobald der Amt und Würden los war.
Nein", dröhnte der Heinz durch den Rauch seiner Zigarre, "das war ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: Der Wulff bekam das Quelle-Versand-Model zum Vorführen und - wenn er denn soviel Glück hatte - zum Anfassen und das Model kriegte die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, die es, dünn, blond und moralisch abwaschbar wie es ist, glaubt, verdient zu haben. Aber: Kameras weg, Model weg."
Betrübt schüttelte der Heinz den Kopf: "Und müsste Fipsi Rösler jeden Abend nach der Arbeit allein bei den Nazis in Oberschweineöde aus der S-Bahn steigen, würde das alte Schlitzauge auch mehr um seine körperliche Integrität fürchten als um sein Image in der politischen Parallelwelt. Dann wäre er bestimmt für jeden Aussteiger dankbar, der sich nicht an den täglichen Pogromen gegen ihn beteiligt."
Der Heinz hob sein Glas und goss sich den Kurzen hinter die Binde.
"Offensichtlich vergisst man, dass man zu Minderheiten gehört, wenn es einem nicht jeden Tag mit Schlagring oder Springerstiefeln reingetrieben wird."
"Ja, Du hast zu allem eine Meinung, Heinz", maulte Mellie, "aber selbst Du musst zugeben, dass der Dauerwinter nervt."
"Wie Alkohol wird auch Wetter sehr individuell wahrgenommen."
"Wie bitte?"
"Ist Dir nie aufgefallen, dass Du Dich bis zu einer bestimmten Menge an Alkohol situationsabhängig unterschiedlich betrunken fühlst? Genauso nimmst Du das Wetter wahr."
Mellie war entrüstet: "Ich träume das Wetter doch nicht! Es ist eiskalt!"
"Schon", sagte der Heinz, "die Frage ist nur, inwieweit Du das als störend wahrnimmst. Du willst Designerwetter? Nach gemittelten, nicht repräsentativen Befragungen hätten wir dann jeden Montag bis Freitag acht bis achtzehn Uhr zwanzig Grad, von Freitags abends bis Sonntags Nacht Sonne und dreissig Grad und Regen ausschliesslich nachts."
"Was wäre daran schlimm?"
"Sei mit Deinen Wünschen vorsichtig, sie könnten in Erfüllung gehenDein Leben lang."
"Und was ist mit den Kosten? Die Heizkostennachzahlungen werden uns umbringen, die Baustellen stehen still und Osterartikel und Frühjahrsblumen verkaufen sich gar nicht."
"Fritz Reuter sagte: 'Wat den einen sin Uhl is den andern sin Nachtigal.' Denn dafür laufen die Geschäfte mit Fernreisen und Glühwein, Winterklamotten verkaufen sich so prächtig wie Heizöl, und die Weihnachtsbaumstände könnten jetzt ein Supergeschäft machen. Binde die bunten Eier wie Kugeln an die Tanne statt sie ins Gras zu legen, dann findet man sie auch im dichtesten Schneetreiben wieder."
Er blinzelte ihr zu: "Und jetzt hätte ich gern einen 'Hurricane' und leg doch mal 'weather with you' von Crowded House auf, wenn Du hast."

