18.09.13

Die Qual der Wahl

Schon als ich in die Kneipe kam, wusste ich, dass heute alles anders war. Ich hatte mein Stout noch nicht erhalten, da dröhnte der Heinz auch schon aus seiner Ecke: "Was bitte ist denn daran undemokratisch?
Ich kann doch gar nicht wählen, wen ich will. Alles was sie mich lassen, ist, Listen legitimieren, die die Parteien aufgestellt haben. Was interessiert es mich, ob jemand aus Nieder- oder aus Oberbayern kommt? Ich will, dass die ihren Job machen. Aber es müssen ja die Interessen der verschiedenen Parteiteile ausgeglichen werden. Egal ob jemand nur zum Minister wurde, weil er aus dem Wahlkreis Hessen Süd kommt und von der Materie keine Ahnung hat.
Es ist doch egal, ob Merkel oder Steinbrück gewinnen, doch was ist mit den Leuten neben ihnen? Die komplette équipe de cornichons ist wichtig, und darauf hast Du als Wähler überhaupt keinen Einfluss.
Wann hast Du das letzte Mal ein Übertragung aus dem Bundestag gesehen? Wie viele Abgeordnete waren anwesend? Hattest Du den Eindruck, die verschiedenen Parteien hätten sich da zugehört? Hast Du jemals beobachtet, dass ein Politiker nach so einer Schau sagt, boah, das Argument der Gegner war wirklich gut, ab sofort bin ich auch dafür?
Stattdessen ignorieren sich die Politiker gegenseitig, zeigen sich gegenseitig ihre Missachtung, wenn sie überhaupt erscheinen. Und wenn mal jemand mit seiner Meinung von der seiner Partei abweicht, wird er gezwungen, im Namen der Partei abzustimmmen. Fraktionszwang.
Wer nimmt die Demokratie nicht ernst?"
Der Heinz machte ein kurze Pause, die ich dazu nutzte, mein Bier zu trinken.
"Wieviel Prozent haben denn die Regierungen gewählt? Du erfährst nicht, wie viele Prozent der Wahlberechtigten für die Regierung gestimmt haben, immer nur, wie viel Prozent der abgegebenen Stimmen. Wer will denn schon hören, dass Frau Merkel nur von 30 % gewählt wurde? 40 % klingen doch viel besser.
Nur weil ich dieses Mal nicht bereit bin, das kleinere Übel zu wählen, nur weil ich dieses Mal nicht als Legitimation für deren Handlungen herhalten will, soll ich undemokratisch sein?"
Ich stellte das leere Glas auf den Tresen und legte Mellie Geld hin. Sie kam gar nicht dazu, etwas zu sagen, der Heinz machte einfach weiter.
"Weshalb machen die denn diese Welle? Doch nur weil sie langsam selber merken, dass Ihre Handlungen nicht mehr demokratisch abgedeckt sind. Und weil sie keine Lust haben, unangenehme Entscheidungen zu treffen, beschimpfen sie uns.
Was ist mit dem Umbau des Gesundheitssystems? Was ist mit der Bestechlichkeit von Abgeordneten? Was ist mit der Energiewende? Was ist mit Volksentscheidungen aus Bundesebene? Was ist generell mit dem Lobbyismus in Berlin? Alles Themen, die selbst in Albanien besser geregelt sind. Aber solange Politiker sich selbst beschränken müssen, passiert da nichts. Es ist doch schön gemütlich, wenn die Lobbyisten die Arbeit machen, man freundlich umsorgt wird; das Volk zahlt schon auf die eine oder andere Art und Weise dafür.
Da mache ich nicht mehr mit und solange ich keine Chance habe, für meine Überzeugungen einzustehen, werde ich denen auch keine Möglichkeit mehr geben, sich berechtigt zu fühlen, in meinem Namen zu handeln."
Ich nickte Mellie zu und ging, während der Heinz für eine weitere Tirade Luft holte.

31.07.13

Zeit

Vom Anbeginn der Zeit
läuft die Zeit, fliegt sie
gießt sie Honig in Wellblech
ununterbrochen

Und die Zeit verläuft sich, gleitet durch unsere Hände
doch wenn unsere Zeit durch fremde Finger rinnt
zieht sich die Zeit
oft, bis sie um ist

Vergeudete Zeit
denn wenn die Zeit gekommen ist
ist sie auch schon abgelaufen
und die Zeit kommt nicht zurück.

