Das Wetter war scheußlich. Dass überhaupt Sommer war, behauptete auch nur der Wetterclown im Fernsehen. Es war, als sollten die niedrigen Energiekosten der armseligen Winter dadurch ausgeglichen werden, dass die Heizungen auch im Sommer liefen. Hätte es mich genug interessiert, hätte ich den Heinz mit einer flotten Verschwörungstheorie amüsieren können, in der schwedische Energiekonzerne, amerikanisches Wetterfracking und englische Bilanzwerte vorgekommen wären. Lang lebe die Globalisierung.
Aber so benetzte ich mein Inneres mit Stout, während Mellie den Fernseher laut schaltete. Irgendeine auf Schleim und Glitsch spezialisierte Quatschbacke dröhnte ihre Überzeugungen zum englischen Königshaus in den Raum. Genervt sah ich hoch, aber der Heinz war schneller: "Kannst Du das bitte wieder leise machen?"
"Interessiert Ihr Euch denn gar nicht dafür? Sie ist doch grad in Berlin."
Ich versuchte, nicht mit den Augen zu rollen, der Heinz legte die Zeitung beiseite: "Ich habe den Begriff 'Queen' konzeptionell nicht verstanden."
"Was gibt es denn daran nicht zu verstehen? Ihr Vater war König, ihr Großvater und so weiter. Sie stammt aus einem Königshaus."
"O.k., sie ist also Königin. Von England. Wirft das nicht ein paar Fragen auf?"
"Was denn für Fragen?"
Der Heinz seufzte: "Staatsrecht: Was ist der Status einer Königin in einer Demokratie? Welche Funktion hat sie eigentlich?
Geografie: Weshalb ist sie Königin von England, wenn alle Verwandte Deutsche sind?
Erbrecht: Wenn Königsein genetisch ist, wo sind die Nachfahren der Plantagenets, Lancasters oder Yorks?
Historisch: Wieso sollte ich jemandem respektieren, dessen Vorfahren meine Vorfahren geknechtet, entrechtet, in den Krieg geschickt oder sogar haben töten lassen?
Biologisch: Sind sie und ihre Kinder tatsächlich genetische Nachfahren ihrer Vorgänger?
Psychologisch: Wieso sollte jemand, dessen adlige Vorfahren nur für Angst, Leid und Schmerzen gesorgt haben, am normalen Volk interessiert sein?
Wirtschaftlich: Von welcher Arbeit lebt sie eigentlich? Und woher stammt ihr Vermögen?"
Ich ließ Mellie Zeit zu schlucken, bevor ich eine neue Füllung für mein Glas bestellte.
"Warum muss bei Dir eigentlich alles immer so unglaublich kompliziert sein, Heinz? Sie ist nur eine nette alte Dame, die uns besucht."
"Ernsthaft? Und sie ist auch nur rein zufällig genau jetzt gekommen?"
"Natürlich. Ist wahrscheinlich ihr letzter Besuch, haben sie gesagt."
Der Heinz schüttelte den Kopf: "Nun, wir haben Pleite-Griechen und Mittelmeer-Flüchtlinge und eine andauernde Eurokrise."
"Aber damit hat doch Elisabeth nichts zu tun!"
"Willst Du mich auf den Arm nehmen? Sie ist Camerons trojanisches Pferd.
Ihre einzige Rede bezieht sich auf die EU. Dazu besucht sie zum ersten Mal in mehr als sechzig Jahren Dienstzeit ein KZ? Mit dem Primeminister wie dem Affen auf ihrem Rücken?
Der will seine Banken und sein Steuersystem für Kapitalflüchtlinge in der EU bestätigt haben. Wir Deutsche sollen ihn unterstützen, wenn er Englands Sondervorrechte in der EU weiter ausbaut. Er will keine Flüchtlinge aufnehmen, stattdessen will er sein Steuerrecht, in dem z.B. griechische Kapitalflüchtlinge steuerfrei in England leben und seine Wirtschaft unterstützen, behalten, sein Bankenrecht will er nicht einschränken. Alles für England, nichts für den Rest.
Wir sollen uns durch den Besuch geschmeichelt und natürlich auch schuldig fühlen - deshalb der private KZ-Besuch - und unseren Befreiern dankbar sein.
Bloß eine nette kleine alte Dame? Geht's noch?"
Mellie schluckte nochmal, ich winkte mit meinem leeren Glas.
"Irgenwie ist mir heute nach einem Golden Oldie," sagte der Heinz und nahm die Zeitung wieder auf, "vielleicht was von den 'Sex Pistols'? 'God save the queen'? Und ich hätte gern einen ordentlichen No-Future-Gin dazu, ganz pur bitte."
Begegnungen mit dem Heinz in einer kleinen Berliner Raucherbar. Aktuelle Themen und Wasserstandsmeldungen.
28.06.15
Die Königin der Trojaner
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13.01.15
Good-bye, Charlie
Armer Charlie, jetzt haben sie Dich wirklich erwischt.
Zuerst die fanatischen Killer und jetzt Deine Freunde.
Was hast Du mittlerweile auch für Freunde, Charlie, mal ehrlich, wer solche Freunde hat, muss den Tod auch nicht mehr fürchten - pun unintended, aber Satire kannst Du ja vertragen.
All diese Politiker mit ihren grundehrlichen Gesichtern und all die selbst ernannten Heiligen, alle die, denen Du regelmäßig den dreckigsten aller Spiegel vorgehalten hast, sie sind jetzt Deine neuen Freunde. Und bevor ihre kostspieligen Rechtsanwälte die Unterlassungsklagen gegen Dich zurückziehen konnten, haben sich Deine neuen Freunde in dieser Nebenstraße in Deiner Stadt getroffen, der Stadt, die bislang immer offen genug war, um Dich und Deine Provokationen auszuhalten. Deine neuen Freunde haben sich - sie behaupten: nur für Dich - Zeit genommen. Sie haben sich aufgestellt, streng nach Wichtigkeit, Charlie, sie haben sogar Statisten mitgebracht, damit es echt aussieht, und ein paar hübsche Fotos machen lassen.
Darauf sehen sie sehr engagiert aus, wie immer, wenn ihre Pressesprecher etwas planen. Aber Du weißt ja Charlie, Weltgeschichte wird nun mal nicht von Pressesprechern gemacht. So kamen erst diese gottgefälligen Killer, weil sie auf ihre Heiligen gehört haben, und dann kamen Deine neuen Freunde.
Natürlich war jeder von ihnen plötzlich Charlie, jeder war mehr Charlie als der andere, aber nur kurz. Denn bevor der Protestmarsch losging, waren sie wieder verschwunden. Sie haben aber auch viel zu tun: Den Euro retten, Flüchtlinge ausweisen, Kinder küssen, toujours faire la bonne figure, Charlie, das verstehst Du, oder? Keine Zeit für Deinen Marsch, keine Zeit für die Menschen, keine Zeit, um die Namen Deiner Toten zu lernen. Außerdem, viele Menschen sind nun einmal gefährlich und wäre einem Deiner neuen Freunde etwas passiert, das hätte die Welt nicht ausgehalten.
Bei Dir ist es anders, auf Dich kann man schiessen Charlie, Du bist ein Aussätziger. Du hast verspottet, was heilig war, Du hast alle provoziert. Hätten nicht die einen geschossen, wären bald die anderen gekommen. 'Selbst Schuld' denken sie, wenn keine Kamera dabei ist. Warte, bis es Dir die Anhänger Deiner neuen Freunde auch wieder ins Gesicht brüllen, wenn sie Dich wieder fragen, auf wessen Seite Du eigentlich stehst. Wie viele Freunde Deiner neuen Freunde wollten Dich nicht auch schon mundtot machen?
Noch trauen sie sich nicht, noch wirkt das Bild: Alle Deine neuen Freunde nebeneinander in dieser Gasse, vor den bezahlten Statisten, alle ernsthaft und betroffen, alle sind sie Du und alle wegen der Freiheit. Der Meinungsfreiheit, sagen sie.
Die Pressesprecher sind begeistert, solche Bilder geben bei Wahlen Punkte.
Die Rechtsanwälte sind es nicht, weil die Prozesse gegen Deine Meinungsfreiheit nun auf Eis liegen. Aber sie warten schon auf die nächste Gelegenheit.
Ich weiß nicht, ob es die noch geben wird, Charlie, ob Du das überlebst. Erst der Anschlag und jetzt Deine neuen Freunde. Ich bin nicht Charlie, Charlie, ich kann und ich will es nicht sein. Aber sollte es doch noch mal dazu kommen, werde ich Dir auch nicht vorwerfen, meine Gefühle verletzt zu haben, religiöse oder andere. Denn nichts und niemand ist so heilig, dass Menschen dafür sterben müssen. Aber das weißt Du ja, Charlie.
Zuerst die fanatischen Killer und jetzt Deine Freunde.
Was hast Du mittlerweile auch für Freunde, Charlie, mal ehrlich, wer solche Freunde hat, muss den Tod auch nicht mehr fürchten - pun unintended, aber Satire kannst Du ja vertragen.
All diese Politiker mit ihren grundehrlichen Gesichtern und all die selbst ernannten Heiligen, alle die, denen Du regelmäßig den dreckigsten aller Spiegel vorgehalten hast, sie sind jetzt Deine neuen Freunde. Und bevor ihre kostspieligen Rechtsanwälte die Unterlassungsklagen gegen Dich zurückziehen konnten, haben sich Deine neuen Freunde in dieser Nebenstraße in Deiner Stadt getroffen, der Stadt, die bislang immer offen genug war, um Dich und Deine Provokationen auszuhalten. Deine neuen Freunde haben sich - sie behaupten: nur für Dich - Zeit genommen. Sie haben sich aufgestellt, streng nach Wichtigkeit, Charlie, sie haben sogar Statisten mitgebracht, damit es echt aussieht, und ein paar hübsche Fotos machen lassen.
Darauf sehen sie sehr engagiert aus, wie immer, wenn ihre Pressesprecher etwas planen. Aber Du weißt ja Charlie, Weltgeschichte wird nun mal nicht von Pressesprechern gemacht. So kamen erst diese gottgefälligen Killer, weil sie auf ihre Heiligen gehört haben, und dann kamen Deine neuen Freunde.
Natürlich war jeder von ihnen plötzlich Charlie, jeder war mehr Charlie als der andere, aber nur kurz. Denn bevor der Protestmarsch losging, waren sie wieder verschwunden. Sie haben aber auch viel zu tun: Den Euro retten, Flüchtlinge ausweisen, Kinder küssen, toujours faire la bonne figure, Charlie, das verstehst Du, oder? Keine Zeit für Deinen Marsch, keine Zeit für die Menschen, keine Zeit, um die Namen Deiner Toten zu lernen. Außerdem, viele Menschen sind nun einmal gefährlich und wäre einem Deiner neuen Freunde etwas passiert, das hätte die Welt nicht ausgehalten.
Bei Dir ist es anders, auf Dich kann man schiessen Charlie, Du bist ein Aussätziger. Du hast verspottet, was heilig war, Du hast alle provoziert. Hätten nicht die einen geschossen, wären bald die anderen gekommen. 'Selbst Schuld' denken sie, wenn keine Kamera dabei ist. Warte, bis es Dir die Anhänger Deiner neuen Freunde auch wieder ins Gesicht brüllen, wenn sie Dich wieder fragen, auf wessen Seite Du eigentlich stehst. Wie viele Freunde Deiner neuen Freunde wollten Dich nicht auch schon mundtot machen?
Noch trauen sie sich nicht, noch wirkt das Bild: Alle Deine neuen Freunde nebeneinander in dieser Gasse, vor den bezahlten Statisten, alle ernsthaft und betroffen, alle sind sie Du und alle wegen der Freiheit. Der Meinungsfreiheit, sagen sie.
Die Pressesprecher sind begeistert, solche Bilder geben bei Wahlen Punkte.
Die Rechtsanwälte sind es nicht, weil die Prozesse gegen Deine Meinungsfreiheit nun auf Eis liegen. Aber sie warten schon auf die nächste Gelegenheit.
Ich weiß nicht, ob es die noch geben wird, Charlie, ob Du das überlebst. Erst der Anschlag und jetzt Deine neuen Freunde. Ich bin nicht Charlie, Charlie, ich kann und ich will es nicht sein. Aber sollte es doch noch mal dazu kommen, werde ich Dir auch nicht vorwerfen, meine Gefühle verletzt zu haben, religiöse oder andere. Denn nichts und niemand ist so heilig, dass Menschen dafür sterben müssen. Aber das weißt Du ja, Charlie.
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14.06.14
football's moving out
Die letzten Tage bestanden aus brüllender Hitze hier und katastrophalen Unwettern mit Verletzten und Toten nicht allzu weit entfernt. Im Moment warteten wir darauf, dass das Gewitter kam. Ich saß vor meinem Stout und wartete auch, als dieser Mann hereinkam und ein Bier bestellte. Ende zwanzig, seine Frisur hätte Princess Di begeistert, dazu ein sauber rasierter Bart, ein großes Kassengestell auf der Nase, das Halstuch lose, beige Bermudas und Springerstiefel. Aber vor allem schleppte er eine Pappkiste: sehr lang, sehr breit, sehr schmal. Es stand groß 'Sony' drauf. Und '144 3d oled curved'.
Und während Mellie ihre verschiedenen Biere anpries, hörte ich etwas ganz Seltenes. Ein Kratzen und ein unrhythmisches Schlurfen und dann stand er da, schaute und rauchte. Im Stehen war der Heinz doch kleiner als erwartet.
"Was soll das denn darstellen?" Mit der Zigarre zwischen den Fingern deutete er auf das Paket.
Der Mann aus dem Zirkus folgte seinem Finger betont desinteressiert: "Fernseher."
"Aha." Langsam und aufmerksam umkurvte ihn der Heinz. "Was kann der?"
Die Antwort kam mit einem genervten Blick: "Man kann damit fernsehen."
Der Heinz rauchte ruhig weiter:"Und dieses ganze Zeug, das da draufsteht?"