09.02.13

she blinded me with science

Anfang Februar fiel erneut schneeweißer Winter über die große, graue Stadt her, gemeinsam mit dem allgegenwärtigen Karneval und den Pleiten, Pech und Pannen ambitionierter Politiker in einem Wahljahr. Über schlecht geräumte Wege schlidderte ich an meinen Thekenplatz und geriet noch vor dem ersten Stout in die laufende Diskussion.
"Wieso muss eine Ministerin einen Hochschulabschluss haben?" fragte Mellie.
"Hmm", brummte der Heinz, "darum geht es doch gar nicht. Frau Schavan hat sich immer für Ehrlichkeit und Werte stark gemacht. Damit hat sie ihre Fallhöhe selbst bestimmt. Schon ihre Äußerungen über den Fall zu Guttenberg zeigen doch, wie verlogen sie ist."
"Aber sie hat doch die ganzen Jahre gute Arbeit geleistet."
Der Heinz atmete hörbar ein und sichtbar wieder aus. Sein Atem füllte den Raum in staubigem Grau: "Sie hat in Baden-Württemberg das zwölfjährige Abitur und Studiengebühren durchgesetzt - beides anerkannt fragwürdige pädagogische Massnahmen - und ansonsten ihrer Kanzlerin Nibelungentreue geschworen.
Größere Ambitionen wie Ministerpräsident von Baden-Württemberg oder Bundespräsidentin zu werden, hat sie jedes Mal aufgegeben, sobald es männliche Bewerber gab. Wie die Quotenhessin Schröder ist sie doch bloß eine Parteisoldatin mit einem fatalen Hang zu einer überkommenen Ordnung, die sie für gottgegeben hält. Was die Opposition abhält, ihre Leistungen in Frage zu stellen, ist bloß die Konvention, nicht schlecht über Tote zu reden."
Draußen fiel der Schnee in großen Flocken: "Du erträgst bloß keine Frauen in leitenden Positionen."
"Ich ertrage doch Dich."
"Wenn Du hier weiter trinken willst, musst Du das auch."
"Weißt Du Mellie," brummte der Heinz, "eigentlich haben wir gar keinen Akademikermangel, die Firmen wollen nur keine ordentlichen Löhne bezahlen und rechnen den Bedarf hoch, um billige Kräfte aus dem Ausland zu bekommen. Angesichts diesen künstlichen Bedarfs ist Frau Schavan trotz ihrer Vorliebe für Eliten-Bildung - wahrscheinlich hat sie bis vor Kurzem noch geglaubt, selbst zur Leistungselite zu zählen - auf die Erwachsenenbildung gekommen.
Sie hat nie wirklich was dafür getan, aber jetzt könnte sie doch mal zeigen, dass es ihr Ernst damit war: Um eine neue Doktorarbeit zu schreiben, müsste sie bloß die Aufnahmeprüfung schaffen, alle Formalien bezüglich Noten, Zeit, Ort, Gebühren und Praktikum usw. erfüllen und die reichlich Creditpoints erarbeiten, um danach die Aufnahme zum Masterstudium zu schaffen. Als Bachelor wird man nix und eine Garantie für die Zulassung zum Master gibt es nicht. Das zweite Studium bedeutet keine Erstausbildungsförderung mehr und die nächste Uni - was sind schon ein, zwei Umzüge bei den heutigen Wohnverhältnissen. Die Promotion dürfte, würde sie denn angenommen, noch mal mindestens drei Jahre dauern.
Das wäre zwar nicht so lässig und schnell wie die Promotion, die ihr vor dreißig Jahren hinterher geworfen wurde, aber danach wäre sie die erste Politikerin, die unter den von ihr geschaffenen Bedingungen tatsächlich einen akademischen Grad erreicht hätte."
Mellies Mund stand offen.
"Politiker erfüllen ihre eigenen Anforderungen so gut wie nie", strahlte der Heinz, "und Frau Schavan hat immer wieder die Vorteile ihrer fragwürdigen Entscheidungen für 'ernsthafte' Schüler und Studenten hervorgehoben; soll sie es halt beweisen.
Im Übrigen würde ich jetzt gern 'she blinded me with science' von Thomas Dolby hören. Und wenn Du eine Limo von Dr. Pepper hast, würde ich gern eine trinken."