21.06.13

Jingle auf der Flucht oder Einsatz in Lichterfelde

Im Juni waren die Hundstage gekommen, genau wie Barrack Obama. Wozu, wusste keiner so genau. Passend dazu wurde am Tresen lautstark der letzte Vorschlag von Innenminister Friedrich, die Strafverfolgung in Deutschland wesentlich effizienter zu gestalten, diskutiert.
"Natürlich hätten die Bullen mit amerikanischen Sirenen mehr Erfolg," meinte der lange, dünne Typ im schreiend bunten Tank-Top an der Bar, während er intensiv versuchte, Mellies ohnehin schon großzügigen Ausschnitt noch etwas tiefer auszuloten.
"Die kennen wir doch alle seit unserer Kindheit aus Film, Funk und Fernsehen: 'Einsatz in Manhattan', 'Straßen von San Francisco', 'Starsky und Hutch', 'Miami Vice' oder 'CSI'."
"...'T.J. Hooker', 'Chips'," brummelte der Heinz unüberhörbar aus seiner Ecke.
"Wie bitte?"
"Zwei der langweiligsten Krimiserien der Achtziger," meinte der Heinz, "aber eben mit ganz viel Jammer-Sirene."
"Und?" der Typ an der Bar konnte sich immer noch nicht entscheiden, ob er seine Aufmerksamkeit lieber in des Heinzens oder Mellies Argumente investieren sollte.
"Wer glaubt denn wirklich, dass deutsche Straftäter im bloßen Gedenken an Dave Starsky oder Sonny Crockett sofort rechts ran fahren, wenn sie eine amerikanische Sirene hören?"
Außerdem übersieht unser Innenminister in seiner Innovations-Wut, dass die Ausstattung der Polizeikräfte Ländersache ist. Und die Bundesländer können sich ja nicht mal auf eine Uniform- oder Wagenfarbe einigen."
Jetzt konnte sich der Typ endlich von Mellie losreißen und sah den Heinz direkt an: "Die verdammten Bundesländer blockieren immer alles, ganz besonders seit die Sozis dort die Mehrheit haben."
"Naja, Gesetz ist halt Gesetz."
"Aber man könnte das wirklich leicht umsetzen. Die Autos haben doch schon lange keine Sirenen mehr, die haben Tongeneratoren, die im Prinzip jeden beliebigen Klang simulieren können."
Der Heinz nickte: "Das ist ja toll. Jeden Klang? Und alle Geräusche? Also auch Blähungen oder quietschende Türen?"
"Bleiben Sie doch bitte ernst!"
"Bei dem Thema? Weil die Sirene von Polizeifahrzeugen der wichtigste Aspekt moderner Strafverfolgung ist? Nicht wirklich, oder?"
Die beiden schwiegen einen Moment, aber mir war klar, dass der Heinz sein letztes Wort noch nicht gesprochen hatte.
"Das wäre aber auch eine super Möglichkeit, die leeren Kassen aufzufüllen."
"Wie das?"
Manche Menschen rennen eben sehenden Auges in ihren Untergang.
"Na, sie könnten Straftäter auf der Flucht ansimsen und ihnen - für eine kleine Gebühr natürlich - ihren Lieblingssong als Wohnblock erbebenden Sirenenjingle anbieten. Die Titelmelodie vom 'Paten' zum Beispiel.
Und Intensivstraftäter könnten dann von ihrem frisch Geklauten ein Monatsabo per Flatrate buchen. Um aus einem Fundus von sagen wir fünf Songs einen Monat lang ihren Lieblingssong als Sirenensound ganz individuell für jede Verfolgungsjagd wählen.
Jeden Tag veränderbar, Kündigungsfrist alle drei Monate; für den Fall, dass mal mehr zu tun ist. Der richtige Jingle auf der Flucht bringt die verbrüderten Knastis doch vor Neid zum Platzen."
Der Typ an der Bar sah erst irritiert, dann zunehmend verärgert von dem Heinz zu Mellie und zurück. Als beide tatsächlich ernst blieben, warf er einen Geldschein auf den Tresen und verlies gemessenen Schrittes und ohne ein weiteres Wort das Lokal.
"Na also," meinte der Heinz, "das hat ja gedauert. Und jetzt bitte 'Polizisten' von Extrabreit und einen extraweichen 'Mariacron' für alle, denn das Leben ist schon hart genug."
"Danke, nicht für mich," sagte ich leise, aber verständlich.