Jetzt hatte er die volle Überheblichkeit des Eindringlings herausgefordert: "Ist groß und zeigt 3D."
Der Heinz nickte: "Für die WM?"
Schulterzucken.
"Schon einen neuen Grill besorgt?"
Der Blick, der ihn traf, sprach Bände.
"Naja, ein neuer Fernseher zum Preis eines gut ausgestatteten Gebrauchtwagens, flache, organische LEDs simulieren ein gebogenes 3D-Bild, da freut sich die Designer-Kassenbrille. Aber Junge, Du brauchst die Komplettausstattung. Du brauchst alles, was grad Werbezeit in Anspruch nimmt. Stell Dir vor, Du wärst Schrebergärtner und willst die Parzellen-Nachbarn beeindrucken. Wenn Du nicht machst, was alle machen, ist es doch nicht ironisch..."
Keine Antwort.
"Hast Du Dir schon einen Tag frei genommen?"
"Warum das denn?"
Der Heinz verdichtete seine Feinstaubwolken und nickte bestätigend: "Na, wenn die deutsche Mannschaft erst mal aus der WM raus ist, wollen alle ihre neuen Fernseher wieder umtauschen. Da werden die Warteschlangen in den Elektromärkten endlos."
Verärgertes Stirnrunzeln, schneller Griff ans Bier und runter damit. Der Fernsehbesitzer legte Geld auf den Tresen, schnappte seinen Fernseher und ging, ohne zu antworten.
"Ja," sagte der Heinz in seinen Rücken, "das war schon bei Sonya Kraus das Problem: Wenn man nicht verstanden hat, worüber man sich lustig macht, funktioniert Ironie einfach nicht."
Als sich die Tür schloss, war der Heinz schon wieder auf dem Weg in seine Ecke: "Mellie, hast Du eigentlich Tri-Top? Und einen englischen Roger Whittaker, vielleicht 'River Lady'?"
20.05.14
drum prüfe, wer sich ewig bindet...
Das Wetter wurde sommerlich, die Sonne schien, der Biergarten war gut besetzt. Aber mich kratzte das nicht. Ich belagerte den Tresen und wartete auf ein Stout. Der Geruch deutete daraufhin, dass der Heinz seine Ecke bewohnte. Als hätte es nie ein Rauchverbot gegeben.
"... und dann muss man diese neuen Handys davor halten, und die sagen einem dann, was es kostet oder was da drin ist. Ohne so ein Dingen erfährst Du doch gar nichts mehr. Was glauben die eigentlich, wer sich sowas leisten kann?"
Der Mann an der Bar war mir eindeutig unbekannt, aber genauso eindeutig empört.
"Naja," tönte es aus des Heinzens Ecke, "die selbst ernannten 'Kreativen' wollen mit der Wahl des Mediums die Zielgruppe bestimmen."
"Was?"
"Die Werbegeier wollen zahlungskräftige Kunden einer bestimmten Schicht und glauben, sie mittels ihrer Smartphones identifizieren zu können."
"Und was hat das mit mir zu tun?"
"Na Dich wollen sie nicht als Kunden."
"Weil ich kein so modernes Handy habe?"
"Weil Du zu alt bist, weil Du kein Geld für ein Smartphone hast, weil Du Dich nicht damit auseinandersetzen willst oder einfach nur, weil sie glauben, dass Du nicht mehr in die Zeit und in ihren Kundenkreis passt."
"Frechheit!"
"Und? Willst Du jetzt noch bei denen kaufen?"
"Nicht, wenn ich es vermeiden kann!"
Was dann passierte, hielt ich für ein Lachen. Oder sowas Ähnliches. Es war tief und es verstaubte die Innenluft: "Siehst Du, ein klassischer Fall von selbsterfüllender Prophezeiung. Du hast Dich genauso entschieden, wie sie es wollten. Wenn Du bei ihnen kaufst, sinkt das Image ihrer Ware. Wenn Du ihre Produkte benutzt, überlegen sich die jungen, hippen, finanzstarken Käufer, ob sie diese Produkte überhaupt wollen.
Okay, Waren kannst Du verweigern, aber was machst Du mit Deiner Regierung?"
"Wieso?"
"Weil die Regierung inzwischen selbst diese Codes benutzt. Gesundheitsminister Gröhe nutzt die Dinger zum Kennzeichnen fair getradeter Waren. Die kannst Du nur noch mit Smartphone und einer App erkennen."
"Die interessieren mich doch gar nicht!"
"War klar. Aber es nimmt zu. Bald wirst Du nicht mehr wählen können, weil die Slogans auf den Wahlplakaten nur noch mit der App zu erkennen sind."
"Ich wähle doch nicht wegen der Sprüche auf den Wahlplakaten!"
"Na, da hat die Demokratie ja noch mal Glück gehabt." Eine neute Wolke verbreitete sich aus der Ecke über den Raum. "Aber auf den Wahlplakaten steht sowieso nichts über Gen-Mais, Griechenlandrettung für die Banken oder das geheime Freihandelsabkommen mit den USA. Sollten sie jetzt noch die vollständig uneitlen und ungeschönten Porträts unserer Regierenden in QR-Codes umsetzen, würden die Plakate deutlich kleiner."
"Und?"
"Zumindest würden die Pappköppe den Verkehr nicht mehr so behindern." Nächste Wolke. "Im Gedenken an unsere Kryptographen sollten wir einen Club-Mate-Tee trinken und etwas Zwölfton-Musik hören."
"Krypto-Was? Und Tee fasse ich nicht an!"
Ich grinste und bestellte noch ein Stout.
"... und dann muss man diese neuen Handys davor halten, und die sagen einem dann, was es kostet oder was da drin ist. Ohne so ein Dingen erfährst Du doch gar nichts mehr. Was glauben die eigentlich, wer sich sowas leisten kann?"
Der Mann an der Bar war mir eindeutig unbekannt, aber genauso eindeutig empört.
"Naja," tönte es aus des Heinzens Ecke, "die selbst ernannten 'Kreativen' wollen mit der Wahl des Mediums die Zielgruppe bestimmen."
"Was?"
"Die Werbegeier wollen zahlungskräftige Kunden einer bestimmten Schicht und glauben, sie mittels ihrer Smartphones identifizieren zu können."
"Und was hat das mit mir zu tun?"
"Na Dich wollen sie nicht als Kunden."
"Weil ich kein so modernes Handy habe?"
"Weil Du zu alt bist, weil Du kein Geld für ein Smartphone hast, weil Du Dich nicht damit auseinandersetzen willst oder einfach nur, weil sie glauben, dass Du nicht mehr in die Zeit und in ihren Kundenkreis passt."
"Frechheit!"
"Und? Willst Du jetzt noch bei denen kaufen?"
"Nicht, wenn ich es vermeiden kann!"
Was dann passierte, hielt ich für ein Lachen. Oder sowas Ähnliches. Es war tief und es verstaubte die Innenluft: "Siehst Du, ein klassischer Fall von selbsterfüllender Prophezeiung. Du hast Dich genauso entschieden, wie sie es wollten. Wenn Du bei ihnen kaufst, sinkt das Image ihrer Ware. Wenn Du ihre Produkte benutzt, überlegen sich die jungen, hippen, finanzstarken Käufer, ob sie diese Produkte überhaupt wollen.
Okay, Waren kannst Du verweigern, aber was machst Du mit Deiner Regierung?"
"Wieso?"
"Weil die Regierung inzwischen selbst diese Codes benutzt. Gesundheitsminister Gröhe nutzt die Dinger zum Kennzeichnen fair getradeter Waren. Die kannst Du nur noch mit Smartphone und einer App erkennen."
"Die interessieren mich doch gar nicht!"
"War klar. Aber es nimmt zu. Bald wirst Du nicht mehr wählen können, weil die Slogans auf den Wahlplakaten nur noch mit der App zu erkennen sind."
"Ich wähle doch nicht wegen der Sprüche auf den Wahlplakaten!"
"Na, da hat die Demokratie ja noch mal Glück gehabt." Eine neute Wolke verbreitete sich aus der Ecke über den Raum. "Aber auf den Wahlplakaten steht sowieso nichts über Gen-Mais, Griechenlandrettung für die Banken oder das geheime Freihandelsabkommen mit den USA. Sollten sie jetzt noch die vollständig uneitlen und ungeschönten Porträts unserer Regierenden in QR-Codes umsetzen, würden die Plakate deutlich kleiner."
"Und?"
"Zumindest würden die Pappköppe den Verkehr nicht mehr so behindern." Nächste Wolke. "Im Gedenken an unsere Kryptographen sollten wir einen Club-Mate-Tee trinken und etwas Zwölfton-Musik hören."
"Krypto-Was? Und Tee fasse ich nicht an!"
Ich grinste und bestellte noch ein Stout.
04.02.14
La Statue
Endlich hatte ich wieder
Gelegenheit, tiefenentspannt über ein Stout nachdenken zu können. Aber da war ja nicht bloß der Geruch nach Zigarren, sondern ...
"Warum können sie sie nicht
einfach zufrieden lassen?"
Und ich hatte mich auch schon
gefragt, was die kühlschrankblonde Fünfzigjährige ausgerechnet in der
kleinen Kneipe wollte; die Eisschorle vor ihr hatte dabei wohl nur untergeordnete Bedeutung - ich kannte die Weinkarte. Außerdem, bei der
Menge Eis hätte ihr Wein auch mit Flusssäure verlängert sein können. So war sie
nur jemand, den das Schicksal vorbei geschickt hatte, um dem Heinz die
Möglichkeit zu geben, seine Anmerkungen zum Weltgeschehen anbringen zu können:
"Moralisch? Du liebe Güte,
jemand der sich jahrzehntelang ein ums andere Mal zum moralischen Maßstab
macht, warum sollte man dem nicht auch ein paar ebenso jahrelange persönliche
Bereicherungen nachsehen?"
"Das ist doch der reinste
Rufmord!"
"Rechtlich? Rufmord wäre es,
wenn es sich um Verleumdungen oder Gerüchte handeln würde. Dem ist nicht
so."
"Die Medien hätten das Thema
gar nicht aufgreifen dürfen!"
"Medial? Aufgabe der Medien
ist es, relevante Dinge darzustellen. Steuerhinterziehung und öffentliche
Personen gehören dazu. Alle Fakten sind klar und eindeutig."
"Sie hat sich selbst
angezeigt, hat ihre Schulden bezahlt und damit sollte doch Ruhe sein."
"Sozial? Sie hat einen Ausweg
benutzt, der Reichen die Möglichkeit bietet, sich aus einem bereits erfolgten
Vergehen nachträglich herauszukaufen und das für weniger, als es sie gekostet hätte, wenn sie für die ganze Zeit Steuern gezahlt hätte und nicht nur für die
geforderten zehn Jahre."
"Aber so muss man doch
wirklich nicht mit ihr umgehen."
"Menschlich? Es sind die
Folgen ihres Fehlverhaltens, natürlich sind die unangenehm."
"Frau Schwarzer hat eine eine Lebensleistung erbracht. Das macht man doch vollkommen kaputt, so geht
man mit dem Hoeneß doch auch nicht um."
"Sportlich? Mit dem vorbestraften Rummenigge und dem Tränentier Hoeneß, der seinen Prozess erwartet, ist der FC Bayern inzwischen doch sowieso eine kriminelle Vereinigung, Mafia light. Da würde unsere
Preisträgerin des 'stupid white man' ehrenhalber gut hineinpassen. Haben die beiden nicht auch ein Bundesverdienstkreuz? Vielleicht
machen sie ihr ja noch ein Angebot, dass sie nicht ablehnen kann: Im Vorstand wären diese Leistungsträger unter sich."
Der Heinz zog an seiner Zigarre: "Tut mir leid, wenn das Denkmal für die unbekannte Feministin gefallen
ist. Immerhin hat sie diesmal tatsächlich was für die Gleichberechtigung getan:
Sie gezeigt, dass Frauen doch nicht die besseren Menschen sind."
Die Kühlschrankblondine wandte sich
frustriert ihrer Eisschorle zu.
"Mellie, zur Feier des Tages
hätte ich gern einen Doppelkorn und hast Du was von Jacques Brel da? 'La statue' vielleicht?"
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07.11.13
James Bond, cablecaster
Draußen hing kalter Regen in der Luft, drinnen saß ich im Warmen vor einem Stout und wartete auf das Gewitter. Lange konnte es nicht mehr dauern, bis der Heinz die Romeo & Julietta aus dem Mund nehmen und dem lautstarken Stammtisch-Geschwafel Einhalt gebieten würde.
"... was ist denn daran auszusetzen? Wir teilen doch sowieso schon allen alles mit. Und ich habe nichts zu verbergen ..."
Der Typ, der Mellie aufklären wollte, war untergroß, ging gebeugt und trug das Haar unter der Nase statt auf dem Kopf. Er versuchte davon mit Baskenmütze und lässigem Schal abzulenken und zerteilte die Stille mit zwanghafter Aufdringlichkeit. Ich beobachtete, wie die Wolken in der Ecke größer und dichter wurden. Kein gutes Zeichen für eine friedliche Zukunft.
"Der niedersächsische Verfassungsschutz musste Daten löschen, weil sie Journalisten, die von antifa-Demonstrationen berichten, als Extremisten beobachtet haben."
"Ach, davon spreche ich doch gar nicht."
"Sie haben noch nie an Demonstrationen teilgenommen? Nicht mal gegen den Kindergarten oder das Asylantenheim am Ende der Straße?"
"Na hören Sie mal!"
"Das zentrale Argument der amerikanischen und englischen Geheimdienste ist es, eine Gesellschaftsform zu schützen."
Der Schnauzbart sah den Heinz herausfordernd an: "Und haben Sie was dagegen?"
"Das war die zentrale Begründung für die Existenz der Stasi."
"Das können Sie doch nicht vergleichen!"
"Warum nicht? Ich treffe täglich Menschen, die im Osten auch nie Schwierigkeiten hatten. Sie hatten drüben eben auch nichts zu verbergen."