17.12.12

Guntalk


Das angedrohte Blitzeis vor dem dritten Advent war genauso ausgeblieben wie der Weltuntergang vor dem vierten. Die Gesellschaft für deutsche Sprache hatte getreu ihrem Motto, die deutsche Sprache um bislang unbekannte Begriffe erweitern zu wollen, ausgerechnet ‚Rettungsroutine’ zum Wort des Jahres erhoben. In zigarrengeschwängerter Luft wartete ich auf mein Stout; eigentlich lief alles wie immer den sozialistischen Jahresendfeiergang. Nur ‚Last christmas’ hatte ich dieses Jahr noch nicht ein einziges Mal gehört, dieses Jahr schien dem ‚Gangnam style’ zu gehören.
„Ist das nicht schrecklich mit diesen zwanzig toten Kindern?“ fragte Mellie, als sie mir das Glas hinstellte.
„Ich finde der Politiker auf NTV hatte Recht,“ meinte der Mann ein paar Hocker neben mir, „hätten die Lehrer auch Waffen gehabt, wäre der Amokläufer gar nicht so weit gekommen.“
Mellies Mund klappte auf, aber sie bekam kein Wort heraus.
„Ich meine, wenn klar ist, dass zurück geschossen wird, überlegen es sich diese Irren zweimal.“
„Naja,“ grummelte es aus des Heinzens Ecke, „es reicht nicht, die Waffe zu haben, man muss damit auch umgehen können.“
„Wie meinen Sie das?“
„So einem liberalen Weichei von Lehrer eine Knarre in die Hand zu drücken, wird gegen einen trainierten, schwer bewaffneten, mit einer kugelsicheren Weste ausgestatteten Amokläufer, der seine Tat sowieso nicht überleben will, kaum ausreichen. Da müssen größere, schwerere, präzisere Waffen her. Wie wäre es mit MG-Nestern in den Fluren oder mit Selbstschuss-Anlagen? Man könnte auch die Kinder bewaffnen. Die halten das für ein Spiel und schießen auf jeden Fall zurück.“
„Aber ist die Grundschule nicht zu früh dafür?“
Mellie sah entsetzt von einem zum anderen, ich harrte der Dinge, die zwangsläufig  folgen würden.
„Nicht, wenn schon im Kindergarten Paintball-Schlachten geübt werden und man zuhause mit Ego-Shootern trainiert. Das würde auch auf den Militärdienst vorbereiten. Bei der Wirtschaftskrise gibt's eh kaum andere Jobs.“
„Meinen Sie?“
„Und dann müssen die Gesetze zur Selbstverteidigung liberalisiert werden. Denken Sie an Treyvon Martin, der - unbewaffnet – im März von George Zimmerman erschossen wurde, weil er als siebzehnjähriger Schwarzer in einer Gated Community einen Kapuzenpulli trug - eindeutig Selbstverteidigung!“
„Der Prozess läuft doch noch...“
„Die Rechtslage in Florida ist klar, da gilt das ‚Stand your ground’-Gesetz.“
„Ist das nicht zu drastisch.“
Doch einmal in Fahrt gekommen, ließ sich der Heinz nicht beirren: „Wären die Besucher der Batman-Premiere im Juli in Colorado bewaffnet gewesen, hätte der Attentäter nicht mal eine Wasserpistole gebraucht. Eine geplatzte Papiertüte hätte gereicht und sie hätten sich im Dunkeln gegenseitig massakriert.“
„Machen Sie SIch über mich lustig?“
Der Heinz zuckte die Achseln. „Das Argument, ein Land, das mit 300 Millionen mehr eingetragene Waffen als Einwohner hat, bräuchte noch mehr Waffen, um weitere Tote zu verhindern, ist in etwa so schlüssig, wie das, dass man im deutschen Stauverkehr noch schnellere Autos braucht, um pünktlich zur Arbeit zu kommen, aber...“
Der Typ warf einen Fünfer auf den Tresen und rief: „Sie können mich mal!“
Wir sahen ihm durch die Schwingtür hinterher und nicht einmal Mellie beschwerte sich darüber, dass der Heinz schon wieder einen ihrer Gäste vertrieben hatte.
„Einen Four Roses bitte,“ sagte der Heinz sanftmütig. „Der schmeckt, als würde er noch mit Schiesspulver gebraut. Und ich würde jetzt gern ‚Guntalk’ von Paul Roberts hören, wenn Du hast.“ Kommentarlos ging Mellie und sah nach.