07.05.13

sex and drugs and rock 'n' roll

Das Wetter kippelte zwischen kalt und sommerlich, aber regnerisch, was immer noch besser war, als die kleine Eiszeit bis April. Der FC Bayern München und seine Sponsoren, alles Firmen, die kleinste Verstöße ihrer weniger prominenten Mitarbeiter gegen die Firmenpolitik mit fristlosen Kündigungen ahndeten, hatten in der noch strafrechtlich zu verfolgenden Steueraffäre Hoeneß eine Konsequenz wahrhaft berlusconischer Ausmaße gezeigt; gewissermaßen die spätrömische Dekadenz, vor der die FDP noch vor Kurzem gewarnt hatte, das allerdings am anderen Ende der Nahrungskette.
Zeitgleich wetterte die neoliberale Spitze auf ihrem Sonderparteitag gegen den 'Räuber Hotzenplotz' und seine Grünen, die ihre Themen besetzt hatten.
Diese Grünen wiederum hatten in NRW das absolut absoluteste Rauchverbot installiert, das ohne die gleichzeitige Wiedereinführung der Todesstrafe vorstellbar war.
Die Themen bewegten sich in konzentrischen Kreisen. 
Aktuell hielt ich mich mal wieder an einem kühlen Schwarzen fest, während der Heinz mittels mehrerer Rauchwolken ankündigte, dass es einer neuen Zigarre an den Kragen ging.
"Na," sagte Mellie mit tiefem Blick in die Feinstaubwolke, "da kannst Du ja froh sein, dass wir nicht in Nordrhein-Westfalen sind."
Die Anlage spielte die letzten entspannten Klänge von 'Waterloo Sunset' und der Heinz reagierte nicht.
An der Theke legte Thomas nach: "Rauchen ist ungesund. Du solltest stärker auf Deine Gesundheit achten."
Der Heinz stieß die obligatorischen Wölkchen aus und ignorierte auch ihn.
Ich bestellte das nächste Stout. Die Musik wechselte auf 'Sky High', Mellie auf direkten Angriff: " In Dänemark wurden die Raucherpausen verboten."
Entnervt sah der Heinz von seinen Notizen hoch: "Und?"
Mellie und Thomas sahen ihn erstaunt an: "Was würdest Du bloß ohne Zigarren tun?"
Der Heinz sah sie nacheinander an: "Umziehen." Und er widmete sich wieder seinem Schrifttum.
Thomas konnte es nicht lassen: "Nein ehrlich: Was, wenn Du gar nicht mehr rauchen darfst?"
Der Heinz sah wieder hoch: "Nach Kuba, politisches Asyl beantragen."
"Du würdest eher nach Kuba ziehen, als das Rauchen aufgeben?"
"Was spricht dagegen? Besseres Wetter, billigere Zigarren, fantastischer Rum und schönere Frauen."
"Hallo?" beschwerte sich Mellie.
Der Heinz schenkte ihr ein Achselzucken der Marke: Hättest halt nicht anfangen sollen. "Überhaupt: Eine Regelung, die einen angeblich davor bewahrt, die eigene Gesundheit zu schädigen, ist doch so dünnsinnig wie der Gurtzwang im Auto."
"Häh?"
"Auch die Anschnallpflicht müsste eigentlich gegen den Grundsatz der freien Entfaltung der Persönlichkeit im Grundgesetz verstossen."
"Aber sie gilt."
"Da Du, falls Du bei einem Unfall verletzt wirst, weil Du nicht angeschnallt warst, anderen Unfallopfern nicht mehr helfen könntest. Vom Rücken durch die Brust ins Auge.
Und dass ausgerechnet die Gesundheitsökologen, die das Rauchen verbieten wollen, häufig die Freigabe von Marihuana befürworten, stört Dich dabei nicht?"
"Wieso?"
"Das Gras ist frei, aber rauchen darfst Du es nicht? Bald kommt man in Kindergärten leichter an Haschkekse, als an Zigaretten in Kneipen für Erwachsene."
Genüsslich sog der Heinz an der Zigarre und entließ eine Monsterwolke in den Raum.
Mellie sah ihn fragend an: "Erst das Essen, jetzt das Rauchen - was ist das nächste Ziel der Gesundheitstaliban, wenn das absolute Rauchverbot durchgesetzt ist?"
"Alkohol. Du wirst dann nur noch Apfelsaft und Kräutertee verkaufen, während gleichzeitig ein schwunghafter Schwarzhandel mit gestrecktem Tabak und Schwarzgebranntem entstehen wird. So hat schon die Mafia in den Zwanzigern ihre Anschubfinanzierung erhalten: Durch die Prohibition."
"Was?"
"Genau. Und jetzt will ich einen doppelten Absinth und 'Sex 'n' drugs 'n' rock 'n' roll' und keine Widerrede."