"Aber das können sie doch überhaupt nicht vergleichen!"
Der Heinz zuckte die Achseln: "Was ist mit Russland? Auch Putin verteidigt seine Gesellschaft mit den Urteilen gegen die 'Pussy Riot-Frauen' und Chodorkowski .
Und dieser Faschingsgeneral von der NSA redete über die Gefährdung seiner Arbeit als Geheimdienstler durch 'Verräter' wie Snowden. An seiner Stelle hätte ich mir auch gut Herrn Mielke vor dem Ausschuss vorstellen können.
Was halten Sie von der PKW-Maut?"
"Wenn wir in Italien Maut zahlen müssen, dann sollen die doch auch bei uns ..."
"Sie wissen, dass Herr Friedrich die so erhobenen Bewegungsdaten sofort erkennungsdienstlich verwenden will? Zusammen mit seinem Vorstoß, alle Daten an den Netzwerk-Knotenpunkten abzugreifen, gibt das ein komplettes Bewegungsbild. Aber Sie haben ja nichts zu verbergen. Keine Treffen mit Verwandten und Freunden mehr, die ausreisen wollen."
"Aus der BRD dürfen wir ausreisen!"
Der Heinz blies Rauch aus: "Bis jetzt, aber warten Sie mal, bis die Mauer gebaut wird. Immerhin haben Sie wenigstens kulturell Recht."
"Wieso das denn?"
"Nun wissen wir, wie Geheimdienste wirklich arbeiten."
"Und?"
"Jetzt wird Daniel Craig wohl im nächsten James Bond einen Arbeitsoverall tragen, Kabel legen und Antennenspannungen prüfen. Keine Autos, keine Frauen, keine Waffen, nur anderthalb Stunden Kabel und Antennen. Das wird ein Thriller."
Er wandte sich an die kichernde Mellie: "Wie wäre es mit einem Vodka-Martini und 'nobody does it better' von Carly Simon?"
"... was ist denn daran auszusetzen? Wir teilen doch sowieso schon allen alles mit. Und ich habe nichts zu verbergen ..."
Der Typ, der Mellie aufklären wollte, war untergroß, ging gebeugt und trug das Haar unter der Nase statt auf dem Kopf. Er versuchte davon mit Baskenmütze und lässigem Schal abzulenken und zerteilte die Stille mit zwanghafter Aufdringlichkeit. Ich beobachtete, wie die Wolken in der Ecke größer und dichter wurden. Kein gutes Zeichen für eine friedliche Zukunft.
"Der niedersächsische Verfassungsschutz musste Daten löschen, weil sie Journalisten, die von antifa-Demonstrationen berichten, als Extremisten beobachtet haben."
"Ach, davon spreche ich doch gar nicht."
"Sie haben noch nie an Demonstrationen teilgenommen? Nicht mal gegen den Kindergarten oder das Asylantenheim am Ende der Straße?"
"Na hören Sie mal!"
"Das zentrale Argument der amerikanischen und englischen Geheimdienste ist es, eine Gesellschaftsform zu schützen."
Der Schnauzbart sah den Heinz herausfordernd an: "Und haben Sie was dagegen?"
"Das war die zentrale Begründung für die Existenz der Stasi."
"Das können Sie doch nicht vergleichen!"
"Warum nicht? Ich treffe täglich Menschen, die im Osten auch nie Schwierigkeiten hatten. Sie hatten drüben eben auch nichts zu verbergen."
"Aber das können sie doch überhaupt nicht vergleichen!"
Der Heinz zuckte die Achseln: "Was ist mit Russland? Auch Putin verteidigt seine Gesellschaft mit den Urteilen gegen die 'Pussy Riot-Frauen' und Chodorkowski .
Und dieser Faschingsgeneral von der NSA redete über die Gefährdung seiner Arbeit als Geheimdienstler durch 'Verräter' wie Snowden. An seiner Stelle hätte ich mir auch gut Herrn Mielke vor dem Ausschuss vorstellen können.
Was halten Sie von der PKW-Maut?"
"Wenn wir in Italien Maut zahlen müssen, dann sollen die doch auch bei uns ..."
"Sie wissen, dass Herr Friedrich die so erhobenen Bewegungsdaten sofort erkennungsdienstlich verwenden will? Zusammen mit seinem Vorstoß, alle Daten an den Netzwerk-Knotenpunkten abzugreifen, gibt das ein komplettes Bewegungsbild. Aber Sie haben ja nichts zu verbergen. Keine Treffen mit Verwandten und Freunden mehr, die ausreisen wollen."
"Aus der BRD dürfen wir ausreisen!"
Der Heinz blies Rauch aus: "Bis jetzt, aber warten Sie mal, bis die Mauer gebaut wird. Immerhin haben Sie wenigstens kulturell Recht."
"Wieso das denn?"
"Nun wissen wir, wie Geheimdienste wirklich arbeiten."
"Und?"
"Jetzt wird Daniel Craig wohl im nächsten James Bond einen Arbeitsoverall tragen, Kabel legen und Antennenspannungen prüfen. Keine Autos, keine Frauen, keine Waffen, nur anderthalb Stunden Kabel und Antennen. Das wird ein Thriller."
Er wandte sich an die kichernde Mellie: "Wie wäre es mit einem Vodka-Martini und 'nobody does it better' von Carly Simon?"
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18.09.13
Die Qual der Wahl
Schon als ich in die Kneipe kam, wusste ich, dass heute alles anders war. Ich hatte mein Stout noch nicht erhalten, da dröhnte der Heinz auch schon aus seiner Ecke: "Was bitte ist denn daran undemokratisch?
Ich kann doch gar nicht wählen, wen ich will. Alles was sie mich lassen, ist, Listen legitimieren, die die Parteien aufgestellt haben. Was interessiert es mich, ob jemand aus Nieder- oder aus Oberbayern kommt? Ich will, dass die ihren Job machen. Aber es müssen ja die Interessen der verschiedenen Parteiteile ausgeglichen werden. Egal ob jemand nur zum Minister wurde, weil er aus dem Wahlkreis Hessen Süd kommt und von der Materie keine Ahnung hat.
Es ist doch egal, ob Merkel oder Steinbrück gewinnen, doch was ist mit den Leuten neben ihnen? Die komplette équipe de cornichons ist wichtig, und darauf hast Du als Wähler überhaupt keinen Einfluss.
Wann hast Du das letzte Mal ein Übertragung aus dem Bundestag gesehen? Wie viele Abgeordnete waren anwesend? Hattest Du den Eindruck, die verschiedenen Parteien hätten sich da zugehört? Hast Du jemals beobachtet, dass ein Politiker nach so einer Schau sagt, boah, das Argument der Gegner war wirklich gut, ab sofort bin ich auch dafür?
Stattdessen ignorieren sich die Politiker gegenseitig, zeigen sich gegenseitig ihre Missachtung, wenn sie überhaupt erscheinen. Und wenn mal jemand mit seiner Meinung von der seiner Partei abweicht, wird er gezwungen, im Namen der Partei abzustimmmen. Fraktionszwang.
Wer nimmt die Demokratie nicht ernst?"
Der Heinz machte ein kurze Pause, die ich dazu nutzte, mein Bier zu trinken.
"Wieviel Prozent haben denn die Regierungen gewählt? Du erfährst nicht, wie viele Prozent der Wahlberechtigten für die Regierung gestimmt haben, immer nur, wie viel Prozent der abgegebenen Stimmen. Wer will denn schon hören, dass Frau Merkel nur von 30 % gewählt wurde? 40 % klingen doch viel besser.
Nur weil ich dieses Mal nicht bereit bin, das kleinere Übel zu wählen, nur weil ich dieses Mal nicht als Legitimation für deren Handlungen herhalten will, soll ich undemokratisch sein?"
Ich stellte das leere Glas auf den Tresen und legte Mellie Geld hin. Sie kam gar nicht dazu, etwas zu sagen, der Heinz machte einfach weiter.
"Weshalb machen die denn diese Welle? Doch nur weil sie langsam selber merken, dass Ihre Handlungen nicht mehr demokratisch abgedeckt sind. Und weil sie keine Lust haben, unangenehme Entscheidungen zu treffen, beschimpfen sie uns.
Was ist mit dem Umbau des Gesundheitssystems? Was ist mit der Bestechlichkeit von Abgeordneten? Was ist mit der Energiewende? Was ist mit Volksentscheidungen aus Bundesebene? Was ist generell mit dem Lobbyismus in Berlin? Alles Themen, die selbst in Albanien besser geregelt sind. Aber solange Politiker sich selbst beschränken müssen, passiert da nichts. Es ist doch schön gemütlich, wenn die Lobbyisten die Arbeit machen, man freundlich umsorgt wird; das Volk zahlt schon auf die eine oder andere Art und Weise dafür.
Da mache ich nicht mehr mit und solange ich keine Chance habe, für meine Überzeugungen einzustehen, werde ich denen auch keine Möglichkeit mehr geben, sich berechtigt zu fühlen, in meinem Namen zu handeln."
Ich nickte Mellie zu und ging, während der Heinz für eine weitere Tirade Luft holte.
Ich kann doch gar nicht wählen, wen ich will. Alles was sie mich lassen, ist, Listen legitimieren, die die Parteien aufgestellt haben. Was interessiert es mich, ob jemand aus Nieder- oder aus Oberbayern kommt? Ich will, dass die ihren Job machen. Aber es müssen ja die Interessen der verschiedenen Parteiteile ausgeglichen werden. Egal ob jemand nur zum Minister wurde, weil er aus dem Wahlkreis Hessen Süd kommt und von der Materie keine Ahnung hat.
Es ist doch egal, ob Merkel oder Steinbrück gewinnen, doch was ist mit den Leuten neben ihnen? Die komplette équipe de cornichons ist wichtig, und darauf hast Du als Wähler überhaupt keinen Einfluss.
Wann hast Du das letzte Mal ein Übertragung aus dem Bundestag gesehen? Wie viele Abgeordnete waren anwesend? Hattest Du den Eindruck, die verschiedenen Parteien hätten sich da zugehört? Hast Du jemals beobachtet, dass ein Politiker nach so einer Schau sagt, boah, das Argument der Gegner war wirklich gut, ab sofort bin ich auch dafür?
Stattdessen ignorieren sich die Politiker gegenseitig, zeigen sich gegenseitig ihre Missachtung, wenn sie überhaupt erscheinen. Und wenn mal jemand mit seiner Meinung von der seiner Partei abweicht, wird er gezwungen, im Namen der Partei abzustimmmen. Fraktionszwang.
Wer nimmt die Demokratie nicht ernst?"
Der Heinz machte ein kurze Pause, die ich dazu nutzte, mein Bier zu trinken.
"Wieviel Prozent haben denn die Regierungen gewählt? Du erfährst nicht, wie viele Prozent der Wahlberechtigten für die Regierung gestimmt haben, immer nur, wie viel Prozent der abgegebenen Stimmen. Wer will denn schon hören, dass Frau Merkel nur von 30 % gewählt wurde? 40 % klingen doch viel besser.
Nur weil ich dieses Mal nicht bereit bin, das kleinere Übel zu wählen, nur weil ich dieses Mal nicht als Legitimation für deren Handlungen herhalten will, soll ich undemokratisch sein?"
Ich stellte das leere Glas auf den Tresen und legte Mellie Geld hin. Sie kam gar nicht dazu, etwas zu sagen, der Heinz machte einfach weiter.
"Weshalb machen die denn diese Welle? Doch nur weil sie langsam selber merken, dass Ihre Handlungen nicht mehr demokratisch abgedeckt sind. Und weil sie keine Lust haben, unangenehme Entscheidungen zu treffen, beschimpfen sie uns.
Was ist mit dem Umbau des Gesundheitssystems? Was ist mit der Bestechlichkeit von Abgeordneten? Was ist mit der Energiewende? Was ist mit Volksentscheidungen aus Bundesebene? Was ist generell mit dem Lobbyismus in Berlin? Alles Themen, die selbst in Albanien besser geregelt sind. Aber solange Politiker sich selbst beschränken müssen, passiert da nichts. Es ist doch schön gemütlich, wenn die Lobbyisten die Arbeit machen, man freundlich umsorgt wird; das Volk zahlt schon auf die eine oder andere Art und Weise dafür.
Da mache ich nicht mehr mit und solange ich keine Chance habe, für meine Überzeugungen einzustehen, werde ich denen auch keine Möglichkeit mehr geben, sich berechtigt zu fühlen, in meinem Namen zu handeln."
Ich nickte Mellie zu und ging, während der Heinz für eine weitere Tirade Luft holte.
31.07.13
Zeit
Vom Anbeginn der Zeit
läuft die Zeit, fliegt sie
gießt sie Honig in Wellblech
ununterbrochen
Und die Zeit verläuft sich, gleitet durch unsere Hände
doch wenn unsere Zeit durch fremde Finger rinnt
zieht sich die Zeit
oft, bis sie um ist
Vergeudete Zeit
denn wenn die Zeit gekommen ist
ist sie auch schon abgelaufen
und die Zeit kommt nicht zurück.
läuft die Zeit, fliegt sie
gießt sie Honig in Wellblech
ununterbrochen
Und die Zeit verläuft sich, gleitet durch unsere Hände
doch wenn unsere Zeit durch fremde Finger rinnt
zieht sich die Zeit
oft, bis sie um ist
Vergeudete Zeit
denn wenn die Zeit gekommen ist
ist sie auch schon abgelaufen
und die Zeit kommt nicht zurück.
21.06.13
Jingle auf der Flucht oder Einsatz in Lichterfelde
Im Juni waren die Hundstage gekommen, genau wie Barrack Obama. Wozu, wusste keiner so genau. Passend dazu wurde am Tresen lautstark der letzte Vorschlag von Innenminister Friedrich, die Strafverfolgung in Deutschland wesentlich effizienter zu gestalten, diskutiert.