03.11.12

all hallows' eve oder die amerikanischen Heiligen

Die Nächte wurden schnell länger, so dass auch die alljährliche Arbeitsbeschaffungsmassnahme für das Uhrmacherhandwerk nicht mehr darüber hinweg täuschen konnte, und die Theke war schummrig. Ich trank Stout und roch des Heinzens Räucherware.
"Gerd, was machst Du mit all den Süßigkeiten?" fragte Mellie mit Blick in die große, gelbe Netto-Plastiktasche neben meinem Hocker, "Du hast doch gar keine Enkel."
Der alte Mann links von mir schüttelte den Kopf: "Für Halloween. Ich scheine an einer beliebten Strecke zu wohnen. Jedes Jahr klingeln mehr Kinder."
Mellie lachte: "Wenn Du die Tauben fütterst, kommen die immer wieder."
"... hat's alles zu meiner Zeit nicht gegeben," brubbelte Benno vom anderen Ende der Theke.
Mellie tätschelte ihm die Hand: "Das kommt aus Amerika, so feiern die da drüben Allerheiligen."
"Ja, die Ossis, die alte Partytruppe, haben das aus den US of A geholt, sobald sie '89 von der Leine gelassen worden waren," dröhnte es aus des Heinz' Ecke, "bei Benno waren es noch Kaugummi und Rock'n'Roll."
"Damals war das was anderes," widersprach der, "den ganzen neumodischen Quatsch brauche ich nicht."
"Aber Verkleiden ist für Kinder ein Riesenspaß", wollte ihn Mellie umstimmen, doch Benno ließ sich nicht erweichen: "Dieser Konsumterror hat nichts mit unseren christlichen Grundwerten zu tun."
"Hat die CSU auch schon lange nicht mehr", echote der Heinz, "aber im Namen führen sie sie trotzdem noch."
"Ach, mir macht das einfach Spaß," sagte Gerd, "die Kinder klingeln, zeigen ihre Verkleidungen, sagen ihre Sprüche auf und bekommen Süßigkeiten."
"Die einzige Möglichkeit", lachte es aus des Heinz' Ecke. "heutzutage fremden Kindern Süßigkeiten geben zu können, ohne dass die Eltern sofort den UNO-Sicherheitsrat anrufen."
"Na hör mal, was denkst Du denn von mir?"
"Und trotz all der Berichterstattung über missbrauchte Kinder und Pädophilen-Netzwerke findet es niemand komisch, Kinder unbeaufsichtigt in unbekannte Häuser zu schicken, um sich von fremden Menschen Süssigkeiten geben zu lassen. Dabei sollte das doch eigentlich der Albtraum aller Eltern sein."
"Was willst Du damit unterstellen? Ich habe noch nie..."
Des Heinzens Bass zerschnitt das Gestammel mühelos: "Es gibt Riesenstress um dicke Kinder und ausgerechnet aus den USA kommt ein Brauch mit dem einzigen Sinn, bergeweise Süßigkeiten einzusammeln?"
"Wäre interessant zu sehen, wie lange noch mit Saurem gedroht wird, wenn die Süßigkeiten aus Tofu-Würfeln und Karotten-Schnitzen bestehen werden," säuselte ich meinem Bier etwas zu laut zu.
Die Köpfe drehten sich. Alle in meine Richtung. Oh Mann.
"Wie viele makrobiotische Zombies kann es in einer Stadt geben?"
Sie sahen mich immer noch erstaunt an. Noch mal seufzend gab ich nach: "Also Meinetwegen: eine Lokalrunde 'Schlehenfeuer'! Aber dann will ich auch 'Sweets for my sweet' in der Originalfassung hören!"
Des Heinz' Lachen ließ die Theke vibrieren.