26.03.13

weather with you

Wir hatten den Papst gewechselt, des Tomfkap' - the old man formerly known as pope - Rücktritt blieb die einzig bemerkenswerte Tat in acht Jahren Amtszeit, Europa hatte in Zypern Milliarden russischen Schwarzgelds gerettet, was die Zyprioten als Einmarsch der Wehrmacht und Zar Putin als Diebstahl bezeichneten, die Regierung hatte bei den Beschränkungen von Banken und NPD der Mut verlassen, während Bayern und Hessen ihren gefunden hatten: Nachdem sie nicht mehr davon profitierten, klagten sie jetzt gegen den Länderfinanzausgleich.
Geblieben war die Arroganz von Kurie, Bänkern und Politikern. Und der Winter. Ostern stand vor der Tür und der Winter hatte Europa im, naja, Schwitzkasten. Das Wetter war wieder Tagesgespräch. Fernsehwetteronkel erhielten Morddrohungen und wurden wegen Depressionen behandelt. Sogar Kachelmanns Dauergrinsen hatte geringfügig abgebaut, das aber, weil die Abrechnung mit der deutschen Justiz, die er mit seiner aktuellen Hauptfrau in die Regale des deutschen Buchhandels gedrückt hatte, unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand. All das waberte durch die Rauchschwaden meiner Lieblingstränke, während ich an meinem zweiten Stout schnüffelte.
"Natürlich hat sich die Bettina vom Wulff scheiden lassen, sobald der Amt und Würden los war.
Nein", dröhnte der Heinz durch den Rauch seiner Zigarre, "das war ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: Der Wulff bekam das Quelle-Versand-Model zum Vorführen und - wenn er denn soviel Glück hatte - zum Anfassen und das Model kriegte die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, die es, dünn, blond und moralisch abwaschbar wie es ist, glaubt, verdient zu haben. Aber: Kameras weg, Model weg."
Betrübt schüttelte der Heinz den Kopf: "Und müsste Fipsi Rösler jeden Abend nach der Arbeit allein bei den Nazis in Oberschweineöde aus der S-Bahn steigen, würde das alte Schlitzauge auch mehr um seine körperliche Integrität fürchten als um sein Image in der politischen Parallelwelt. Dann wäre er bestimmt für jeden Aussteiger dankbar, der sich nicht an den täglichen Pogromen gegen ihn beteiligt."
Der Heinz hob sein Glas und goss sich den Kurzen hinter die Binde.
"Offensichtlich vergisst man, dass man zu Minderheiten gehört, wenn es einem nicht jeden Tag mit Schlagring oder Springerstiefeln reingetrieben wird."
"Ja, Du hast zu allem eine Meinung, Heinz", maulte Mellie, "aber selbst Du musst zugeben, dass der Dauerwinter nervt."
"Wie Alkohol wird auch Wetter sehr individuell wahrgenommen."
"Wie bitte?"
"Ist Dir nie aufgefallen, dass Du Dich bis zu einer bestimmten Menge an Alkohol situationsabhängig unterschiedlich betrunken fühlst? Genauso nimmst Du das Wetter wahr."
Mellie war entrüstet: "Ich träume das Wetter doch nicht! Es ist eiskalt!"
"Schon", sagte der Heinz, "die Frage ist nur, inwieweit Du das als störend wahrnimmst. Du willst Designerwetter? Nach gemittelten, nicht repräsentativen Befragungen hätten wir dann jeden Montag bis Freitag acht bis achtzehn Uhr zwanzig Grad, von Freitags abends bis Sonntags Nacht Sonne und dreissig Grad und Regen ausschliesslich nachts."
"Was wäre daran schlimm?"
"Sei mit Deinen Wünschen vorsichtig, sie könnten in Erfüllung gehenDein Leben lang."
"Und was ist mit den Kosten? Die Heizkostennachzahlungen werden uns umbringen, die Baustellen stehen still und Osterartikel und Frühjahrsblumen verkaufen sich gar nicht."
"Fritz Reuter sagte: 'Wat den einen sin Uhl is den andern sin Nachtigal.' Denn dafür laufen die Geschäfte mit Fernreisen und Glühwein, Winterklamotten verkaufen sich so prächtig wie Heizöl, und die Weihnachtsbaumstände könnten jetzt ein Supergeschäft machen. Binde die bunten Eier wie Kugeln an die Tanne statt sie ins Gras zu legen, dann findet man sie auch im dichtesten Schneetreiben wieder."
Er blinzelte ihr zu: "Und jetzt hätte ich gern einen 'Hurricane' und leg doch mal 'weather with you' von Crowded House auf, wenn Du hast."