"Natürlich hätten die Bullen mit amerikanischen Sirenen mehr Erfolg," meinte der lange, dünne Typ im schreiend bunten Tank-Top an der Bar, während er intensiv versuchte, Mellies ohnehin schon großzügigen Ausschnitt noch etwas tiefer auszuloten.
"Die kennen wir doch alle seit unserer Kindheit aus Film, Funk und Fernsehen: 'Einsatz in Manhattan', 'Straßen von San Francisco', 'Starsky und Hutch', 'Miami Vice' oder 'CSI'."
"...'T.J. Hooker', 'Chips'," brummelte der Heinz unüberhörbar aus seiner Ecke.
"Wie bitte?"
"Zwei der langweiligsten Krimiserien der Achtziger," meinte der Heinz, "aber eben mit ganz viel Jammer-Sirene."
"Und?" der Typ an der Bar konnte sich immer noch nicht entscheiden, ob er seine Aufmerksamkeit lieber in des Heinzens oder Mellies Argumente investieren sollte.
"Wer glaubt denn wirklich, dass deutsche Straftäter im bloßen Gedenken an Dave Starsky oder Sonny Crockett sofort rechts ran fahren, wenn sie eine amerikanische Sirene hören?"
Außerdem übersieht unser Innenminister in seiner Innovations-Wut, dass die Ausstattung der Polizeikräfte Ländersache ist. Und die Bundesländer können sich ja nicht mal auf eine Uniform- oder Wagenfarbe einigen."
Jetzt konnte sich der Typ endlich von Mellie losreißen und sah den Heinz direkt an: "Die verdammten Bundesländer blockieren immer alles, ganz besonders seit die Sozis dort die Mehrheit haben."
"Naja, Gesetz ist halt Gesetz."
"Aber man könnte das wirklich leicht umsetzen. Die Autos haben doch schon lange keine Sirenen mehr, die haben Tongeneratoren, die im Prinzip jeden beliebigen Klang simulieren können."
Der Heinz nickte: "Das ist ja toll. Jeden Klang? Und alle Geräusche? Also auch Blähungen oder quietschende Türen?"
"Bleiben Sie doch bitte ernst!"
"Bei dem Thema? Weil die Sirene von Polizeifahrzeugen der wichtigste Aspekt moderner Strafverfolgung ist? Nicht wirklich, oder?"
Die beiden schwiegen einen Moment, aber mir war klar, dass der Heinz sein letztes Wort noch nicht gesprochen hatte.
"Das wäre aber auch eine super Möglichkeit, die leeren Kassen aufzufüllen."
"Wie das?"
Manche Menschen rennen eben sehenden Auges in ihren Untergang.
"Na, sie könnten Straftäter auf der Flucht ansimsen und ihnen - für eine kleine Gebühr natürlich - ihren Lieblingssong als Wohnblock erbebenden Sirenenjingle anbieten. Die Titelmelodie vom 'Paten' zum Beispiel.
Und Intensivstraftäter könnten dann von ihrem frisch Geklauten ein Monatsabo per Flatrate buchen. Um aus einem Fundus von sagen wir fünf Songs einen Monat lang ihren Lieblingssong als Sirenensound ganz individuell für jede Verfolgungsjagd wählen.
Jeden Tag veränderbar, Kündigungsfrist alle drei Monate; für den Fall, dass mal mehr zu tun ist. Der richtige Jingle auf der Flucht bringt die verbrüderten Knastis doch vor Neid zum Platzen."
Der Typ an der Bar sah erst irritiert, dann zunehmend verärgert von dem Heinz zu Mellie und zurück. Als beide tatsächlich ernst blieben, warf er einen Geldschein auf den Tresen und verlies gemessenen Schrittes und ohne ein weiteres Wort das Lokal.
"Na also," meinte der Heinz, "das hat ja gedauert. Und jetzt bitte 'Polizisten' von Extrabreit und einen extraweichen 'Mariacron' für alle, denn das Leben ist schon hart genug."
"Danke, nicht für mich," sagte ich leise, aber verständlich.
"Natürlich hätten die Bullen mit amerikanischen Sirenen mehr Erfolg," meinte der lange, dünne Typ im schreiend bunten Tank-Top an der Bar, während er intensiv versuchte, Mellies ohnehin schon großzügigen Ausschnitt noch etwas tiefer auszuloten.
"Die kennen wir doch alle seit unserer Kindheit aus Film, Funk und Fernsehen: 'Einsatz in Manhattan', 'Straßen von San Francisco', 'Starsky und Hutch', 'Miami Vice' oder 'CSI'."
"...'T.J. Hooker', 'Chips'," brummelte der Heinz unüberhörbar aus seiner Ecke.
"Wie bitte?"
"Zwei der langweiligsten Krimiserien der Achtziger," meinte der Heinz, "aber eben mit ganz viel Jammer-Sirene."
"Und?" der Typ an der Bar konnte sich immer noch nicht entscheiden, ob er seine Aufmerksamkeit lieber in des Heinzens oder Mellies Argumente investieren sollte.
"Wer glaubt denn wirklich, dass deutsche Straftäter im bloßen Gedenken an Dave Starsky oder Sonny Crockett sofort rechts ran fahren, wenn sie eine amerikanische Sirene hören?"
Außerdem übersieht unser Innenminister in seiner Innovations-Wut, dass die Ausstattung der Polizeikräfte Ländersache ist. Und die Bundesländer können sich ja nicht mal auf eine Uniform- oder Wagenfarbe einigen."
Jetzt konnte sich der Typ endlich von Mellie losreißen und sah den Heinz direkt an: "Die verdammten Bundesländer blockieren immer alles, ganz besonders seit die Sozis dort die Mehrheit haben."
"Naja, Gesetz ist halt Gesetz."
"Aber man könnte das wirklich leicht umsetzen. Die Autos haben doch schon lange keine Sirenen mehr, die haben Tongeneratoren, die im Prinzip jeden beliebigen Klang simulieren können."
Der Heinz nickte: "Das ist ja toll. Jeden Klang? Und alle Geräusche? Also auch Blähungen oder quietschende Türen?"
"Bleiben Sie doch bitte ernst!"
"Bei dem Thema? Weil die Sirene von Polizeifahrzeugen der wichtigste Aspekt moderner Strafverfolgung ist? Nicht wirklich, oder?"
Die beiden schwiegen einen Moment, aber mir war klar, dass der Heinz sein letztes Wort noch nicht gesprochen hatte.
"Das wäre aber auch eine super Möglichkeit, die leeren Kassen aufzufüllen."
"Wie das?"
Manche Menschen rennen eben sehenden Auges in ihren Untergang.
"Na, sie könnten Straftäter auf der Flucht ansimsen und ihnen - für eine kleine Gebühr natürlich - ihren Lieblingssong als Wohnblock erbebenden Sirenenjingle anbieten. Die Titelmelodie vom 'Paten' zum Beispiel.
Und Intensivstraftäter könnten dann von ihrem frisch Geklauten ein Monatsabo per Flatrate buchen. Um aus einem Fundus von sagen wir fünf Songs einen Monat lang ihren Lieblingssong als Sirenensound ganz individuell für jede Verfolgungsjagd wählen.
Jeden Tag veränderbar, Kündigungsfrist alle drei Monate; für den Fall, dass mal mehr zu tun ist. Der richtige Jingle auf der Flucht bringt die verbrüderten Knastis doch vor Neid zum Platzen."
Der Typ an der Bar sah erst irritiert, dann zunehmend verärgert von dem Heinz zu Mellie und zurück. Als beide tatsächlich ernst blieben, warf er einen Geldschein auf den Tresen und verlies gemessenen Schrittes und ohne ein weiteres Wort das Lokal.
"Na also," meinte der Heinz, "das hat ja gedauert. Und jetzt bitte 'Polizisten' von Extrabreit und einen extraweichen 'Mariacron' für alle, denn das Leben ist schon hart genug."
"Danke, nicht für mich," sagte ich leise, aber verständlich.
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07.05.13
sex and drugs and rock 'n' roll
Das Wetter kippelte zwischen kalt und sommerlich, aber regnerisch, was immer noch besser war, als die kleine Eiszeit bis April. Der FC Bayern München und seine Sponsoren, alles Firmen, die kleinste Verstöße ihrer weniger prominenten Mitarbeiter gegen die Firmenpolitik mit fristlosen Kündigungen ahndeten, hatten in der noch strafrechtlich zu verfolgenden Steueraffäre Hoeneß eine Konsequenz wahrhaft berlusconischer Ausmaße gezeigt; gewissermaßen die spätrömische Dekadenz, vor der die FDP noch vor Kurzem gewarnt hatte, das allerdings am anderen Ende der Nahrungskette.
Zeitgleich wetterte die neoliberale Spitze auf ihrem Sonderparteitag gegen den 'Räuber Hotzenplotz' und seine Grünen, die ihre Themen besetzt hatten.
Diese Grünen wiederum hatten in NRW das absolut absoluteste Rauchverbot installiert, das ohne die gleichzeitige Wiedereinführung der Todesstrafe vorstellbar war.
Die Themen bewegten sich in konzentrischen Kreisen.
Aktuell hielt ich mich mal wieder an einem kühlen Schwarzen fest, während der Heinz mittels mehrerer Rauchwolken ankündigte, dass es einer neuen Zigarre an den Kragen ging.
"Na," sagte Mellie mit tiefem Blick in die Feinstaubwolke, "da kannst Du ja froh sein, dass wir nicht in Nordrhein-Westfalen sind."
Die Anlage spielte die letzten entspannten Klänge von 'Waterloo Sunset' und der Heinz reagierte nicht.
An der Theke legte Thomas nach: "Rauchen ist ungesund. Du solltest stärker auf Deine Gesundheit achten."
Der Heinz stieß die obligatorischen Wölkchen aus und ignorierte auch ihn.
Ich bestellte das nächste Stout. Die Musik wechselte auf 'Sky High', Mellie auf direkten Angriff: " In Dänemark wurden die Raucherpausen verboten."
Entnervt sah der Heinz von seinen Notizen hoch: "Und?"
Mellie und Thomas sahen ihn erstaunt an: "Was würdest Du bloß ohne Zigarren tun?"
Der Heinz sah sie nacheinander an: "Umziehen." Und er widmete sich wieder seinem Schrifttum.
Thomas konnte es nicht lassen: "Nein ehrlich: Was, wenn Du gar nicht mehr rauchen darfst?"
Der Heinz sah wieder hoch: "Nach Kuba, politisches Asyl beantragen."
"Du würdest eher nach Kuba ziehen, als das Rauchen aufgeben?"
"Was spricht dagegen? Besseres Wetter, billigere Zigarren, fantastischer Rum und schönere Frauen."
"Hallo?" beschwerte sich Mellie.
Der Heinz schenkte ihr ein Achselzucken der Marke: Hättest halt nicht anfangen sollen. "Überhaupt: Eine Regelung, die einen angeblich davor bewahrt, die eigene Gesundheit zu schädigen, ist doch so dünnsinnig wie der Gurtzwang im Auto."
"Häh?"
"Auch die Anschnallpflicht müsste eigentlich gegen den Grundsatz der freien Entfaltung der Persönlichkeit im Grundgesetz verstossen."
"Aber sie gilt."
"Da Du, falls Du bei einem Unfall verletzt wirst, weil Du nicht angeschnallt warst, anderen Unfallopfern nicht mehr helfen könntest. Vom Rücken durch die Brust ins Auge.
Und dass ausgerechnet die Gesundheitsökologen, die das Rauchen verbieten wollen, häufig die Freigabe von Marihuana befürworten, stört Dich dabei nicht?"
"Wieso?"
"Das Gras ist frei, aber rauchen darfst Du es nicht? Bald kommt man in Kindergärten leichter an Haschkekse, als an Zigaretten in Kneipen für Erwachsene."
Genüsslich sog der Heinz an der Zigarre und entließ eine Monsterwolke in den Raum.
Mellie sah ihn fragend an: "Erst das Essen, jetzt das Rauchen - was ist das nächste Ziel der Gesundheitstaliban, wenn das absolute Rauchverbot durchgesetzt ist?"
"Alkohol. Du wirst dann nur noch Apfelsaft und Kräutertee verkaufen, während gleichzeitig ein schwunghafter Schwarzhandel mit gestrecktem Tabak und Schwarzgebranntem entstehen wird. So hat schon die Mafia in den Zwanzigern ihre Anschubfinanzierung erhalten: Durch die Prohibition."
"Was?"
"Genau. Und jetzt will ich einen doppelten Absinth und 'Sex 'n' drugs 'n' rock 'n' roll' und keine Widerrede."
Zeitgleich wetterte die neoliberale Spitze auf ihrem Sonderparteitag gegen den 'Räuber Hotzenplotz' und seine Grünen, die ihre Themen besetzt hatten.
Diese Grünen wiederum hatten in NRW das absolut absoluteste Rauchverbot installiert, das ohne die gleichzeitige Wiedereinführung der Todesstrafe vorstellbar war.
Die Themen bewegten sich in konzentrischen Kreisen.
Aktuell hielt ich mich mal wieder an einem kühlen Schwarzen fest, während der Heinz mittels mehrerer Rauchwolken ankündigte, dass es einer neuen Zigarre an den Kragen ging.
"Na," sagte Mellie mit tiefem Blick in die Feinstaubwolke, "da kannst Du ja froh sein, dass wir nicht in Nordrhein-Westfalen sind."
Die Anlage spielte die letzten entspannten Klänge von 'Waterloo Sunset' und der Heinz reagierte nicht.
An der Theke legte Thomas nach: "Rauchen ist ungesund. Du solltest stärker auf Deine Gesundheit achten."
Der Heinz stieß die obligatorischen Wölkchen aus und ignorierte auch ihn.
Ich bestellte das nächste Stout. Die Musik wechselte auf 'Sky High', Mellie auf direkten Angriff: " In Dänemark wurden die Raucherpausen verboten."
Entnervt sah der Heinz von seinen Notizen hoch: "Und?"
Mellie und Thomas sahen ihn erstaunt an: "Was würdest Du bloß ohne Zigarren tun?"