30.10.12

Beautiful Sunday

"Was Schönes eingekauft?" wollte Mellie wissen, als ich die bunte Plastiktüte klirrend auf dem Tresen abstellte.
Ich zog einen Flunsch und bestellte mein Stout.
"Dass ausgerechnet Du am Sonntag einkaufen gehst..."
Ich sah sie über den Rand des Glases an: "Wieso?"
"Üblicherweise verteidigst Du die Werktätigen Genosse," brummte der Heinz und Rauch wehte aus seiner Ecke in den Barraum, "da war davon auszugehen, dass Du alter Gewerkschafter den verkaufsoffenen Sonntag scheust wie der Teufel das Weihwasser."
"Sehr lustig."
"Ich muss auch jeden Sonntag arbeiten," meinte Mellie.
"Du und jeder andere Pfarrer," lachte der Heinz, "alles Männer Gottes."
"Das wage ich noch zu bezweifeln," maulte ich zu leise in mein leeres Glas, um gehört zu werden, und bestellte das nächste. "Die Schlossstraße hinauf und hinunter habe ich ganzen Hunnenhorden mit drei Buchstaben auf dem Kennzeichen die Stirn geboten und musste dann trotzdem zum Apotheken-Nachttarif bei Karstadt einkaufen. Mehr als die Hälfte aller Läden war nämlich nicht geöffnet."
"Freies Unternehmertum," gab der Heinz zurück, "niemand wird gezwungen, Geld zu verdienen."
"Sei zufrieden, dass Du in Berlin lebst. Hier gibt's wenigstens keine Sperrstunde," sagte Mellie, ganz stolze Hauptstädterin.
"Oh," der Heinz gab den Oberlehrer, "die bundesweite Sperrstunden-Regelung gibt es schon lang nicht mehr. Inzwischen legt jedes Bundesland selbst fest, wann wer aufhaben darf. Deshalb haben wir auch diese entzückend kleinteiligen Regelungen mit den zwei verkaufsoffenen Advent-Sonntagen und den seltsamen Öffnungszeiten für die Läden im Hauptbahnhof und demnächst im Flughafen."
Mellie nickte: "Die habe ich nie verstanden!"
"Das eine hängt an der Zahl der verkaufsoffenen Sonntage pro Jahr. Die Kirchen verlangen Kompromisse, damit mehr ihrer Schäfchen Sonntags Zeit für sie haben. Und die Entscheidung, welche Läden an normalen Sonntagen öffnen dürfen, hängt davon ab, ob es sich bei ihrer Ware um Reisebedarf handelt."
"Reisebedarf?"
Der Heinz sah sie nachsichtig an: "Aber noch besser sind die Bayern. Bei deren Tankstellen kriegst Du nach acht und an Wochenenden nur Ware, wenn mit dem Auto vorfährst."
"Super," sagte ich, "Deiner Party geht nach Stunden das Bier aus, und Du musst mit dem Auto einkaufen fahren, egal wie viel Du schon intus hast. Erhöht die Verkehrssicherheit bestimmt ungemein."
"Nun sag schon," fragte Mellie, "was hast Du denn nun so dringend gebraucht?"
"Bier." Ich sah zur Decke. "Und eine bestimmte Flasche Whisky."
"Schätzchen, Du hättest doch nur zu mir kommen müssen," säuselte Mellie, "ich hab doch jeden Sonntag auf. Und zum Schluss endest Du doch sowieso jedes Mal wieder hier."
Ich nickte gottergeben, sie blickte in meine Plastiktüte.
"Na dann einen Jim Beam Rye für alle und ein Bier!" rief sie. "Und soll ich mal 'Sunday bloody sunday' für Dich auflegen?"