09.02.13

she blinded me with science

Anfang Februar fiel erneut schneeweißer Winter über die große, graue Stadt her, gemeinsam mit dem allgegenwärtigen Karneval und den Pleiten, Pech und Pannen ambitionierter Politiker in einem Wahljahr. Über schlecht geräumte Wege schlidderte ich an meinen Thekenplatz und geriet noch vor dem ersten Stout in die laufende Diskussion.
"Wieso muss eine Ministerin einen Hochschulabschluss haben?" fragte Mellie.
"Hmm", brummte der Heinz, "darum geht es doch gar nicht. Frau Schavan hat sich immer für Ehrlichkeit und Werte stark gemacht. Damit hat sie ihre Fallhöhe selbst bestimmt. Schon ihre Äußerungen über den Fall zu Guttenberg zeigen doch, wie verlogen sie ist."
"Aber sie hat doch die ganzen Jahre gute Arbeit geleistet."
Der Heinz atmete hörbar ein und sichtbar wieder aus. Sein Atem füllte den Raum in staubigem Grau: "Sie hat in Baden-Württemberg das zwölfjährige Abitur und Studiengebühren durchgesetzt - beides anerkannt fragwürdige pädagogische Massnahmen - und ansonsten ihrer Kanzlerin Nibelungentreue geschworen.
Größere Ambitionen wie Ministerpräsident von Baden-Württemberg oder Bundespräsidentin zu werden, hat sie jedes Mal aufgegeben, sobald es männliche Bewerber gab. Wie die Quotenhessin Schröder ist sie doch bloß eine Parteisoldatin mit einem fatalen Hang zu einer überkommenen Ordnung, die sie für gottgegeben hält. Was die Opposition abhält, ihre Leistungen in Frage zu stellen, ist bloß die Konvention, nicht schlecht über Tote zu reden."
Draußen fiel der Schnee in großen Flocken: "Du erträgst bloß keine Frauen in leitenden Positionen."
"Ich ertrage doch Dich."
"Wenn Du hier weiter trinken willst, musst Du das auch."
"Weißt Du Mellie," brummte der Heinz, "eigentlich haben wir gar keinen Akademikermangel, die Firmen wollen nur keine ordentlichen Löhne bezahlen und rechnen den Bedarf hoch, um billige Kräfte aus dem Ausland zu bekommen. Angesichts diesen künstlichen Bedarfs ist Frau Schavan trotz ihrer Vorliebe für Eliten-Bildung - wahrscheinlich hat sie bis vor Kurzem noch geglaubt, selbst zur Leistungselite zu zählen - auf die Erwachsenenbildung gekommen.
Sie hat nie wirklich was dafür getan, aber jetzt könnte sie doch mal zeigen, dass es ihr Ernst damit war: Um eine neue Doktorarbeit zu schreiben, müsste sie bloß die Aufnahmeprüfung schaffen, alle Formalien bezüglich Noten, Zeit, Ort, Gebühren und Praktikum usw. erfüllen und die reichlich Creditpoints erarbeiten, um danach die Aufnahme zum Masterstudium zu schaffen. Als Bachelor wird man nix und eine Garantie für die Zulassung zum Master gibt es nicht. Das zweite Studium bedeutet keine Erstausbildungsförderung mehr und die nächste Uni - was sind schon ein, zwei Umzüge bei den heutigen Wohnverhältnissen. Die Promotion dürfte, würde sie denn angenommen, noch mal mindestens drei Jahre dauern.
Das wäre zwar nicht so lässig und schnell wie die Promotion, die ihr vor dreißig Jahren hinterher geworfen wurde, aber danach wäre sie die erste Politikerin, die unter den von ihr geschaffenen Bedingungen tatsächlich einen akademischen Grad erreicht hätte."
Mellies Mund stand offen.
"Politiker erfüllen ihre eigenen Anforderungen so gut wie nie", strahlte der Heinz, "und Frau Schavan hat immer wieder die Vorteile ihrer fragwürdigen Entscheidungen für 'ernsthafte' Schüler und Studenten hervorgehoben; soll sie es halt beweisen.
Im Übrigen würde ich jetzt gern 'she blinded me with science' von Thomas Dolby hören. Und wenn Du eine Limo von Dr. Pepper hast, würde ich gern eine trinken."