Der Heinz sah sie nacheinander an: "Umziehen." Und er widmete sich wieder seinem Schrifttum.
Thomas konnte es nicht lassen: "Nein ehrlich: Was, wenn Du gar nicht mehr rauchen darfst?"
Der Heinz sah wieder hoch: "Nach Kuba, politisches Asyl beantragen."
"Du würdest eher nach Kuba ziehen, als das Rauchen aufgeben?"
"Was spricht dagegen? Besseres Wetter, billigere Zigarren, fantastischer Rum und schönere Frauen."
"Hallo?" beschwerte sich Mellie.
Der Heinz schenkte ihr ein Achselzucken der Marke: Hättest halt nicht anfangen sollen. "Überhaupt: Eine Regelung, die einen angeblich davor bewahrt, die eigene Gesundheit zu schädigen, ist doch so dünnsinnig wie der Gurtzwang im Auto."
"Häh?"
"Auch die Anschnallpflicht müsste eigentlich gegen den Grundsatz der freien Entfaltung der Persönlichkeit im Grundgesetz verstossen."
"Aber sie gilt."
"Da Du, falls Du bei einem Unfall verletzt wirst, weil Du nicht angeschnallt warst, anderen Unfallopfern nicht mehr helfen könntest. Vom Rücken durch die Brust ins Auge.
Und dass ausgerechnet die Gesundheitsökologen, die das Rauchen verbieten wollen, häufig die Freigabe von Marihuana befürworten, stört Dich dabei nicht?"
"Wieso?"
"Das Gras ist frei, aber rauchen darfst Du es nicht? Bald kommt man in Kindergärten leichter an Haschkekse, als an Zigaretten in Kneipen für Erwachsene."
Genüsslich sog der Heinz an der Zigarre und entließ eine Monsterwolke in den Raum.
Mellie sah ihn fragend an: "Erst das Essen, jetzt das Rauchen - was ist das nächste Ziel der Gesundheitstaliban, wenn das absolute Rauchverbot durchgesetzt ist?"
"Alkohol. Du wirst dann nur noch Apfelsaft und Kräutertee verkaufen, während gleichzeitig ein schwunghafter Schwarzhandel mit gestrecktem Tabak und Schwarzgebranntem entstehen wird. So hat schon die Mafia in den Zwanzigern ihre Anschubfinanzierung erhalten: Durch die Prohibition."
"Was?"
"Genau. Und jetzt will ich einen doppelten Absinth und 'Sex 'n' drugs 'n' rock 'n' roll' und keine Widerrede."
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Steueraffäre
26.03.13
weather with you
Wir hatten den Papst gewechselt, des Tomfkap' - the old man formerly known as pope - Rücktritt blieb die einzig bemerkenswerte Tat in acht Jahren Amtszeit, Europa hatte in Zypern Milliarden russischen Schwarzgelds gerettet, was die Zyprioten als Einmarsch der Wehrmacht und Zar Putin als Diebstahl bezeichneten, die Regierung hatte bei den Beschränkungen von Banken und NPD der Mut verlassen, während Bayern und Hessen ihren gefunden hatten: Nachdem sie nicht mehr davon profitierten, klagten sie jetzt gegen den Länderfinanzausgleich.
Geblieben war die Arroganz von Kurie, Bänkern und Politikern. Und der Winter. Ostern stand vor der Tür und der Winter hatte Europa im, naja, Schwitzkasten. Das Wetter war wieder Tagesgespräch. Fernsehwetteronkel erhielten Morddrohungen und wurden wegen Depressionen behandelt. Sogar Kachelmanns Dauergrinsen hatte geringfügig abgebaut, das aber, weil die Abrechnung mit der deutschen Justiz, die er mit seiner aktuellen Hauptfrau in die Regale des deutschen Buchhandels gedrückt hatte, unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand. All das waberte durch die Rauchschwaden meiner Lieblingstränke, während ich an meinem zweiten Stout schnüffelte.
"Natürlich hat sich die Bettina vom Wulff scheiden lassen, sobald der Amt und Würden los war.
Nein", dröhnte der Heinz durch den Rauch seiner Zigarre, "das war ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: Der Wulff bekam das Quelle-Versand-Model zum Vorführen und - wenn er denn soviel Glück hatte - zum Anfassen und das Model kriegte die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, die es, dünn, blond und moralisch abwaschbar wie es ist, glaubt, verdient zu haben. Aber: Kameras weg, Model weg."
Betrübt schüttelte der Heinz den Kopf: "Und müsste Fipsi Rösler jeden Abend nach der Arbeit allein bei den Nazis in Oberschweineöde aus der S-Bahn steigen, würde das alte Schlitzauge auch mehr um seine körperliche Integrität fürchten als um sein Image in der politischen Parallelwelt. Dann wäre er bestimmt für jeden Aussteiger dankbar, der sich nicht an den täglichen Pogromen gegen ihn beteiligt."
Der Heinz hob sein Glas und goss sich den Kurzen hinter die Binde.
"Offensichtlich vergisst man, dass man zu Minderheiten gehört, wenn es einem nicht jeden Tag mit Schlagring oder Springerstiefeln reingetrieben wird."
"Ja, Du hast zu allem eine Meinung, Heinz", maulte Mellie, "aber selbst Du musst zugeben, dass der Dauerwinter nervt."
"Wie Alkohol wird auch Wetter sehr individuell wahrgenommen."
"Wie bitte?"
"Ist Dir nie aufgefallen, dass Du Dich bis zu einer bestimmten Menge an Alkohol situationsabhängig unterschiedlich betrunken fühlst? Genauso nimmst Du das Wetter wahr."
Mellie war entrüstet: "Ich träume das Wetter doch nicht! Es ist eiskalt!"
"Schon", sagte der Heinz, "die Frage ist nur, inwieweit Du das als störend wahrnimmst. Du willst Designerwetter? Nach gemittelten, nicht repräsentativen Befragungen hätten wir dann jeden Montag bis Freitag acht bis achtzehn Uhr zwanzig Grad, von Freitags abends bis Sonntags Nacht Sonne und dreissig Grad und Regen ausschliesslich nachts."
"Was wäre daran schlimm?"
"Sei mit Deinen Wünschen vorsichtig, sie könnten in Erfüllung gehen, Dein Leben lang."
"Und was ist mit den Kosten? Die Heizkostennachzahlungen werden uns umbringen, die Baustellen stehen still und Osterartikel und Frühjahrsblumen verkaufen sich gar nicht."
"Fritz Reuter sagte: 'Wat den einen sin Uhl is den andern sin Nachtigal.' Denn dafür laufen die Geschäfte mit Fernreisen und Glühwein, Winterklamotten verkaufen sich so prächtig wie Heizöl, und die Weihnachtsbaumstände könnten jetzt ein Supergeschäft machen. Binde die bunten Eier wie Kugeln an die Tanne statt sie ins Gras zu legen, dann findet man sie auch im dichtesten Schneetreiben wieder."
Er blinzelte ihr zu: "Und jetzt hätte ich gern einen 'Hurricane' und leg doch mal 'weather with you' von Crowded House auf, wenn Du hast."
Geblieben war die Arroganz von Kurie, Bänkern und Politikern. Und der Winter. Ostern stand vor der Tür und der Winter hatte Europa im, naja, Schwitzkasten. Das Wetter war wieder Tagesgespräch. Fernsehwetteronkel erhielten Morddrohungen und wurden wegen Depressionen behandelt. Sogar Kachelmanns Dauergrinsen hatte geringfügig abgebaut, das aber, weil die Abrechnung mit der deutschen Justiz, die er mit seiner aktuellen Hauptfrau in die Regale des deutschen Buchhandels gedrückt hatte, unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand. All das waberte durch die Rauchschwaden meiner Lieblingstränke, während ich an meinem zweiten Stout schnüffelte.
"Natürlich hat sich die Bettina vom Wulff scheiden lassen, sobald der Amt und Würden los war.
Nein", dröhnte der Heinz durch den Rauch seiner Zigarre, "das war ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: Der Wulff bekam das Quelle-Versand-Model zum Vorführen und - wenn er denn soviel Glück hatte - zum Anfassen und das Model kriegte die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, die es, dünn, blond und moralisch abwaschbar wie es ist, glaubt, verdient zu haben. Aber: Kameras weg, Model weg."
Betrübt schüttelte der Heinz den Kopf: "Und müsste Fipsi Rösler jeden Abend nach der Arbeit allein bei den Nazis in Oberschweineöde aus der S-Bahn steigen, würde das alte Schlitzauge auch mehr um seine körperliche Integrität fürchten als um sein Image in der politischen Parallelwelt. Dann wäre er bestimmt für jeden Aussteiger dankbar, der sich nicht an den täglichen Pogromen gegen ihn beteiligt."
Der Heinz hob sein Glas und goss sich den Kurzen hinter die Binde.
"Offensichtlich vergisst man, dass man zu Minderheiten gehört, wenn es einem nicht jeden Tag mit Schlagring oder Springerstiefeln reingetrieben wird."
"Ja, Du hast zu allem eine Meinung, Heinz", maulte Mellie, "aber selbst Du musst zugeben, dass der Dauerwinter nervt."
"Wie Alkohol wird auch Wetter sehr individuell wahrgenommen."
"Wie bitte?"
"Ist Dir nie aufgefallen, dass Du Dich bis zu einer bestimmten Menge an Alkohol situationsabhängig unterschiedlich betrunken fühlst? Genauso nimmst Du das Wetter wahr."
Mellie war entrüstet: "Ich träume das Wetter doch nicht! Es ist eiskalt!"
"Schon", sagte der Heinz, "die Frage ist nur, inwieweit Du das als störend wahrnimmst. Du willst Designerwetter? Nach gemittelten, nicht repräsentativen Befragungen hätten wir dann jeden Montag bis Freitag acht bis achtzehn Uhr zwanzig Grad, von Freitags abends bis Sonntags Nacht Sonne und dreissig Grad und Regen ausschliesslich nachts."
"Was wäre daran schlimm?"
"Sei mit Deinen Wünschen vorsichtig, sie könnten in Erfüllung gehen, Dein Leben lang."
"Und was ist mit den Kosten? Die Heizkostennachzahlungen werden uns umbringen, die Baustellen stehen still und Osterartikel und Frühjahrsblumen verkaufen sich gar nicht."
"Fritz Reuter sagte: 'Wat den einen sin Uhl is den andern sin Nachtigal.' Denn dafür laufen die Geschäfte mit Fernreisen und Glühwein, Winterklamotten verkaufen sich so prächtig wie Heizöl, und die Weihnachtsbaumstände könnten jetzt ein Supergeschäft machen. Binde die bunten Eier wie Kugeln an die Tanne statt sie ins Gras zu legen, dann findet man sie auch im dichtesten Schneetreiben wieder."
Er blinzelte ihr zu: "Und jetzt hätte ich gern einen 'Hurricane' und leg doch mal 'weather with you' von Crowded House auf, wenn Du hast."
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Wulff,
Zypern
09.02.13
she blinded me with science
Anfang Februar fiel erneut schneeweißer Winter über die große, graue Stadt her, gemeinsam mit dem allgegenwärtigen Karneval und den Pleiten, Pech und Pannen ambitionierter Politiker in einem Wahljahr. Über schlecht geräumte Wege schlidderte ich an meinen Thekenplatz und geriet noch vor dem ersten Stout in die laufende Diskussion.
"Wieso muss eine Ministerin einen Hochschulabschluss haben?" fragte Mellie.
"Hmm", brummte der Heinz, "darum geht es doch gar nicht. Frau Schavan hat sich immer für Ehrlichkeit und Werte stark gemacht. Damit hat sie ihre Fallhöhe selbst bestimmt. Schon ihre Äußerungen über den Fall zu Guttenberg zeigen doch, wie verlogen sie ist."
"Aber sie hat doch die ganzen Jahre gute Arbeit geleistet."
Der Heinz atmete hörbar ein und sichtbar wieder aus. Sein Atem füllte den Raum in staubigem Grau: "Sie hat in Baden-Württemberg das zwölfjährige Abitur und Studiengebühren durchgesetzt - beides anerkannt fragwürdige pädagogische Massnahmen - und ansonsten ihrer Kanzlerin Nibelungentreue geschworen.
Größere Ambitionen wie Ministerpräsident von Baden-Württemberg oder Bundespräsidentin zu werden, hat sie jedes Mal aufgegeben, sobald es männliche Bewerber gab. Wie die Quotenhessin Schröder ist sie doch bloß eine Parteisoldatin mit einem fatalen Hang zu einer überkommenen Ordnung, die sie für gottgegeben hält. Was die Opposition abhält, ihre Leistungen in Frage zu stellen, ist bloß die Konvention, nicht schlecht über Tote zu reden."
Draußen fiel der Schnee in großen Flocken: "Du erträgst bloß keine Frauen in leitenden Positionen."
"Ich ertrage doch Dich."
"Wenn Du hier weiter trinken willst, musst Du das auch."
"Weißt Du Mellie," brummte der Heinz, "eigentlich haben wir gar keinen Akademikermangel, die Firmen wollen nur keine ordentlichen Löhne bezahlen und rechnen den Bedarf hoch, um billige Kräfte aus dem Ausland zu bekommen. Angesichts diesen künstlichen Bedarfs ist Frau Schavan trotz ihrer Vorliebe für Eliten-Bildung - wahrscheinlich hat sie bis vor Kurzem noch geglaubt, selbst zur Leistungselite zu zählen - auf die Erwachsenenbildung gekommen.
Sie hat nie wirklich was dafür getan, aber jetzt könnte sie doch mal zeigen, dass es ihr Ernst damit war: Um eine neue Doktorarbeit zu schreiben, müsste sie bloß die Aufnahmeprüfung schaffen, alle Formalien bezüglich Noten, Zeit, Ort, Gebühren und Praktikum usw. erfüllen und die reichlich Creditpoints erarbeiten, um danach die Aufnahme zum Masterstudium zu schaffen. Als Bachelor wird man nix und eine Garantie für die Zulassung zum Master gibt es nicht. Das zweite Studium bedeutet keine Erstausbildungsförderung mehr und die nächste Uni - was sind schon ein, zwei Umzüge bei den heutigen Wohnverhältnissen. Die Promotion dürfte, würde sie denn angenommen, noch mal mindestens drei Jahre dauern.