02.10.12

Zug um Zug

Ich bog um die Ecke und der Tag war ein besonderer. Vor der Bar fletzte der Heinz in einem der Plastikstühle. Ich sah von seinem missmutigen Gesicht zur verschlossenen Tür, schnappte mir auch einen Stuhl vom Stapel und fragte: "Soll ich kurz zu 'Getränke Hoffmann' rüber, ein Sixpack holen?"
"Willst Du mich zu allem Überfluss auch noch auf den Arm nehmen?"
Wollen hätte ich schon gemocht, nur dürfen habe ich mich nicht getraut. Denn unbedingt zu vermeiden wäre dabei, dass der Heinz seine Unzufriedenheit über die Gesamtsituation anschliessend an mir ausließ. Heikel. Und ambitioniert. Noch in der Planungsphase meiner Antwort überholte mich die Realität in Form von Mellies Ankunft.
"Natürlich müsst ausgerechnet Ihr es sein!" schnauzte sie, bevor sie schaumgebremst und mit hochrotem Kopf erst das Sicherheitsgitter, dann die Tür aufschloss.
Bis Licht und Musik andeuteten, dass die Explosionsgefahr drinnen nicht mehr unmittelbar sei, warteten wir. Schwerfällig ließ sich der Heinz in seiner Ecke nieder, ich nahm mir einen Barhocker.
"Diese verdammte S-Bahn!" Donner rollte heran.
Da ich nicht wusste, ob sie mit mir, dem Heinz oder wie einst Don Camillo mit dem höheren Wesen, das sie verehrte, redete, beschränkte ich mich auf ein Nicken.
"Erst sind Züge ausgefallen, dann haben Heizungen und Türen nicht funktioniert, waren Weichen vereist, haben Kabel gebrannt und was weiß ich nicht noch alles."
"Rücktritt Mehdorn, Auftritt Grube", kommentierte der Heinz aus dem Off, offensichtlich vollständig angstfrei.
"Dann haben sie diese bescheuerte Brücke vor Wannsee abgerissen und den Fahrplan umgestellt, um in Nikolassee Anschluss zu schaffen."
Mellie sah mich wütend an. Um den Heinz wütend anzusehen, hätte sie sich ziemlich vorbeugen müssen. Das wiederum hätte ich gern gesehen.
"Die Verbindung zur BVG hat von Anfang an nicht geklappt, genau wie zum Ersatzverkehr, wenn Du auf der Treppe nicht zu den ersten zwanzig gehörst."
Ich wartete.
"Und jetzt bauen sie zwischen Schöneberg und Friedenau und ich brauche fürs Warten und Umsteigen länger als für die Fahrtzeit."
Bislang hatte sie weder nach Getränken gefragt, noch mit unseren Standardbestellungen begonnen.
"Als Sahnehäubchen fährt eine Freundin täglich im Regionalverkehr nach Griebnitzsee. Aber der wurde wegen des Brückenbaus ebenfalls komplett und gleichzeitig zur S-Bahn eingestellt. Und die Kirsche oben drauf ist die Avus, die seit dem Sommer halb gesperrt ist. Völlig egal wie oder wann, Du landest im Stau."
Vorsichtig deutete ich auf das Regal hinter ihr, in dem unglaubliche Mengen von Alkohol auf Gäste - also mich - warteten, aber Mellie sah nichts, Mellie hörte nichts. 
"Wenn ich könnte würde ich die Bahn auf Rückgabe meiner zwischen ihren Baustellen verlorenen Lebenszeit verklagen."
"Die Bahn AG will nur Geld verdienen." Der Heinz schnitt ein Zigarrenende ab.
"Ob sie mit dem Monopol für den innerdeutschen öffentlichen Nahverkehr - eine Folge des ersten Weltkriegs - die Preise hochtreibt, KZ-Häftlinge transportiert oder uns das von uns selbst bezahlte Schienensystem vorenthält und uns immer wieder aufs Neue dafür bezahlen lässt, dass wir es benutzen." Er gab sich Feuer.
"Renditevorstellungen in Höhen, von denen mittlerweile selbst die Deutsche Bank abgerückt ist, bluten die S-Bahn aus, und Du glaubst, die würden sich auch nur die Bohne um Deine Transportbedürfnisse scheren? Lieber kauft die Busse in Indien oder Container-Schiffe in Afrika."
"Ich will aber nicht von Hongkong nach Macao, sondern von Mitte nach Steglitz und zwar pronto, damit ich nicht nochmal zu spät komme und ihr beiden Besserwisser schon auf mich wartet. Habt Ihr eigentlich die verdammten Stühle draußen zurück auf den Stapel gestellt? Heute soll's noch regnen!"
Ich ging Stühle stapeln. Und bevor ich mich endgültig ohne Bier vom Acker machte, hatte ich tatsächlich noch keine Replik von dem Heinz gehört, keine passende Bestellung, keinen Musikauftrag.