17.12.12

Guntalk


Das angedrohte Blitzeis vor dem dritten Advent war genauso ausgeblieben wie der Weltuntergang vor dem vierten. Die Gesellschaft für deutsche Sprache hatte getreu ihrem Motto, die deutsche Sprache um bislang unbekannte Begriffe erweitern zu wollen, ausgerechnet ‚Rettungsroutine’ zum Wort des Jahres erhoben. In zigarrengeschwängerter Luft wartete ich auf mein Stout; eigentlich lief alles wie immer den sozialistischen Jahresendfeiergang. Nur ‚Last christmas’ hatte ich dieses Jahr noch nicht ein einziges Mal gehört, dieses Jahr schien dem ‚Gangnam style’ zu gehören.
„Ist das nicht schrecklich mit diesen zwanzig toten Kindern?“ fragte Mellie, als sie mir das Glas hinstellte.
„Ich finde der Politiker auf NTV hatte Recht,“ meinte der Mann ein paar Hocker neben mir, „hätten die Lehrer auch Waffen gehabt, wäre der Amokläufer gar nicht so weit gekommen.“
Mellies Mund klappte auf, aber sie bekam kein Wort heraus.
„Ich meine, wenn klar ist, dass zurück geschossen wird, überlegen es sich diese Irren zweimal.“
„Naja,“ grummelte es aus des Heinzens Ecke, „es reicht nicht, die Waffe zu haben, man muss damit auch umgehen können.“
„Wie meinen Sie das?“
„So einem liberalen Weichei von Lehrer eine Knarre in die Hand zu drücken, wird gegen einen trainierten, schwer bewaffneten, mit einer kugelsicheren Weste ausgestatteten Amokläufer, der seine Tat sowieso nicht überleben will, kaum ausreichen. Da müssen größere, schwerere, präzisere Waffen her. Wie wäre es mit MG-Nestern in den Fluren oder mit Selbstschuss-Anlagen? Man könnte auch die Kinder bewaffnen. Die halten das für ein Spiel und schießen auf jeden Fall zurück.“
„Aber ist die Grundschule nicht zu früh dafür?“
Mellie sah entsetzt von einem zum anderen, ich harrte der Dinge, die zwangsläufig  folgen würden.
„Nicht, wenn schon im Kindergarten Paintball-Schlachten geübt werden und man zuhause mit Ego-Shootern trainiert. Das würde auch auf den Militärdienst vorbereiten. Bei der Wirtschaftskrise gibt's eh kaum andere Jobs.“
„Meinen Sie?“
„Und dann müssen die Gesetze zur Selbstverteidigung liberalisiert werden. Denken Sie an Treyvon Martin, der - unbewaffnet – im März von George Zimmerman erschossen wurde, weil er als siebzehnjähriger Schwarzer in einer Gated Community einen Kapuzenpulli trug - eindeutig Selbstverteidigung!“
„Der Prozess läuft doch noch...“
„Die Rechtslage in Florida ist klar, da gilt das ‚Stand your ground’-Gesetz.“
„Ist das nicht zu drastisch.“
Doch einmal in Fahrt gekommen, ließ sich der Heinz nicht beirren: „Wären die Besucher der Batman-Premiere im Juli in Colorado bewaffnet gewesen, hätte der Attentäter nicht mal eine Wasserpistole gebraucht. Eine geplatzte Papiertüte hätte gereicht und sie hätten sich im Dunkeln gegenseitig massakriert.“
„Machen Sie SIch über mich lustig?“
Der Heinz zuckte die Achseln. „Das Argument, ein Land, das mit 300 Millionen mehr eingetragene Waffen als Einwohner hat, bräuchte noch mehr Waffen, um weitere Tote zu verhindern, ist in etwa so schlüssig, wie das, dass man im deutschen Stauverkehr noch schnellere Autos braucht, um pünktlich zur Arbeit zu kommen, aber...“
Der Typ warf einen Fünfer auf den Tresen und rief: „Sie können mich mal!“
Wir sahen ihm durch die Schwingtür hinterher und nicht einmal Mellie beschwerte sich darüber, dass der Heinz schon wieder einen ihrer Gäste vertrieben hatte.
„Einen Four Roses bitte,“ sagte der Heinz sanftmütig. „Der schmeckt, als würde er noch mit Schiesspulver gebraut. Und ich würde jetzt gern ‚Guntalk’ von Paul Roberts hören, wenn Du hast.“ Kommentarlos ging Mellie und sah nach.