Das wäre zwar nicht so lässig und schnell wie die Promotion, die ihr vor dreißig Jahren hinterher geworfen wurde, aber danach wäre sie die erste Politikerin, die unter den von ihr geschaffenen Bedingungen tatsächlich einen akademischen Grad erreicht hätte."
Mellies Mund stand offen.
"Politiker erfüllen ihre eigenen Anforderungen so gut wie nie", strahlte der Heinz, "und Frau Schavan hat immer wieder die Vorteile ihrer fragwürdigen Entscheidungen für 'ernsthafte' Schüler und Studenten hervorgehoben; soll sie es halt beweisen.
Im Übrigen würde ich jetzt gern 'she blinded me with science' von Thomas Dolby hören. Und wenn Du eine Limo von Dr. Pepper hast, würde ich gern eine trinken."
"Wieso muss eine Ministerin einen Hochschulabschluss haben?" fragte Mellie.
"Hmm", brummte der Heinz, "darum geht es doch gar nicht. Frau Schavan hat sich immer für Ehrlichkeit und Werte stark gemacht. Damit hat sie ihre Fallhöhe selbst bestimmt. Schon ihre Äußerungen über den Fall zu Guttenberg zeigen doch, wie verlogen sie ist."
"Aber sie hat doch die ganzen Jahre gute Arbeit geleistet."
Der Heinz atmete hörbar ein und sichtbar wieder aus. Sein Atem füllte den Raum in staubigem Grau: "Sie hat in Baden-Württemberg das zwölfjährige Abitur und Studiengebühren durchgesetzt - beides anerkannt fragwürdige pädagogische Massnahmen - und ansonsten ihrer Kanzlerin Nibelungentreue geschworen.
Größere Ambitionen wie Ministerpräsident von Baden-Württemberg oder Bundespräsidentin zu werden, hat sie jedes Mal aufgegeben, sobald es männliche Bewerber gab. Wie die Quotenhessin Schröder ist sie doch bloß eine Parteisoldatin mit einem fatalen Hang zu einer überkommenen Ordnung, die sie für gottgegeben hält. Was die Opposition abhält, ihre Leistungen in Frage zu stellen, ist bloß die Konvention, nicht schlecht über Tote zu reden."
Draußen fiel der Schnee in großen Flocken: "Du erträgst bloß keine Frauen in leitenden Positionen."
"Ich ertrage doch Dich."
"Wenn Du hier weiter trinken willst, musst Du das auch."
"Weißt Du Mellie," brummte der Heinz, "eigentlich haben wir gar keinen Akademikermangel, die Firmen wollen nur keine ordentlichen Löhne bezahlen und rechnen den Bedarf hoch, um billige Kräfte aus dem Ausland zu bekommen. Angesichts diesen künstlichen Bedarfs ist Frau Schavan trotz ihrer Vorliebe für Eliten-Bildung - wahrscheinlich hat sie bis vor Kurzem noch geglaubt, selbst zur Leistungselite zu zählen - auf die Erwachsenenbildung gekommen.
Sie hat nie wirklich was dafür getan, aber jetzt könnte sie doch mal zeigen, dass es ihr Ernst damit war: Um eine neue Doktorarbeit zu schreiben, müsste sie bloß die Aufnahmeprüfung schaffen, alle Formalien bezüglich Noten, Zeit, Ort, Gebühren und Praktikum usw. erfüllen und die reichlich Creditpoints erarbeiten, um danach die Aufnahme zum Masterstudium zu schaffen. Als Bachelor wird man nix und eine Garantie für die Zulassung zum Master gibt es nicht. Das zweite Studium bedeutet keine Erstausbildungsförderung mehr und die nächste Uni - was sind schon ein, zwei Umzüge bei den heutigen Wohnverhältnissen. Die Promotion dürfte, würde sie denn angenommen, noch mal mindestens drei Jahre dauern.
Das wäre zwar nicht so lässig und schnell wie die Promotion, die ihr vor dreißig Jahren hinterher geworfen wurde, aber danach wäre sie die erste Politikerin, die unter den von ihr geschaffenen Bedingungen tatsächlich einen akademischen Grad erreicht hätte."
Mellies Mund stand offen.
"Politiker erfüllen ihre eigenen Anforderungen so gut wie nie", strahlte der Heinz, "und Frau Schavan hat immer wieder die Vorteile ihrer fragwürdigen Entscheidungen für 'ernsthafte' Schüler und Studenten hervorgehoben; soll sie es halt beweisen.
Im Übrigen würde ich jetzt gern 'she blinded me with science' von Thomas Dolby hören. Und wenn Du eine Limo von Dr. Pepper hast, würde ich gern eine trinken."
17.12.12
Guntalk
Das angedrohte Blitzeis vor dem dritten Advent war genauso ausgeblieben wie der Weltuntergang vor dem vierten. Die Gesellschaft für deutsche Sprache hatte getreu ihrem Motto, die deutsche Sprache um bislang unbekannte Begriffe erweitern zu wollen, ausgerechnet ‚Rettungsroutine’ zum Wort des Jahres erhoben. In zigarrengeschwängerter Luft wartete ich auf mein Stout; eigentlich lief alles wie immer den sozialistischen Jahresendfeiergang. Nur ‚Last christmas’ hatte ich dieses Jahr noch nicht ein einziges Mal gehört, dieses Jahr schien dem ‚Gangnam style’ zu gehören.
„Ist das nicht schrecklich mit diesen zwanzig toten Kindern?“ fragte Mellie, als sie mir das Glas hinstellte.
„Ich finde der Politiker auf NTV hatte Recht,“ meinte der Mann ein paar Hocker neben mir, „hätten die Lehrer auch Waffen gehabt, wäre der Amokläufer gar nicht so weit gekommen.“
Mellies Mund klappte auf, aber sie bekam kein Wort heraus.
„Ich meine, wenn klar ist, dass zurück geschossen wird, überlegen es sich diese Irren zweimal.“
„Naja,“ grummelte es aus des Heinzens Ecke, „es reicht nicht, die Waffe zu haben, man muss damit auch umgehen können.“
„Wie meinen Sie das?“
„So einem liberalen Weichei von Lehrer eine Knarre in die Hand zu drücken, wird gegen einen trainierten, schwer bewaffneten, mit einer kugelsicheren Weste ausgestatteten Amokläufer, der seine Tat sowieso nicht überleben will, kaum ausreichen. Da müssen größere, schwerere, präzisere Waffen her. Wie wäre es mit MG-Nestern in den Fluren oder mit Selbstschuss-Anlagen? Man könnte auch die Kinder bewaffnen. Die halten das für ein Spiel und schießen auf jeden Fall zurück.“
„Aber ist die Grundschule nicht zu früh dafür?“
Mellie sah entsetzt von einem zum anderen, ich harrte der Dinge, die zwangsläufig folgen würden.
„Nicht, wenn schon im Kindergarten Paintball-Schlachten geübt werden und man zuhause mit Ego-Shootern trainiert. Das würde auch auf den Militärdienst vorbereiten. Bei der Wirtschaftskrise gibt's eh kaum andere Jobs.“
„Meinen Sie?“
„Und dann müssen die Gesetze zur Selbstverteidigung liberalisiert werden. Denken Sie an Treyvon Martin, der - unbewaffnet – im März von George Zimmerman erschossen wurde, weil er als siebzehnjähriger Schwarzer in einer Gated Community einen Kapuzenpulli trug - eindeutig Selbstverteidigung!“
„Der Prozess läuft doch noch...“
„Die Rechtslage in Florida ist klar, da gilt das ‚Stand your ground’-Gesetz.“
„Ist das nicht zu drastisch.“
Doch einmal in Fahrt gekommen, ließ sich der Heinz nicht beirren: „Wären die Besucher der Batman-Premiere im Juli in Colorado bewaffnet gewesen, hätte der Attentäter nicht mal eine Wasserpistole gebraucht. Eine geplatzte Papiertüte hätte gereicht und sie hätten sich im Dunkeln gegenseitig massakriert.“
„Machen Sie SIch über mich lustig?“
Der Heinz zuckte die Achseln. „Das Argument, ein Land, das mit 300 Millionen mehr eingetragene Waffen als Einwohner hat, bräuchte noch mehr Waffen, um weitere Tote zu verhindern, ist in etwa so schlüssig, wie das, dass man im deutschen Stauverkehr noch schnellere Autos braucht, um pünktlich zur Arbeit zu kommen, aber...“
Der Typ warf einen Fünfer auf den Tresen und rief: „Sie können mich mal!“
Wir sahen ihm durch die Schwingtür hinterher und nicht einmal Mellie beschwerte sich darüber, dass der Heinz schon wieder einen ihrer Gäste vertrieben hatte.
„Einen Four Roses bitte,“ sagte der Heinz sanftmütig. „Der schmeckt, als würde er noch mit Schiesspulver gebraut. Und ich würde jetzt gern ‚Guntalk’ von Paul Roberts hören, wenn Du hast.“ Kommentarlos ging Mellie und sah nach.
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Weihnachten
03.11.12
all hallows' eve oder die amerikanischen Heiligen
Die Nächte wurden schnell länger, so dass auch die alljährliche Arbeitsbeschaffungsmassnahme für das Uhrmacherhandwerk nicht mehr darüber hinweg täuschen konnte, und die Theke war schummrig. Ich trank Stout und roch des Heinzens Räucherware.
"Gerd, was machst Du mit all den Süßigkeiten?" fragte Mellie mit Blick in die große, gelbe Netto-Plastiktasche neben meinem Hocker, "Du hast doch gar keine Enkel."
Der alte Mann links von mir schüttelte den Kopf: "Für Halloween. Ich scheine an einer beliebten Strecke zu wohnen. Jedes Jahr klingeln mehr Kinder."
Mellie lachte: "Wenn Du die Tauben fütterst, kommen die immer wieder."
"... hat's alles zu meiner Zeit nicht gegeben," brubbelte Benno vom anderen Ende der Theke.
Mellie tätschelte ihm die Hand: "Das kommt aus Amerika, so feiern die da drüben Allerheiligen."
"Ja, die Ossis, die alte Partytruppe, haben das aus den US of A geholt, sobald sie '89 von der Leine gelassen worden waren," dröhnte es aus des Heinz' Ecke, "bei Benno waren es noch Kaugummi und Rock'n'Roll."
"Damals war das was anderes," widersprach der, "den ganzen neumodischen Quatsch brauche ich nicht."
"Aber Verkleiden ist für Kinder ein Riesenspaß", wollte ihn Mellie umstimmen, doch Benno ließ sich nicht erweichen: "Dieser Konsumterror hat nichts mit unseren christlichen Grundwerten zu tun."
"Hat die CSU auch schon lange nicht mehr", echote der Heinz, "aber im Namen führen sie sie trotzdem noch."
"Ach, mir macht das einfach Spaß," sagte Gerd, "die Kinder klingeln, zeigen ihre Verkleidungen, sagen ihre Sprüche auf und bekommen Süßigkeiten."
"Die einzige Möglichkeit", lachte es aus des Heinz' Ecke. "heutzutage fremden Kindern Süßigkeiten geben zu können, ohne dass die Eltern sofort den UNO-Sicherheitsrat anrufen."
"Na hör mal, was denkst Du denn von mir?"
"Und trotz all der Berichterstattung über missbrauchte Kinder und Pädophilen-Netzwerke findet es niemand komisch, Kinder unbeaufsichtigt in unbekannte Häuser zu schicken, um sich von fremden Menschen Süssigkeiten geben zu lassen. Dabei sollte das doch eigentlich der Albtraum aller Eltern sein."
"Was willst Du damit unterstellen? Ich habe noch nie..."
Des Heinzens Bass zerschnitt das Gestammel mühelos: "Es gibt Riesenstress um dicke Kinder und ausgerechnet aus den USA kommt ein Brauch mit dem einzigen Sinn, bergeweise Süßigkeiten einzusammeln?"
"Wäre interessant zu sehen, wie lange noch mit Saurem gedroht wird, wenn die Süßigkeiten aus Tofu-Würfeln und Karotten-Schnitzen bestehen werden," säuselte ich meinem Bier etwas zu laut zu.
Die Köpfe drehten sich. Alle in meine Richtung. Oh Mann.
"Wie viele makrobiotische Zombies kann es in einer Stadt geben?"
Sie sahen mich immer noch erstaunt an. Noch mal seufzend gab ich nach: "Also Meinetwegen: eine Lokalrunde 'Schlehenfeuer'! Aber dann will ich auch 'Sweets for my sweet' in der Originalfassung hören!"
Des Heinz' Lachen ließ die Theke vibrieren.
"Gerd, was machst Du mit all den Süßigkeiten?" fragte Mellie mit Blick in die große, gelbe Netto-Plastiktasche neben meinem Hocker, "Du hast doch gar keine Enkel."
Der alte Mann links von mir schüttelte den Kopf: "Für Halloween. Ich scheine an einer beliebten Strecke zu wohnen. Jedes Jahr klingeln mehr Kinder."
Mellie lachte: "Wenn Du die Tauben fütterst, kommen die immer wieder."
"... hat's alles zu meiner Zeit nicht gegeben," brubbelte Benno vom anderen Ende der Theke.
Mellie tätschelte ihm die Hand: "Das kommt aus Amerika, so feiern die da drüben Allerheiligen."
"Ja, die Ossis, die alte Partytruppe, haben das aus den US of A geholt, sobald sie '89 von der Leine gelassen worden waren," dröhnte es aus des Heinz' Ecke, "bei Benno waren es noch Kaugummi und Rock'n'Roll."
"Damals war das was anderes," widersprach der, "den ganzen neumodischen Quatsch brauche ich nicht."
"Aber Verkleiden ist für Kinder ein Riesenspaß", wollte ihn Mellie umstimmen, doch Benno ließ sich nicht erweichen: "Dieser Konsumterror hat nichts mit unseren christlichen Grundwerten zu tun."
"Hat die CSU auch schon lange nicht mehr", echote der Heinz, "aber im Namen führen sie sie trotzdem noch."
"Ach, mir macht das einfach Spaß," sagte Gerd, "die Kinder klingeln, zeigen ihre Verkleidungen, sagen ihre Sprüche auf und bekommen Süßigkeiten."
"Die einzige Möglichkeit", lachte es aus des Heinz' Ecke. "heutzutage fremden Kindern Süßigkeiten geben zu können, ohne dass die Eltern sofort den UNO-Sicherheitsrat anrufen."
"Na hör mal, was denkst Du denn von mir?"
"Und trotz all der Berichterstattung über missbrauchte Kinder und Pädophilen-Netzwerke findet es niemand komisch, Kinder unbeaufsichtigt in unbekannte Häuser zu schicken, um sich von fremden Menschen Süssigkeiten geben zu lassen. Dabei sollte das doch eigentlich der Albtraum aller Eltern sein."
"Was willst Du damit unterstellen? Ich habe noch nie..."
Des Heinzens Bass zerschnitt das Gestammel mühelos: "Es gibt Riesenstress um dicke Kinder und ausgerechnet aus den USA kommt ein Brauch mit dem einzigen Sinn, bergeweise Süßigkeiten einzusammeln?"
"Wäre interessant zu sehen, wie lange noch mit Saurem gedroht wird, wenn die Süßigkeiten aus Tofu-Würfeln und Karotten-Schnitzen bestehen werden," säuselte ich meinem Bier etwas zu laut zu.
Die Köpfe drehten sich. Alle in meine Richtung. Oh Mann.
"Wie viele makrobiotische Zombies kann es in einer Stadt geben?"
Sie sahen mich immer noch erstaunt an. Noch mal seufzend gab ich nach: "Also Meinetwegen: eine Lokalrunde 'Schlehenfeuer'! Aber dann will ich auch 'Sweets for my sweet' in der Originalfassung hören!"
Des Heinz' Lachen ließ die Theke vibrieren.
30.10.12
Beautiful Sunday
"Was Schönes eingekauft?" wollte Mellie wissen, als ich die bunte Plastiktüte klirrend auf dem Tresen abstellte.
Ich zog einen Flunsch und bestellte mein Stout.
"Dass ausgerechnet Du am Sonntag einkaufen gehst..."
Ich sah sie über den Rand des Glases an: "Wieso?"
"Üblicherweise verteidigst Du die Werktätigen Genosse," brummte der Heinz und Rauch wehte aus seiner Ecke in den Barraum, "da war davon auszugehen, dass Du alter Gewerkschafter den verkaufsoffenen Sonntag scheust wie der Teufel das Weihwasser."
"Sehr lustig."
"Ich muss auch jeden Sonntag arbeiten," meinte Mellie.
"Du und jeder andere Pfarrer," lachte der Heinz, "alles Männer Gottes."
"Das wage ich noch zu bezweifeln," maulte ich zu leise in mein leeres Glas, um gehört zu werden, und bestellte das nächste. "Die Schlossstraße hinauf und hinunter habe ich ganzen Hunnenhorden mit drei Buchstaben auf dem Kennzeichen die Stirn geboten und musste dann trotzdem zum Apotheken-Nachttarif bei Karstadt einkaufen. Mehr als die Hälfte aller Läden war nämlich nicht geöffnet."
"Freies Unternehmertum," gab der Heinz zurück, "niemand wird gezwungen, Geld zu verdienen."
"Sei zufrieden, dass Du in Berlin lebst. Hier gibt's wenigstens keine Sperrstunde," sagte Mellie, ganz stolze Hauptstädterin.
"Oh," der Heinz gab den Oberlehrer, "die bundesweite Sperrstunden-Regelung gibt es schon lang nicht mehr. Inzwischen legt jedes Bundesland selbst fest, wann wer aufhaben darf. Deshalb haben wir auch diese entzückend kleinteiligen Regelungen mit den zwei verkaufsoffenen Advent-Sonntagen und den seltsamen Öffnungszeiten für die Läden im Hauptbahnhof und demnächst im Flughafen."
Mellie nickte: "Die habe ich nie verstanden!"
"Das eine hängt an der Zahl der verkaufsoffenen Sonntage pro Jahr. Die Kirchen verlangen Kompromisse, damit mehr ihrer Schäfchen Sonntags Zeit für sie haben. Und die Entscheidung, welche Läden an normalen Sonntagen öffnen dürfen, hängt davon ab, ob es sich bei ihrer Ware um Reisebedarf handelt."
"Reisebedarf?"
Der Heinz sah sie nachsichtig an: "Aber noch besser sind die Bayern. Bei deren Tankstellen kriegst Du nach acht und an Wochenenden nur Ware, wenn mit dem Auto vorfährst."
"Super," sagte ich, "Deiner Party geht nach Stunden das Bier aus, und Du musst mit dem Auto einkaufen fahren, egal wie viel Du schon intus hast. Erhöht die Verkehrssicherheit bestimmt ungemein."
"Nun sag schon," fragte Mellie, "was hast Du denn nun so dringend gebraucht?"
"Bier." Ich sah zur Decke. "Und eine bestimmte Flasche Whisky."
"Schätzchen, Du hättest doch nur zu mir kommen müssen," säuselte Mellie, "ich hab doch jeden Sonntag auf. Und zum Schluss endest Du doch sowieso jedes Mal wieder hier."
Ich nickte gottergeben, sie blickte in meine Plastiktüte.
"Na dann einen Jim Beam Rye für alle und ein Bier!" rief sie. "Und soll ich mal 'Sunday bloody sunday' für Dich auflegen?"
Ich zog einen Flunsch und bestellte mein Stout.
"Dass ausgerechnet Du am Sonntag einkaufen gehst..."
Ich sah sie über den Rand des Glases an: "Wieso?"
"Üblicherweise verteidigst Du die Werktätigen Genosse," brummte der Heinz und Rauch wehte aus seiner Ecke in den Barraum, "da war davon auszugehen, dass Du alter Gewerkschafter den verkaufsoffenen Sonntag scheust wie der Teufel das Weihwasser."
"Sehr lustig."
"Ich muss auch jeden Sonntag arbeiten," meinte Mellie.
"Du und jeder andere Pfarrer," lachte der Heinz, "alles Männer Gottes."
"Das wage ich noch zu bezweifeln," maulte ich zu leise in mein leeres Glas, um gehört zu werden, und bestellte das nächste. "Die Schlossstraße hinauf und hinunter habe ich ganzen Hunnenhorden mit drei Buchstaben auf dem Kennzeichen die Stirn geboten und musste dann trotzdem zum Apotheken-Nachttarif bei Karstadt einkaufen. Mehr als die Hälfte aller Läden war nämlich nicht geöffnet."
"Freies Unternehmertum," gab der Heinz zurück, "niemand wird gezwungen, Geld zu verdienen."
"Sei zufrieden, dass Du in Berlin lebst. Hier gibt's wenigstens keine Sperrstunde," sagte Mellie, ganz stolze Hauptstädterin.
"Oh," der Heinz gab den Oberlehrer, "die bundesweite Sperrstunden-Regelung gibt es schon lang nicht mehr. Inzwischen legt jedes Bundesland selbst fest, wann wer aufhaben darf. Deshalb haben wir auch diese entzückend kleinteiligen Regelungen mit den zwei verkaufsoffenen Advent-Sonntagen und den seltsamen Öffnungszeiten für die Läden im Hauptbahnhof und demnächst im Flughafen."
Mellie nickte: "Die habe ich nie verstanden!"
"Das eine hängt an der Zahl der verkaufsoffenen Sonntage pro Jahr. Die Kirchen verlangen Kompromisse, damit mehr ihrer Schäfchen Sonntags Zeit für sie haben. Und die Entscheidung, welche Läden an normalen Sonntagen öffnen dürfen, hängt davon ab, ob es sich bei ihrer Ware um Reisebedarf handelt."
"Reisebedarf?"
Der Heinz sah sie nachsichtig an: "Aber noch besser sind die Bayern. Bei deren Tankstellen kriegst Du nach acht und an Wochenenden nur Ware, wenn mit dem Auto vorfährst."
"Super," sagte ich, "Deiner Party geht nach Stunden das Bier aus, und Du musst mit dem Auto einkaufen fahren, egal wie viel Du schon intus hast. Erhöht die Verkehrssicherheit bestimmt ungemein."
"Nun sag schon," fragte Mellie, "was hast Du denn nun so dringend gebraucht?"
"Bier." Ich sah zur Decke. "Und eine bestimmte Flasche Whisky."
"Schätzchen, Du hättest doch nur zu mir kommen müssen," säuselte Mellie, "ich hab doch jeden Sonntag auf. Und zum Schluss endest Du doch sowieso jedes Mal wieder hier."
Ich nickte gottergeben, sie blickte in meine Plastiktüte.
"Na dann einen Jim Beam Rye für alle und ein Bier!" rief sie. "Und soll ich mal 'Sunday bloody sunday' für Dich auflegen?"
02.10.12
Zug um Zug
Ich bog um die Ecke und der Tag war ein besonderer. Vor der Bar fletzte der Heinz in einem der Plastikstühle. Ich sah von seinem missmutigen Gesicht zur verschlossenen Tür, schnappte mir auch einen Stuhl vom Stapel und fragte: "Soll ich kurz zu 'Getränke Hoffmann' rüber, ein Sixpack holen?"
"Willst Du mich zu allem Überfluss auch noch auf den Arm nehmen?"
Wollen hätte ich schon gemocht, nur dürfen habe ich mich nicht getraut. Denn unbedingt zu vermeiden wäre dabei, dass der Heinz seine Unzufriedenheit über die Gesamtsituation anschliessend an mir ausließ. Heikel. Und ambitioniert. Noch in der Planungsphase meiner Antwort überholte mich die Realität in Form von Mellies Ankunft.
"Natürlich müsst ausgerechnet Ihr es sein!" schnauzte sie, bevor sie schaumgebremst und mit hochrotem Kopf erst das Sicherheitsgitter, dann die Tür aufschloss.
Bis Licht und Musik andeuteten, dass die Explosionsgefahr drinnen nicht mehr unmittelbar sei, warteten wir. Schwerfällig ließ sich der Heinz in seiner Ecke nieder, ich nahm mir einen Barhocker.
"Diese verdammte S-Bahn!" Donner rollte heran.
Da ich nicht wusste, ob sie mit mir, dem Heinz oder wie einst Don Camillo mit dem höheren Wesen, das sie verehrte, redete, beschränkte ich mich auf ein Nicken.
"Erst sind Züge ausgefallen, dann haben Heizungen und Türen nicht funktioniert, waren Weichen vereist, haben Kabel gebrannt und was weiß ich nicht noch alles."
"Rücktritt Mehdorn, Auftritt Grube", kommentierte der Heinz aus dem Off, offensichtlich vollständig angstfrei.
"Dann haben sie diese bescheuerte Brücke vor Wannsee abgerissen und den Fahrplan umgestellt, um in Nikolassee Anschluss zu schaffen."
Mellie sah mich wütend an. Um den Heinz wütend anzusehen, hätte sie sich ziemlich vorbeugen müssen. Das wiederum hätte ich gern gesehen.
"Die Verbindung zur BVG hat von Anfang an nicht geklappt, genau wie zum Ersatzverkehr, wenn Du auf der Treppe nicht zu den ersten zwanzig gehörst."
Ich wartete.
"Und jetzt bauen sie zwischen Schöneberg und Friedenau und ich brauche fürs Warten und Umsteigen länger als für die Fahrtzeit."
Bislang hatte sie weder nach Getränken gefragt, noch mit unseren Standardbestellungen begonnen.
"Als Sahnehäubchen fährt eine Freundin täglich im Regionalverkehr nach Griebnitzsee. Aber der wurde wegen des Brückenbaus ebenfalls komplett und gleichzeitig zur S-Bahn eingestellt. Und die Kirsche oben drauf ist die Avus, die seit dem Sommer halb gesperrt ist. Völlig egal wie oder wann, Du landest im Stau."
Vorsichtig deutete ich auf das Regal hinter ihr, in dem unglaubliche Mengen von Alkohol auf Gäste - also mich - warteten, aber Mellie sah nichts, Mellie hörte nichts.
"Wenn ich könnte würde ich die Bahn auf Rückgabe meiner zwischen ihren Baustellen verlorenen Lebenszeit verklagen."
"Die Bahn AG will nur Geld verdienen." Der Heinz schnitt ein Zigarrenende ab.
"Ob sie mit dem Monopol für den innerdeutschen öffentlichen Nahverkehr - eine Folge des ersten Weltkriegs - die Preise hochtreibt, KZ-Häftlinge transportiert oder uns das von uns selbst bezahlte Schienensystem vorenthält und uns immer wieder aufs Neue dafür bezahlen lässt, dass wir es benutzen." Er gab sich Feuer.
"Renditevorstellungen in Höhen, von denen mittlerweile selbst die Deutsche Bank abgerückt ist, bluten die S-Bahn aus, und Du glaubst, die würden sich auch nur die Bohne um Deine Transportbedürfnisse scheren? Lieber kauft die Busse in Indien oder Container-Schiffe in Afrika."
"Ich will aber nicht von Hongkong nach Macao, sondern von Mitte nach Steglitz und zwar pronto, damit ich nicht nochmal zu spät komme und ihr beiden Besserwisser schon auf mich wartet. Habt Ihr eigentlich die verdammten Stühle draußen zurück auf den Stapel gestellt? Heute soll's noch regnen!"
Ich ging Stühle stapeln. Und bevor ich mich endgültig ohne Bier vom Acker machte, hatte ich tatsächlich noch keine Replik von dem Heinz gehört, keine passende Bestellung, keinen Musikauftrag.
"Willst Du mich zu allem Überfluss auch noch auf den Arm nehmen?"
Wollen hätte ich schon gemocht, nur dürfen habe ich mich nicht getraut. Denn unbedingt zu vermeiden wäre dabei, dass der Heinz seine Unzufriedenheit über die Gesamtsituation anschliessend an mir ausließ. Heikel. Und ambitioniert. Noch in der Planungsphase meiner Antwort überholte mich die Realität in Form von Mellies Ankunft.
"Natürlich müsst ausgerechnet Ihr es sein!" schnauzte sie, bevor sie schaumgebremst und mit hochrotem Kopf erst das Sicherheitsgitter, dann die Tür aufschloss.
Bis Licht und Musik andeuteten, dass die Explosionsgefahr drinnen nicht mehr unmittelbar sei, warteten wir. Schwerfällig ließ sich der Heinz in seiner Ecke nieder, ich nahm mir einen Barhocker.
"Diese verdammte S-Bahn!" Donner rollte heran.
Da ich nicht wusste, ob sie mit mir, dem Heinz oder wie einst Don Camillo mit dem höheren Wesen, das sie verehrte, redete, beschränkte ich mich auf ein Nicken.
"Erst sind Züge ausgefallen, dann haben Heizungen und Türen nicht funktioniert, waren Weichen vereist, haben Kabel gebrannt und was weiß ich nicht noch alles."
"Rücktritt Mehdorn, Auftritt Grube", kommentierte der Heinz aus dem Off, offensichtlich vollständig angstfrei.
"Dann haben sie diese bescheuerte Brücke vor Wannsee abgerissen und den Fahrplan umgestellt, um in Nikolassee Anschluss zu schaffen."
Mellie sah mich wütend an. Um den Heinz wütend anzusehen, hätte sie sich ziemlich vorbeugen müssen. Das wiederum hätte ich gern gesehen.
"Die Verbindung zur BVG hat von Anfang an nicht geklappt, genau wie zum Ersatzverkehr, wenn Du auf der Treppe nicht zu den ersten zwanzig gehörst."
Ich wartete.
"Und jetzt bauen sie zwischen Schöneberg und Friedenau und ich brauche fürs Warten und Umsteigen länger als für die Fahrtzeit."
Bislang hatte sie weder nach Getränken gefragt, noch mit unseren Standardbestellungen begonnen.
"Als Sahnehäubchen fährt eine Freundin täglich im Regionalverkehr nach Griebnitzsee. Aber der wurde wegen des Brückenbaus ebenfalls komplett und gleichzeitig zur S-Bahn eingestellt. Und die Kirsche oben drauf ist die Avus, die seit dem Sommer halb gesperrt ist. Völlig egal wie oder wann, Du landest im Stau."
Vorsichtig deutete ich auf das Regal hinter ihr, in dem unglaubliche Mengen von Alkohol auf Gäste - also mich - warteten, aber Mellie sah nichts, Mellie hörte nichts.
"Wenn ich könnte würde ich die Bahn auf Rückgabe meiner zwischen ihren Baustellen verlorenen Lebenszeit verklagen."
"Die Bahn AG will nur Geld verdienen." Der Heinz schnitt ein Zigarrenende ab.
"Ob sie mit dem Monopol für den innerdeutschen öffentlichen Nahverkehr - eine Folge des ersten Weltkriegs - die Preise hochtreibt, KZ-Häftlinge transportiert oder uns das von uns selbst bezahlte Schienensystem vorenthält und uns immer wieder aufs Neue dafür bezahlen lässt, dass wir es benutzen." Er gab sich Feuer.
"Renditevorstellungen in Höhen, von denen mittlerweile selbst die Deutsche Bank abgerückt ist, bluten die S-Bahn aus, und Du glaubst, die würden sich auch nur die Bohne um Deine Transportbedürfnisse scheren? Lieber kauft die Busse in Indien oder Container-Schiffe in Afrika."
"Ich will aber nicht von Hongkong nach Macao, sondern von Mitte nach Steglitz und zwar pronto, damit ich nicht nochmal zu spät komme und ihr beiden Besserwisser schon auf mich wartet. Habt Ihr eigentlich die verdammten Stühle draußen zurück auf den Stapel gestellt? Heute soll's noch regnen!"
Ich ging Stühle stapeln. Und bevor ich mich endgültig ohne Bier vom Acker machte, hatte ich tatsächlich noch keine Replik von dem Heinz gehört, keine passende Bestellung, keinen Musikauftrag.
18.08.12
Zen oder die Kunst, einen Flughafen zu bauen - ein Update
Fürs Wochenende waren über dreißig Grad angesagt und alle, denen ich auf dem Trampelpfad zur rituellen Tränke begegnete, übten schon mal Schwitzen. Drinnen war es richtig stickig, schon weil des Heinz' Zigarre ordentlich für Feinstaub sorgte. Den Kerl, der sich an der Bar hinter einer 'B.Z.' versteckte, störte weniger der Rauch: "Jetzt verschieben sie die Eröffnung des Flughafens zum vierten Mal!"
"Das ist bei rein repräsentativen Gebäuden nun mal so," gab der Heinz unbeteiligt zurück, "bis der Kölner Dom fertig war, hat es auch fünfhundert Jahre gedauert."
"Das ist doch ewig her."
"Hundertfünfzig Jahre," der Heinz schaute kurz auf, "kein Verhältnis zur Bauzeit. Dann sind da noch die Hamburger Elbphilharmonie und der CCTV-Knoten in Peking: Der sollte auch zu deren Olympiade fertig sein."
"Aber das BER-Desaster ist rufschädigend für Berlin!"
"Das nicht BER sondern BBI heißen sollte. Kurz nach der ersten Werbung kam dann raus, dass das Kürzel schon nach Indien vergeben war."
"Man kann nicht an alles denken," murmelte ich. Mellie sah genervt zu mir rüber.
"Zwanzig Jahren Planung und zu wenig Abfertigungsschalter," maulte es hinter der Zeitung.
"Man kann eben nicht an alles denken," wiederholte ich mich.
"Keine private Finanzierung, jede Menge Pleiten und dann die Flugrouten über der Stadt," die 'B.Z.' konnte es einfach nicht auf sich beruhen lassen, "warum sollen die sicherer sein als ein Flughafen in der Stadt? Wurde nicht deshalb außerhalb geplant? Keine Flüge über dem Stadtgebiet?"
"Ich sag doch: ..."
"Dann haben sie noch diesen Islamisten als Sicherheitsmann eingestellt."
"Vielleicht um die Reisenden für den Flug mit kostenlosen Koran-Ausgaben zu versorgen?" mutmaßte der Heinz.
"So schlimm ist es nun wirklich nicht," wandte ich ein, "die Bauarbeiten in Mitte kommen jedenfalls gut voran."
Der Heinz grinste: "Du meinst die Legoland-Version im Sony-Center?"
"In Echt ist der sicherheitstechnisch wichtigste Teil aber auch schon fertig!"
Damit hatte ich aller Aufmerksamkeit.
"Na das Abschiebeknast. Noch kommt zwar keiner an, aber ohne Papiere kann er schon mal weggesperrt werden. Und in einem Gefängnis direkt am Flughafen würden Anschläge dort zur Selbsterfahrung."
Der Heinz schüttelte den Kopf: "Ich hab gelesen, Sprachwissenschaftler sollen sich grad mit der Entwicklung eines Futur drei beschäftigen, um sinnvolle Gespräche über den Flughafen zu ermöglichen."
"Futur drei?" fragte Mellie.
"Eins beschreibt die Zukunft, das zweite Dinge, die zu einem fixen Zeitpunkt in der Zukunft abgeschlossen sein werden. Drei soll jetzt Ereignisse beschreiben, die zu einem fixen Zeitpunkt in der Zukunft hätten fertig sein sollen, von denen aber jetzt schon klar ist, dass sie das nicht sein werden, und dass sie sich hinziehen, bis nicht mehr sicher ist, ob sie überhaupt jemals abgeschlossen werden können."
"Das ist nicht witzig," sagte die 'B.Z.'.
"Wieso nicht?" fragte der Heinz zurück, "je mehr Kapazitäten der Flughafen frisst, desto weniger bleibt für diese wilhelminische Stadtschlossmonstrosität übrig."
"Vergiss das Stadtschloss," schlug ich vor, "machen wir's wie die Pharaonen: Der Flughafen wird Wowereits Mausoleum."
"Wowereit als Schneewittchen in der Glaskiste?"
"Wäre Dir Lenin am Roten Platz lieber?"
"Kleinerer Mann, größere Kiste, "der Heinz rieb sich das Kinn: "Bis zu dessen Ableben könnten sie tatsächlich fertig werden. Mellie, kennst Du den alten 'Lufthansa-Cocktail'? Und leg 'From here to Eternity' auf."
"Och Heinz, blas Dich mal nicht so auf!"
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15.07.12
looking for the summer
Die Ferienzeit begann genauso, wie die vorige abgelaufen war: die Autobahnen verstopft, der Nahverkehr blockiert und der Dauerregen subarktisch. Kurz gesagt: Alle wollten weg, aber niemand kam irgendwohin.
Prompt wurde meine nächste Telepathie-Sitzung bei Dr. Stout auch noch schnöde von Mellie unterbrochen: "Und warum ist das Deiner Meinung nach nicht der Beginn der Klimakatastrophe, Heinz?"
"Wegen des bisschen Regens? Sieh Dir mal London an. Die 'Times' spricht vom regenstärksten Frühjahr seit 1766. Denen werden noch die Raketenwerfer einrosten, die sie für Olympia auf die Dächer gestellt haben."
"Als Sportgeräte?" fragte ich.
"Quatsch, um Anschläge zu verhindern."
Genüsslich blies der Heinz mehr belastenden Feinstaub in den Raum: "Die Schlagzeile zu den Wasserspielen von London lautet: 'Just. Stop. Raining.' - als hätte die "Times" eine Direktverbindung."
"Siehst Du?" forderte Mellie Einsicht.
"Das hier ist doch noch kein Unwetter. In Japan fallen grad 11 Zentimeter Regen pro Stunde. Dort werden ganze Inseln evakuiert, während in Indien Hindu-Priester lebende Frösche mit Kurkuma würzen und traditionell verheiraten, um seit Jahren mal wieder Monsunregen zu kriegen."
"Ich kann mich nicht mal mehr erinnern", meinte Mellie angewidert, "wann wir das letzte Mal einen richtigen Sommer hatten."
"'Bild am Sonntag' behauptet, dass 65% der Deutschen noch an diesen Sommer glauben, zwischen 14 und 29 Jahren übrigens 75%. Du könntest Dich etwas altersgerechter verhalten."
"Durch den vielen Regen passen die Spreewald-Gurken kaum noch in die Gläser."
"Saure-Gurken-Zeit", grinste der Heinz, "also wenn Du Dich bloß langweilst..."
"Schön, dass das für Dich alles ein Witz ist, aber ich muss dringend in die Sonne, und wenn es nur für ein paar Tage ist."
"Hast Du nun Angst vor einer Klimakatastrophe oder nicht? Die hältst Du nämlich nicht damit auf, für einen Mallorca-Kurztrip dieselbe Menge Stickoxide in die Luft zu blasen, mit der Du über ein Jahr Autofahren könntest."
Der Heinz schüttelte den Kopf: "Worüber beschwerst Du Dich? Selbst in 'Villa Riba' regnet es, ich hab's in der Werbung gesehen, denen hilft's beim Spülen. Und während wir in 'Villa Bajo' weiter auf besseres Wetter warten, könntest Du mal 'it's raining again' aus dem Computer kramen und jedem einen heißen Grog machen."
29.06.12
eviva espana
Es war der Tag nachdem ein tief schwarzer Krieger mit kurzem, gelben Irokesen und italienischem Namen die deutsche Fußballnationalmannschaft mit Gewalt ins Nirwana geschossen hatte. Dreißig Grad brannten der Hauptstadt den Schweiß in den Beton. Die Ich-will-doch-nur-spielen-Patrioten schleppten die Überreste ihrer schwarz-rot-goldenen Überheblichkeit über den weichen, dampfenden Asphalt.
Weil ich noch nicht raushatte, wie sich das Spielergebnis auf die Preisgestaltung meiner Lieblings-Pizzeria auswirkte und es richtig heiß war, steuerte ich kühlen und neutralen Halbschatten an. Ich bestellte ein kaltes Schwarzes und folgte der Diskussion zwischen Bodo und dem Heinz.
"Wieso verdammte Italiener? Du wolltest keine Politik, Du wolltest keine Europa-Diskussion und keine über Menschenrechte. Wenn es also wirklich nur Fußball war, weshalb regst Du Dich dann so auf?"
"Du vaterlandsloser Geselle!"
"Bodo!" zischte Mellie.
Der Heinz stieß ein Rauchwölkchen aus: "Was erwartest Du von jemandem der Balla-Telli heisst? Außerdem stellen wir schon den Papst, Audi hat Lamborghini gekauft, die Märkte haben ihren Mini-Duce geschasst und La Merkel lässt sie nicht mit unserem Geld rumspielen." Der Heinz zuckte die Achseln: "Uns geht's doch bueno und da trägst Du Ihnen einen Sieg im Fußball nach?"
"Das alles hat doch gar nichts damit zu tun! Es ist doch nur Fußball"
"Eben. Nur Fußball."
Ich sah Mellies Verzweifelung und versuchte zu vermitteln: "Wir sind doch alle gute Verlierer, oder? Und gute Verlierer beklagen sich nicht. Wir kaufen nächsten Monat bloß alle kein Nutella, keinen Ferrari und keine Pizza mehr, auch nicht die aus dem original italienischen Steinofen von Dr. Oetker.
Und weil von uns wirklich niemand nachtragend ist, trinken wir jetzt alle einen Veterano und Mellie legt 'eviva espana' auf."
Der Heinz schüttelte den Kopf: "Bei deutschen Schlagern passe ich. Zahlen bitte!"
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